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Als man Charles über seinen Haarschnitt ausfragte, sagte er bloß, daß er allein dafür verantwortlich sei. Trotz Drohungen von Stabsoffizieren und Senioren ließ er sich nicht von seiner Geschichte abbringen. Seine Verschwiegenheit brachte ihm den Respekt der meisten Führer des Kadettenkorps ein – auch denjenigen von Beauty Stuart.

Es dauerte nicht lange, bis Charles Stuart zu vergöttern begann, obwohl die beiden auf den ersten Blick gesehen nicht viel gemeinsam hatten. Charles sah gut aus; Stuart war das augenfällige Gegenteiclass="underline" Sein gedrungener Körper stand in scharfem Gegensatz zu seinen ungewöhnlich langen Armen. Doch mit Schneid und Charme machte er seine äußere Erscheinung mehr als wett. Seine blauen Augen strahlten fast immer Humor aus, und bei den jungen Damen, die im Hotel abstiegen, war er ungeheuer erfolgreich.

In militärischer Hinsicht hatte Charles keine Schwierigkeiten mit der Ausbildung in West Point – in schulischer Hinsicht sah es ein wenig anders aus. Die Kurse in englischer Grammatik und in Geographie waren recht einfach, um nicht zu sagen langweilig. Aber trotz der ausgezeichneten Vorbereitung von Herrn Nagel blieb Algebra ein absolutes Mysterium. Charles gesellte sich unverzüglich zu den Unsterblichen und verließ sie auch nach den Januarprüfungen nicht, bei denen er beinahe durchgefallen wäre. Auch im zweiten Semester, als er mit dem Französischstudium begann, verbesserte sich seine Lage kaum.

»Wieso zum Teufel müssen Soldaten Französisch können?« fragte er Billy bei einer der seltenen Gelegenheiten, bei denen sie sich miteinander unterhalten konnten, ohne daß ihre verschiedenen Ränge sie behindert hätten. Es war an einem Samstagnachmittag im Februar, und das Wetter wurde allmählich wärmer. Sie strolchten in den Hügeln oberhalb von Fort Putnam herum. Wenn sie nordwärts blickten, konnten sie große Eisblöcke auf dem grauen Fluß treiben sehen. Vereinzelt stiegen Rauchschwaden aus den Kaminen der Steinhäuser unter ihnen in die trockene Winterluft auf. Billy, der Fausthandschuhe trug, zerbrach einen Ast und schleuderte beide Stücke fort.

»Weil eine ganze Menge militärischer und wissenschaftlicher Schriftstücke auf französisch verfaßt sind, Mr. Bison! Vielleicht mußt du eines Tages einen solchen Text übersetzen.«

»Ich nicht. Ich gehe zu den Dragonern und mache Jagd auf die Indianer.« Er blickte seinen Freund argwöhnisch an. »Ist das wirklich der Grund?«

»Wieso sollte ich dich anlügen?«

»Weil ich ein Junior bin und du ein gewiefter Rhetoriker. Das hast du ja schließlich bewiesen, als du mich dem Barbier ans Messer geliefert hast.«

Billy zog eine Grimasse.

»Ein gewiefter Rhetoriker«, wiederholte Charles genüßlich. Dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, stellte er sich wie ein Ankläger vor Billy hin und sagte: »Ha, ich hab’s, du heißt von nun an Rhet.«

Billy rümpfte die Nase und murrte, aber im geheimen freute er sich, denn es hatte ihn gestört, immer noch ohne Spitznamen zu sein. Zudem schien es ihm höchst angebracht, daß er von seinem besten Freund auserkoren worden war.

Gegen Ende Mai des Jahres 1854 verabschiedete der Senat die Kansas-Nebraska-Bill. Senator Douglas hatte den Gesetzesentwurf im Januar vorgelegt und damit die schwelende Sklavenkontroverse wieder einmal zum Aufflackern gebracht.

Mit dem Gesetz wurden zwei neue Territorien ins Leben gerufen. Douglas fand, es sei ein Ausdruck der Volkssouveränität; die Sklavengegner hingegen waren der Ansicht, daß es Verrat sei – eine Aufhebung des alten Missouri-Kompromisses, der die Sklaverei nördlich des 36. Breitengrades verboten hatte. Es wurde gemunkelt, daß Jefferson Davis Präsident Pierce dazu angehalten habe, das Gesetz zu unterzeichnen. Die Sklavengegner vertraten die Meinung, daß offensichtlich eine neue politische Partei notwendig sei, um die finsteren Komplotte, die in Washington geschmiedet wurden, zu bekämpfen.

In einem Brief an Charles schrieb Orry, daß der vor vier Jahren geschlossene Clay-Kompromiß – wie dies aus den Phrasendreschereien beider Seiten zu schließen sei – in Schutt und Asche liege. Charles, der nicht viel von den nationalen Problemen verstand und sich auch nicht allzu sehr dafür interessierte, fühlte sich deswegen in die Enge gedrängt, denn ab und zu schrieben Senioren wegen eines heftigen Blicks oder eines gemurmelten Protests einen Bericht über ihn und nannten sein Benehmen eine typische ›südliche Unverschämtheit‹. Südstaatler wie zum Beispiel Slocum reagierten auf ein solches Vorgehen mit grausamen Schikanen Junioren aus dem Norden gegenüber. Lee ermahnte die Kadetten immer noch, ein Bund von Brüdern zu sein, aber Charles sah, wie sich das Korps langsam in zwei feindliche Lager spaltete.

Innerhalb beider Lager gab es natürlich verschiedene Abstufungen. So vertrat Slocum das eine Extrem der Südstaatler und Beauty Stuart das andere – das heißt, wenn er sich anständig benahm und sein Temperament nicht mit ihm durchging. Charles nahm sich sowohl Stuart als auch Billy zum Vorbild, denn Billy hielt sich aus den politischen Diskussionen heraus und konzentrierte sich auf gute Noten, die er, allem Anschein nach, ohne große Mühe erzielte. Dennoch fand es Charles – in Anbetracht seiner Erziehung und der Lage der Dinge – manchmal sehr schwierig, sein Temperament zu zügeln. Während eines Anwesenheitsappells wurde er von einem verhaßten Kadettenfeldwebel aus Vermont herausgepickt. Der Yankee riß ihm unter dem Vorwand einer Inspektion drei Uniformknöpfe ab.

»Kein Wunder, daß Sie nie ordentlich aussehen, Sir«, knurrte der Yankee. »Die Nigger fehlen Ihnen hier.«

»Ich poliere meine Knöpfe selbst und kämpfe meinen Kampf selbst.«

Der Kadett aus Vermont schob den Unterkiefer vor; seine Augen funkelten in der Morgensonne.

»Was haben Sie gesagt, Sir?«

»Ich habe gesagt – « Charles erinnerte sich plötzlich an seine hundertneunzig Fehlerpunkte und daran, daß seine Juniorenzeit erst in zwei Wochen zu Ende sein würde. »Nichts, Sir.«

Der Kadettenfeldwebel stolzierte selbstgefällig weiter. Vielleicht war auch er erleichtert, denn Charles hatte den Ruf, daß er mit Jagdmesser und Fäusten ausgezeichnet umzugehen verstand.

Charles haßte es, sich von einem Yankee beleidigen zu lassen und klein beizugeben. Er verhielt sich nur so, weil er Orry eine angemessene Leistung an der Akademie schuldig war, und dies war ihm wichtiger als echte oder imaginäre Kränkungen seiner Ehre. Zumindest glaubte er das zu diesem Zeitpunkt.

Eigenartigerweise war es ein Südstaatler, der Charles zum erstenmal dazu veranlaßte, ernsthaft über die Sklaverei nachzudenken. Der Schuldige war Caleb Slocum, der nun zum Kadettenfeldwebel aufgerückt war.

Der Kadett aus Arkansas hatte ausgezeichnete Noten und befand sich in den meisten Fächern unter den Besten. Billy meinte, er sei so gut, weil er sich die Prüfungsfragen zum vornherein beschaffe und auch sonst mogle. Obwohl auf Mogeln natürlich auch strenge Strafen standen, schenkten weder die Offiziere noch die Professoren diesem Tatbestand die Aufmerksamkeit, die sie andern disziplinarischen Vergehen, wie zum Beispiel dem Trinken, widmeten.

Dies war ein weiterer Grund dafür, daß Billy Slocum verachtete. Er sagte Charles, daß er die Absicht habe, den Kadetten aus Arkansas eines Tages zu verdreschen.

Slocum verstand es meisterhaft, die Junioren zu quälen. Er trieb sich oft bei Benny Haven herum – der Besitzer lebte immer noch, er schien unsterblich – und konnte dort verschiedene Schikaniermethoden in Erfahrung bringen, die in der Vergangenheit ausprobiert und als zu gemein verworfen worden waren.

Aber für Slocum waren sie nicht zu gemein. Seine Opfer waren Junioren aus dem Norden. Als Charles die absolute Macht bemerkte, die Slocum ausübte, wurde ihm klar, daß zu Hause genau die gleichen Machtverhältnisse zwischen dem weißen Herrn und dem schwarzen Sklaven herrschten. Natürlich waren diese Verhältnisse schon immer dagewesen, aber er hatte noch nie zuvor erkannt, wie mißbräuchlich und grausam sie ausgenutzt werden konnten.