Charles fühlte sich dem Süden gegenüber unloyal, aber er vermochte einige Zweifel an der Sklaverei nicht zu unterdrücken. Tag für Tag wurde er mit ihm fremden Ideen bombardiert; es gärte in der Nation, und es gärte in der Akademie. Im stillen begann er über verschiedene Aspekte der eigentümlichen Institution der Sklaverei nachzudenken: über ihre Berechtigung und über ihre langfristige praktische Anwendbarkeit. Es fiel ihm schwer zuzugeben, daß das System völlig falsch war – schließlich war er trotz allem ein Südstaatler –, aber da so viele Leute dagegen waren, mußte irgend etwas daran falsch sein. In Anbetracht der Feindseligkeiten, die durch die Sklaverei geschaffen wurden, schien sie für den Süden eher eine Last als ein Gewinn. Manchmal war Charles sogar beinahe bereit, jenem Wahlreden haltenden Mann aus Illinois, Lincoln, zuzustimmen; er sagte nämlich, daß das Problem einzig und allein mit einer stufenweisen Emanzipation gelöst werden könne.
Obwohl er immer noch aufgewühlt war, wollte Charles unter allen Umständen Auseinandersetzungen wegen dieser Frage vermeiden. In der Nacht auf den 1. Juni aber wurde dieser Entschluß über den Haufen geworfen.
Um halb zehn nahm Charles Seife und Handtuch und ging nach unten zum Waschraum der Kaserne. Da es schon spät war, hoffte er, allein zu sein. Einmal pro Woche mußten die Kadetten ein Bad nehmen, aber sie durften dies ohne eine Sondererlaubnis von Oberst Lee nicht öfter tun.
Öllampen verbreiteten im Korridor ein schummriges Licht. Es wurde gemunkelt, daß Minister Davis demnächst ein Gaslichtsystem zu installieren gedachte. Charles eilte durch den Eingang am Getränkeladen vorbei; er wollte nicht gesehen werden. Das viele Marschieren hatte ihn erschöpft, und seine Beine schmerzten. Er lechzte danach, sich in der Badewanne auszustrecken und vor dem Zapfenstreich noch zehn oder fünfzehn Minuten lang im warmen Wasser zu dösen.
Als er sich der Doppeltür des Waschraums näherte, begann er leise zu pfeifen. Doch plötzlich hielt er inne und spitzte die Ohren. Er runzelte die Stirn. Hinter der Tür waren Stimmen zu hören; zwei verhalten, eine dritte etwas lauter.
Flehend.
Mit einem Ruck riß er die Tür auf. Verdutzt wirbelten Caleb Slocum und ein schmächtiger Klassenkamerad aus Louisiana herum. Slocum hielt in der einen Hand einen offenen Behälter, aus dem ein durchdringender Terpentingeruch aufstieg, der sich mit dem Duft von Seife und der feuchten Luft vermischte.
Der Kadett aus Louisiana hielt einen dritten jungen Mann am Nacken fest und preßte sein Gesicht in die leere Wanne. Der Junge starrte Charles aus großen, dunklen, feuchten und verängstigten Augen an. Charles erinnerte sich an ihn: ein erst am selben Tag angekommener Neuling.
»Verschwinden Sie, Sir«, sagte Slocum zu Charles. »Diese disziplinarische Angelegenheit geht Sie nichts an.«
»Disziplinarische Angelegenheit? Daß ich nicht lache! Der Bursche ist erst seit heute nachmittag hier. Er kann sich wohl noch ein oder zwei Fehler leisten!«
»Der Yankee hat uns beleidigt«, brüllte der Kadett aus Louisiana.
»Das ist nicht wahr«, protestierte der Junge in der Wanne. »Sie haben mich geschnappt, hierhergezerrt und – «
»Du sagst gar nichts«, polterte der Louisianer, packte den Neuling wieder am Nacken und drückte so stark, bis der Bursche winselte.
Slocum trat nach vorn, um Charles die Sicht zu versperren. Sein mit Pusteln übersätes Gesicht verfinsterte sich, als er sagte: »Ich sage Ihnen nur noch einmal, daß Sie gehen sollen, Sir!«
Charles schüttelte langsam den Kopf. Die mit den Wannen verbundenen Wasserleitungen strahlten Wärme aus. Er trocknete sich seine feuchten Hände am Hemdzipfel ab und sagte: »Nicht, bis ich weiß, was ihr mit ihm vorhabt.« Allerdings glaubte er es jetzt schon zu wissen.
Schnell machte er einen Schritt zur Seite und stürzte sich nach vorn, bevor Slocum reagieren konnte. Das Opfer war nackt. Es war ganz ausgemergelt und sah mit seinem nackten, leicht erhobenen Gesäß erbärmlich aus. Seine Hoden waren mit einer Schnur so stark zugeschnürt, daß sie bereits geschwollen waren.
Charles befeuchtete sich den Gaumen, der auf einmal wie ausgedörrt schien. Es wurde hier wieder einmal eine der schon früher erprobten Quälereien angewendet. Charles war gerade vor dem Abschluß des Unterfangens dazugekommen – dem Opfer sollte Terpentin in den Anus gegossen werden.
Die Galle kam ihm hoch, die Wut verschlug ihm beinahe die Sprache: »So behandelt man nicht einmal einen Hund! Laßt ihn los!«
Slocum konnte und wollte sich nicht von einem Junioren herumkommandieren lassen. »Main, ich warne Sie – «
Die Tür wurde geöffnet. Charles wirbelte herum und erblickte Frank Pratt mit einem Handtuch über dem Arm. Überraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht, als er die Lage überblickte. Er würgte und sah sehr wütend aus. In sanftem, aber äußerst bestimmtem Ton sagte Charles:
»Hol Billy Hazard. Ich will, daß er sieht, welche Schweinerei Slocum diesmal ausgeheckt hat.«
Frank rannte hinaus und schmetterte die Tür zu. Slocum stellte den Behälter mit dem Terpentin auf den glitschigen Boden und massierte sich dann gemächlich die Knöchel mit der linken Handfläche. »Anscheinend verstehen Sie nur eine Art von Befehl, Sir. Nun gut, ich werde mich anpassen.«
Charles hätte wegen diesem Getue beinahe losgelacht, aber er wagte es nicht, denn die zwei waren Senioren und saßen obendrein noch in der Patsche. Das machte sie gefährlich.
Der Kadett aus Louisiana ließ von dem Jungen in der Wanne ab, der nach vorn fiel und einen leisen Schrei ausstieß. Slocum massierte sich immer noch melodramatisch die Hand. Sein Kamerad packte ihn am Arm.
»Laß dich nicht mit ihm ein, Slocum. Du kennst seinen Ruf. Es fehlen ihm bloß noch zehn Minuspunkte, und er wird entlassen. Wenn wir einen Rapport schreiben, sind wir ihn los.«
Die Idee überzeugte den Kadetten aus Arkansas, der sich im Grunde nicht mit jemandem, der so groß und stark wie Charles war, auf einen Kampf einlassen wollte. Slocum rieb sich immer noch die Hand und sagte, ohne sich direkt an jemanden zu wenden: »Der verdammte Idiot sollte sowieso auf unserer Seite stehen. Wir kommen alle aus dem gleichen Teil – «
Die Tür wurde geöffnet. Frank und Billy kamen herein. Billy schlug die Tür zu. Als er sah, was los war, explodierte er.
»Mein Gott! Sir« – er zeigte auf den zusammengekauerten Burschen – »ziehen Sie sich an und gehen Sie auf Ihr Zimmer.«
»J-ja, Sir.« Der Neuankömmling tastete zaghaft über den Badewannenrand nach seinen Kleidern, aber sie waren weit weg. Charles kickte sie ihm zu. Slocum starrte Billy feindselig an.
»Kommen Sie nicht hier herein, um Befehle zu erteilen, Sir. Vergessen Sie nicht, daß ich Ihr Vorgesetzter bin, und – «
Billy unterbrach ihn. »Zum Teufel damit! Sie glauben wohl, West Point sei Ihre Plantage und jeder Junior ein Nigger, den Sie mißhandeln können. Sie verdammter Sklavenhalter!«
»Komm, laß das, Rhet«, schrie Charles. »Diese Art von Gerede ist wirklich unnötig.«
Aber sein Freund schäumte vor Wut. »Wenn du auf seiner Seite stehst, dann sag es doch gleich.«
»Du verdammter – «
Charles’ Schrei widerhallte im feuchten Raum, und seine Faust schnellte nach vorn, bevor er wußte, was er tat. Er vermochte gerade noch den Schlag zu bremsen.
Billy war schon einen Schritt zurückgesprungen und hatte die Fäuste erhoben, um den Schlag abzuwehren. Er war nicht weniger verblüfft als Charles.
Charles fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen. Nur wegen ein paar Worten, die er nicht als Individuum, sondern als Südstaatler aufgefaßt hatte, war er bereit gewesen, einen Streit vom Zaun zu brechen. Er hatte genau wie Whitney Smith und die ganze Bande reagiert.