Er fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund: »Rhet, es tut mir leid.«
»Schon gut.« Billys Ton war nicht gerade freundlich.
»Slocum ist derjenige, den wir – «
»Schon gut, sagte ich!«
Billy starrte seinem Freund einen kurzen Augenblick wütend in die Augen, dann beruhigte er sich etwas. Er machte eine Kopfbewegung Richtung Tür.
»Alle raus – außer dir, Slocum. Deine Art von Disziplinierung wird in dieser Gegend nicht geschätzt. Es ist an der Zeit, daß dir das jemand klarmacht.«
Besorgt sagte Frank Pratt: »Billy, du wirst die Hälfte des Korps gegen dich haben, wenn du das machst.«
»Glaub’ ich nicht. Aber ich geh’ das Risiko ein. Raus hier!«
»Ich steh’ draußen Wache«, sagte Charles. »Es wird dich niemand stören.«
Charles hatte ein Angebot gemacht, das vom Korps verstanden würde: Ein Nordstaatler, der sich mit Slocum befaßte, und ein Südstaatler, der Wache stand, waren der Beweis dafür, daß Slocums Benehmen und nicht sein Geburtsort die Ursache des Kampfes war.
»Beeil dich«, sagte Charles zum Neuankömmling, der große Mühe hatte, sein zerknittertes Hemd überzuziehen. »Zieh deine Schuhe draußen an.«
Der Junge verließ den Raum, gefolgt von Frank Pratt. Charles starrte den Kadetten aus Louisiana an. »Sieht so aus, als müßte ich Sie raustragen.«
»Nein – nein!« Der Mann aus Louisiana flüchtete wie eine Krabbe seitwärts. Erst in der Halle drehte er sich um und rannte wie der Teufel.
Charles spähte den düsteren Korridor hinunter, in dem sich niemand außer Frank Pratt befand, der bei der Treppe kauerte und ängstlich nach oben starrte. Der Mann, der den Getränkeladen bediente, kam heraus, schloß die Tür ab, bemerkte Charles und Frank und stieg dann ohne ein Wort zu sagen die Treppe hoch.
Charles lehnte sich gegen die Doppeltür, er war immer noch von den Ereignissen aufgewühlt. Aus weiter Ferne vernahm er die ersten Töne des Zapfenstreichs. Vom Waschraum her kam ein leiser Angstschrei und gleich danach der erste Schlag einer Faust.
Zehn Minuten später kam Billy heraus. Außer den Blutspritzern auf seinem Hemd und den kleinen Blutergüssen auf dem Handrücken war ihm nichts anzumerken.
Nein, das stimmte nicht ganz, wie Charles feststellte. Die Augen strahlten eine gewisse Unruhe aus. »Kann er noch gehen?« fragte Charles.
»Ja, aber es wird ihm für eine Weile nicht danach zumute sein.« Ihre Blicke trafen sich, aber Billy schaute weg. »Ich befürchte, daß ich zu großen Gefallen daran gefunden habe.«
Von der Treppe her bedeutete Frank Pratt ihnen, sich zu beeilen. Sie würden sich alle Minuspunkte einhandeln, wenn der inspizierende Offizier vor ihrer Tür »Alles in Ordnung?« riefe und keine Antwort erhielte.
Aber Charles war das egal. Er dachte über Billys Bemerkung nach. Hatte Billy Slocum so durchgeprügelt, weil dieser ein Südstaatler war? Sie gesellten sich zu Frank, der angstvoll fragte: »Was wird passieren, wenn Slocum darüber redet?«
Als sie die Treppe hinaufstiegen, sagte Billy: »Ich habe ihm klarzumachen versucht, dies besser zu unterlassen. Ich glaube, er weiß, daß ich ihm – sollte unsere kleine Sitzung in irgendeinem offiziellen Bericht auftauchen – vor meiner Entlassung nochmals einen Besuch abstatten werde; und seinem Genossen aus Louisiana ebenfalls.«
Frank fuhr fort: »Du könntest ja auch formell Klage gegen ihn einreichen, wegen Mißhandlung dieses Neuen – «
Billy schüttelte den Kopf. »Wenn ich das täte, würde man Slocum als Helden betrachten und mich als einen rachsüchtigen Yankee. Die Spannung ist hier schon groß genug. Ich bin der Ansicht, daß wir es dabei bewenden lassen sollten.«
Schweigend trotteten sie die düstere Treppe hinauf. Charles quälten Zweifel an sich selbst wie auch an Billy. Sie konnten beide nicht abstreiten, daß nun auch sie von der Krankheit befallen worden waren, die das ganze Land erfaßt hatte, und noch im selben Augenblick beschloß er, daß es auf keinen Fall schlimmer werden durfte.
Bald darauf verließen die Senioren die Akademie. Unter den Absolventen befanden sich Stuart, der Neffe des Superintendenten, und ein Bursche aus Maine namens Ollie O. Howard, dem Charles eine noch praktisch neue Wolldecke abkaufte. Billy packte für seinen Urlaub.
Die ganze Akademie redete über die Änderungen, die im Herbst eingeführt werden sollten. Fast zehn Jahre lang hatte das Direktorium davon gesprochen, die Studienzeit auf fünf Jahre zu erhöhen, und Minister Davis hatte es endlich geschafft, die Änderung durchzusetzen. Die Hälfte der Neuen würde gemäß dem neuen Programm ausgebildet, während die andere Hälfte noch einmal den Vierjahreskurs absolvieren würde. Die Teilung wurde deshalb vorgenommen, weil es kein Jahr ohne Absolventen geben sollte.
Das fünfjährige Studium sollte die von vielen angeprangerte einseitige Ausrichtung auf Mathematik, Wissenschaft und Technik ändern. In Zukunft würden auch Englisch, Geschichte, Rhetorik und Spanisch zu den Studienfächern gehören.
»Was zum Teufel soll ich mit noch einer Sprache?« beklagte sich Charles. »Ich hab’ schon mit Französisch genug Schwierigkeiten.«
»Durch den Krieg haben wir viele neue Territorien gewonnen – und dort sprechen viele Leute Spanisch. Das wird wohl der Grund dafür sein.« Billy schloß den Koffer, streckte sich und ging ans Fenster.
»Die Dragoner«, sagte Charles, »treiben keine Konversation mit den Mex’, sie knallen sie ab.«
Billy sah ihn schief an. »Ich glaube nicht, daß die Mexikaner das lustig finden würden.« Mit einem Achselzucken gab Charles seinem Freund zu verstehen, daß er recht hatte, aber Billy bemerkte es nicht; die Hände auf dem Fenstersims, starrte er einer bekannten Gestalt nach, die über die Ebene hinkte. Zufälligerweise bemerkte der Kadett, daß Billy am Fenster stand, und schaute weg.
»Slocum«, sagte Billy trocken.
Charles trat zu Billy. »Er kann schon wieder besser gehen.«
Der Kadett aus Arkansas hinkte davon. Charles wandte sich vom Fenster ab. Schon seit Tagen plagten ihn Schuldgefühle. Doch heute, da er seinen Freund erst im September wiedersehen würde, war seine letzte Chance, mit Billy darüber zu reden.
»Ich fühle mich elend wegen jenes Abends. Nicht wegen Slocum, sondern wegen dem, was ich dir beinahe angetan hätte.«
Billys abwehrende Handbewegung erleichterte Charles ungemein. »Ich war genauso schuld daran«, sagte Billy. »Ich finde, es war für uns beide eine gute Lektion. Soll doch der Rest des Korps sich prügeln! Wir sollten und werden dies nicht tun.«
»Du hast vollkommen recht.« Charles freute sich über Billys Zusicherung, aber er hatte das Gefühl, daß es sich eher um Wunschdenken handelte.
Einen Augenblick lang herrschte Stille. Charles zupfte sich einen Strohhalm von der Hose. Der Wunsch, sich mitzuteilen, war übermächtig.
»Ich muß dir noch etwas sagen. Die meiste Zeit über hier hasse ich es, ein Südstaatler zu sein, denn es bedeutet schließlich, akademisch minderwertig zu sein – nein, nein, du kannst es ruhig zugeben, ihr Yankeeburschen stecht uns doch immer aus. Dafür haben wir bessere Nerven und sind zäher.«
»Auch wenn das stimmen würde – was ich zwar nicht glaube –, so sind genau dies die Eigenschaften eines guten Soldaten.«
Charles überhörte das Kompliment. »Als Südstaatler fühlt man sich hier automatisch zweitrangig. Man schämt sich seiner Herkunft. Man ist wütend, weil der Rest des Korps sich so selbstgerecht gibt« – er streckte das Kinn vor –, »was, verdammt noch mal, nicht stimmt.«
»Ich habe das Gefühl, daß Selbstgefälligkeit eine Yankee-Krankheit ist, Bison.«
Ein Lächeln entkräftete den Trotz in Charles’ Blick ein bißchen. »Ich glaube, nur ein Südstaatler kann verstehen, was ich eben gesagt habe. Ich meine, wirklich verstehen. Aber ich danke dir, daß du zugehört hast.« Er streckte Billy die Hand hin. »Freunde?«