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»Delafields Pfefferdose«, sagte der Senior undeutlich. Anscheinend hatte er recht viel getrunken, bevor er sie aus dem Hotel gelotst hatte, aber es war ihr gleichgültig. Vielleicht würde er sie um so besser befriedigen. Sein Verstand war eher langsam, aber seine Schultern sehr kräftig. Nicht nur die Schultern, hoffte sie.

»Es ist das Ordonnanzlaboratorium«, fuhr er fort und fand endlich das Schlüsselloch. Es roch nach Pech, Paste und Schwefel. »Die Senioren müssen hier unten arbeiten. Wir mischen Pülverchen, nehmen Gestein auseinander – «

»Wie bist du zum Schlüssel gekommen?«

»Hab’ ihn von einem Kadetten gekauft, der im letzten Juni abgeschlossen hat. Kommst du nicht rein? Wolltest du nicht…?«

Er war nicht genug betrunken, um den Satz zu beenden.

»Ja, das hab’ ich gesagt, aber ich wußte doch nicht, daß du mich an einen derart stinkenden Ort führen würdest.«

Als sie in der Tür stand, zögerte sie. Über ihr verdeckte einer der schloßartigen Türme die Sterne am herbstlichen Abendhimmel. Das Gebäude stand einsam unterhalb des nördlichen Rands der Ebene.

Aus dem dunklen Zimmer heraus ergriff der schweratmende Kadett ihre Hand. »Komm herein, und ich werde dir ein Andenken geben. Alle Mädchen, die im Hotel übernachten, wollen ein West-Point-Andenken.«

Er schlurfte zu ihr, lehnte sich an den Türrahmen und fingerte an einem der Messingknöpfe seines Mantels herum, die sich Ashton zuvor genau angesehen hatte. Kadett stand oben, U.S.M.A. unten und in der Mitte waren ein Adler und ein Schild zu sehen.

Sie zögerte immer noch. Der Gestank des Laboratoriums war überwältigend, aber ihr Verlangen, das sie schon seit Wochen verspürte, ebenfalls.

»Willst du sagen, daß du mir einen Knopf gibst, wenn ich mit dir ‘reinkomme?«

Er schnippte mit den Fingern gegen einen der Knöpfe. »Du hast freie Wahl.«

»Nun – einverstanden.« Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. »Aber ich hab’ nicht diese Knöpfe gemeint«, fuhr sie fort, als sie ihm ihre Hand auf den Unterleib legte.

Später flüsterte er in der Dunkelheit. »Wie fühlst du dich?«

»Als hätte ich noch fast nichts bekommen, Liebling.«

Hörbares Schlucken. »Ich hab’ ein paar Freunde. Ich könnte sie holen. Sie wären unheimlich dankbar. Bis ich wieder zurück bin, bin ich so weit, daß ich ein zweites Mal zur Quelle gehen könnte.«

Ashton lag da und ruhte sich aus, ihr Unterarm über den Augen.

»Hol sie, Liebling. So viele, wie du willst, aber laß mich nicht zulange warten! Und stell klar, daß jeder, der kommt, mir auch ein Andenken geben will!«

»Ich sage dir, ich hab’ es mit eigenen Augen gesehen«, sagte ein Kadett aus New Jersey, den Billy recht gut kannte. Vor drei Tagen waren die Mains nach New York aufgebrochen. Der Kadett zeichnete mit dem Zeigefinger einen Umfang von fünf Zentimetern in die Luft. »Die Schachtel war ungefähr so groß. Darin hatte sie die Knöpfe von allen, denen sie ihre Gunst erwiesen hat.«

»Wie viele Knöpfe waren drin?«

»Sieben.«

Billy starrte ihn völlig entgeistert an. »In eineinhalb Stunden?«

»Vielleicht sogar weniger.«

»Waren Südstaatler darunter?«

»Kein einziger. Es scheint, daß einige Yankees ihre Vorurteile den Südstaatlern gegenüber recht schnell abbauen können.«

»Sieben. Ich kann’s nicht glauben. Wenn Bison das hört, wird er von einer blinden Wut gepackt werden.«

»Und das schwache Geschlecht verteidigen?«

»Ja genau«, sagte Billy. »Schließlich ist sie seine Kusine.«

»Aber es hat sie ja niemand dazu gezwungen«, entgegnete der Kadett hastig. »Ich möchte behaupten, daß es in Tat und Wahrheit genau umgekehrt war. Und überhaupt – ich glaube nicht, daß es Bison zu Ohren kommen wird.«

»Wieso nicht?«

»Die Dame behauptete, daß sie in weniger als sechs Monaten wieder hier sein werde. Falls auch nur einer der sieben in der Zwischenzeit etwas ausplaudere – ihren Namen oder sonst etwas –, würde er die Hölle auf Erden erleben.«

»Die Hölle auf Erden? Hat sie noch mehr gesagt?«

»Nein. Vielleicht glaubte ihr keiner, aber alle tun wenigstens, als ob. Ich hab’ das Gefühl, sie wollen sie alle wiedersehen«, sagte er mit einem genießerischen, aber merkwürdig nervösen Lächeln. »Oder vielleicht wollen sie Mains Jagdmesser nicht zu nahe kommen.«

Billy vermutete, daß Ashton die sieben Kadetten hinters Licht geführt hatte. Er wußte nichts von einem zweiten Besuch der Schwestern. Dann merkte er plötzlich, daß er das Nächstliegende – gerade vor seiner Nase – übersehen hatte: den grinsenden Kadetten.

»Moment mal. Wenn alle dichthalten, wieso weißt du denn Bescheid?«

Der Kadett grinste noch breiter, ein Augenzwinkern verriet unzüchtige Gedanken, doch seine Nervosität blieb. »Ich war die Nummer sieben. Aber das beste kommt noch: Sie wollte von uns allen, die sie – äh – mit unserer Großzügigkeit beehrten, keine Mantelknöpfe.«

Billy fühlte sich elend. »Was wollte sie?«

»Hosenknöpfe!«

Er wurde leichenblaß und konnte nur stammeln: »Warum erzählst du mir das alles?«

»Freundschaftsdienst.« Es tönte zwar falsch, aber Billy blieb ruhig. »Zudem hab’ ich gesehn, wie du der andern Schwester den Hof gemacht hast, und ich fand, du solltest es wissen. Du hast die bessere ausgewählt – auf jeden Fall vom Standpunkt des Gentlemans.« Er zwinkerte. Billy nahm kaum Notiz davon und blieb todernst.

»Allmächtiger! Sieben Hosenknöpfe! Bison darf das nie erfahren.«

Der Kadett lächelte nicht mehr. »Deshalb bin ich zu dir gekommen, Hazard. Es war mir ernst mit dem, was ich über Bison und sein Jagdmesser gesagt habe. Ich bin kein Feigling, aber vor ihm hab’ ich Angst. Und die andern sechs auch. Es wird weder Prahlerei noch Geschwätz geben. Verlaß dich drauf.«

Nachdem Billy wieder allein war und sich vom ersten Schreck erholt hatte, dachte er über die Worte des Kadetten nach. Plötzlich wurde ihm klar, welch großes Glück es für ihn gewesen war, die Verbindung mit Bretts Schwester rechtzeitig abzubrechen. Er wußte nicht, was er über sie denken sollte, er wußte nur, daß irgend etwas mit ihr nicht stimmte. Wie gut, daß sie nicht mehr an ihm interessiert war. Während ihres ganzen Aufenthalts hatte sie kaum ein Wort mit ihm gesprochen und so getan, als existiere er nicht. Gott sei Dank, sie hatte ihn vergessen.

38

Virgilia zog den zerschlissenen Schal enger um die Schultern und befestigte ihn mit einer Nadel. Dann rührte sie wieder im Haferschleim auf dem kleinen Eisenherd, dessen viertes Bein fehlte und durch kaputte Ziegelsteine ersetzt worden war.

Ein Novembersturm bedeckte die Blechdächer der umliegenden Hütten mit einem wohltuenden Schneemantel. Schnee füllte auch die Furchen im gefrorenen Schlamm auf der Gasse. Der schneidende Wind rüttelte an den mit Wachspapier verhängten Fenstern und wehte Schneeflocken durch die Löcher in der Wand, an der ein Stich von Frederick Douglass hing.

Grady saß an einem wackligen Tisch. Sein verwaschenes blaues Flanellhemd war bis an den Hals zugeknöpft. Er hatte ungefähr fünfzehn Kilo abgenommen und sah nicht mehr gesund aus. Wenn er lächelte – was in letzter Zeit selten vorkam –, waren perfekte, handgefertigte und richtig eingesetzte Oberzähne zu sehen. Nur ein leicht gelblicher Schimmer deutete darauf hin, daß sie künstlich waren.

Grady gegenüber saß ein Besucher – ein schlanker, elegant gekleideter Schwarzer mit hellbrauner Haut, grauem Haar und eindringlichen braunen Augen. Lemuel Tubbs. Als er zur Tür hereingekommen war, hatte er augenfällig gehinkt.

Die Tasse mit dem dünnen Kaffee, die Virgilia Tubbs vorgesetzt hatte, war unberührt geblieben. Er fand keinen Spaß daran, die Slums während eines Schneesturms aufsuchen zu müssen, aber die Pflicht hatte es verlangt. Er redete ernst auf Grady ein.