»Mit einem Bericht über Ihre Erfahrungen würden Sie unserer nächsten öffentlichen Zusammenkunft mehr Glaubwürdigkeit verleihen und ihre Gewichtigkeit steigern. Nichts kann das Publikum besser davon überzeugen, daß die Sklaverei böse ist, als ein persönlicher Bericht von einem ehemaligen Sklaven.«
»Eine öffentliche Zusammenkunft, sagten Sie?« Grady dachte laut. »Ich weiß nicht, Mr. Tubbs… Die Sklavenfänger aus South Carolina könnten doch davon erfahren!«
»Ich verstehe Ihre Besorgnis«, sagte Tubbs verständnisvoll. »Natürlich kann Ihnen niemand die Entscheidung abnehmen.«
Er zögerte, bevor er auf den heiklen letzten Punkt zu sprechen kam. »Falls aber Ihre Entscheidung positiv ausfallen sollte, so hätten wir eine Bedingung. Wir möchten die Stärkstmögliche Verurteilung der Sklaverei, aber keinen Aufruf zu einem gewaltsamen Aufstand im Süden. Diese Art Reden beunruhigt und stößt einige Weiße ab, die wir dringend zur Förderung unserer Sache benötigen. Um ehrlich zu sein: Sie würden aus Angst kein Geld mehr spenden.«
»Sie verwässern also die Wahrheit?« fragte Virgilia. »Sie prostituieren sich und Ihre Organisation für einige Silberstücke?«
Zum erstenmal runzelte der Besucher die Stirn, und in seinen Augen zeigte sich eine Spur von Zorn. »So würde ich es nicht ausdrücken, Miss Hazard.« In den Kreisen der Sklavereigegner nannte man sie immer noch so und nicht Mrs. Grady.
In Wirklichkeit waren die führenden Köpfe der Bewegung in Philadelphia sich nicht einig, ob die Hilfe von Virgilia und ihrem Liebhaber wünschenswert war. Beide vertraten extreme Ansichten, die die Bewegung in ernsthafte Schwierigkeiten bringen konnte. Ein Teil der Führungsspitze wollte mit ihnen überhaupt nichts zu tun haben; die andern, deren wichtigster Vertreter Tubbs war, wollten Gradys Hilfe zwar annehmen, doch nur, wenn er bereit war, sich etwas unter Kontrolle zu halten. Tubbs beschloß widerwillig, daß er gut daran täte, dies noch einmal zu betonen.
»Bei Verhandlungen mit den Mächtigen müssen immer gewisse Kompromisse eingegangen werden, wenn man etwas zu erreichen – «
»Mr. Tubbs«, unterbrach ihn Grady. »Ich glaube, es ist besser, wenn Sie gehen. Wir sind an einer Zusammenarbeit unter den von Ihnen gestellten Bedingungen nicht interessiert.«
Tubbs gab sich Mühe, seiner Stimme nichts von seiner Erregung anmerken zu lassen. »Ich wünschte, Sie wären weniger voreilig. Vielleicht überlegen Sie sich das ganze noch mal, wenn ich Ihnen Folgendes sage: Ich persönlich bin der Meinung, daß Sie der Sache der Sklavenabschaffung von großem Nutzen sein können – aber nicht die ganze Bewegung teilt diese Ansicht. Es dauerte recht lange, bis einige unserer Mitglieder davon überzeugt werden konnten.« Er blickte Virgilia kurz an. »Und ich bezweifle, daß man diese Einladung wiederholt.«
»Grady will nicht vor Schlappschwänzen und Huren reden«, sagte Virgilia und schüttelte den Kopf. Ihr Haar war ungekämmt, stumpf und ungewaschen. »Wir halten es punkto Sklavenabschaffung mit der Meinung von Mr. Garrison.«
»Die Verfassung verbrennen? Unterstützen Sie das?« Tubbs schüttelte den Kopf. Am Jahrestag der Unabhängigkeit hatte Garrison einen nationalen Aufruhr provoziert, als er anläßlich einer politischen Versammlung in der Nähe von Boston eine Abschrift der Verfassung verbrannt hatte. Virgilia war anscheinend der Meinung, daß er richtig gehandelt habe.
»Wieso nicht? Die Verfassung ist nichts anderes als das, was Garrison über sie sagte: ein Bund mit dem Tod und eine Abmachung mit der Hölle!«
»Solche Aussagen sind es gerade, die die Leute abstoßen, die wir am nötigsten – «
Virgilia unterbrach ihn höhnisch: »Ach, kommen Sie mir nicht damit, Mr. Tubbs. Was für eine Haltung ist das – wenn Sie wirklich von der Sache überzeugt sind?«
In seinen Augen blitzte es erneut. »Vielleicht drücke ich meine Überzeugung anders aus als Sie, Miss Hazard.«
»Indem Sie es ablehnen, Risiken einzugehen? Indem Sie sich elegant kleiden und freundschaftliche Beziehungen mit bigotten Weißen pflegen? Indem Sie es ablehnen, Ihren eigenen Wohlstand zu opfern und – «
Tubbs konnte nicht länger an sich halten und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Kommen Sie mir nicht mit Risiko und Opfer! Ich bin als Sklave in Maryland aufgewachsen und mit vierzehn davongerannt, zusammen mit meinem jüngeren Bruder. Man erwischte uns und schickte uns zu Sklavenbändigern. Mir haben sie das hier angetan« – er zeigte auf sein verkrüppeltes Bein –, »aber meinem Bruder ist es schlimmer ergangen. Er ist seither geistig gestört.«
Grady fragte verächtlich: »Und Sie würden es ihnen nicht gerne heimzahlen?«
»Natürlich! Zuerst gab es nur diesen einen Gedanken. Dann floh ich nach Philadelphia, und als ich nach ein oder zwei Jahren keine Angst mehr hatte, verfolgt zu werden, begann ich nachzudenken. Nun bin ich weniger an einer persönlichen Rache als an der Freiheit anderer interessiert. Es ist das System, das ich am meisten hasse – es ist das System, das ich abschaffen will.«
»Es soll mit Gewalt zugrunde gehn«, schrie Virgilia.
»Nein. Jede Bewegung dieser Art wird die Aufrechterhaltung der Sklaverei nur fördern und auch die Unterdrückung – «
Tubbs zögerte, als er ihre Feindseligkeit bemerkte. Er stand auf und setzte sorgfältig den Zylinder auf das graue Haar. »Ich glaube, ich rede in den Wind.«
Sie lachte ihn aus: »Ja, das tun Sie wirklich.«
Tubbs preßte die Lippen zusammen, sagte jedoch nichts. Er drehte sich um und hinkte zur Tür. Virgilia rief ihm garstig hinterher: »Vergessen Sie nicht, die Tür hinter sich zu schließen.«
Keine Antwort; die Tür wurde sanft, aber energisch geschlossen.
War Grady zuvor noch kerzengerade auf dem Stuhl gesessen, so sackte er nun plötzlich zusammen. »Dieses Türeschließen wird auch nichts nützen.« Er fröstelte – nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Hoffnungslosigkeit. »Leg noch etwas mehr Holz auf.«
»Wir haben kein Holz mehr – und gerade noch so viel Geld, daß ich nach Lehigh Station fahren kann.« Sie war nicht wütend, sondern schilderte nur den Tatbestand. Sie löffelte etwas Brei in eine Blechschüssel und stellte sie ihm hin. »Ich muß wieder nach Hause gehen.«
Grady starrte in die Schüssel, schnitt eine Grimasse und stieß sie weg. »Ich hab’ es nicht gern, wenn du dorthin gehst. Ich hasse es, daß du betteln mußt.«
»Ich bettle nie. Ich sage ihnen, was ich brauche, und ich bekomme es. Und wieso eigentlich nicht? Sie haben genug. Sie verschleudern mehr Geld an einem einzigen Tag, als die ganze Niggersiedlung hier in einem Jahr ausgibt.« Sie hatte sich hinter ihn gestellt und versuchte, ihm mit einer Nackenmassage etwas Wärme zu geben. »Soldaten im Krieg führen kein Luxusleben.«
»Tubbs denkt nicht, daß wir uns im Krieg befinden.«
»Eunuchen wie Tubbs haben zu lange zu bequem gelebt. Sie haben alles vergessen. Wir werden den Krieg ohne sie gewinnen. Eines Tages werden wir triumphieren, Grady. Ich weiß es.«
Teilnahmslos und zweifelnd griff Grady nach ihrer Hand: Virgilia starrte in die Ferne. Der Schnee drang immer noch durch die Risse in der Wand und fiel auf ihre Wolldecken, die ihnen als Schlafstätte dienten. In der gegenüberliegenden Ecke, wo ein großer Spalt klaffte, hatte der Schnee auf einem Haufen Lumpen bereits einen luftigen Zuckerhut geformt. Grady sammelte Lumpen für ihren Lebensunterhalt. Gab es keine Lumpen, so stahl er, und wenn auch das nichts brachte, ging Virgilia für einige Tage nach Lehigh Station.
»Der Ofen gibt überhaupt keine Wärme mehr ab«, sagte sie. »Wir sollten für eine Weile unter die Decken schlüpfen.«
»Manchmal mache ich mir Vorwürfe, weil ich dich in dieses Leben hineingezogen – «
»Pst, Grady.« Sie drückte ihre kalten Finger auf seine Lippen. »Es war meine Wahl. Du und ich, wir sind Soldaten. Wir werden Hauptmann Weston helfen, den Tag des Triumphs herbeizuführen.«