Er schaute sie mißbilligend an. »Du solltest seinen Namen nicht laut sagen, Virgilia.«
Sie lachte, und er ärgerte sich wegen ihrer für die weiße Frau typischen Überlegenheit. »Du nimmst diesen Unsinn doch nicht für bare Münze? All diese Decknamen und chiffrierten Bücher? Dutzende kennen die wahre Identität des Mannes, der sich Hauptmann Weston nennt. Hunderte wissen über seine Tätigkeit Bescheid, und in einigen Monaten werden es Hunderttausende sein. Nachdem wir ihm geholfen haben, deine Leute unten im Süden zu befreien, werden wir uns um meine Leute hier im Norden kümmern. Wir knöpfen uns jeden Weißen und jede Weiße vor, die uns in unserem Kampf aktiv oder durch ihre Gleichgültigkeit behindert haben. Und wir werden uns Stanley und die Hure, die er geheiratet hat, als erste vornehmen.«
Ihr Lächeln und die geflüsterten Worte erschreckten Grady so sehr, daß er seine Wut vergaß.
»Es macht mir nichts aus, des Essens oder der Kleider wegen nach Hause zu gehen«, versicherte sie ihm, als sie unter die kalten Decken schlüpften, die nach Dreck und Ruß stanken. »Aber ich wünschte, ich dürfte dich ab und zu mitn…«
»Nein.« In diesem Punkt blieb er unbeugsam. »Du weißt, was uns die Leute antun würden, wenn wir uns zusammen in diesem Nest zeigten.«
»O ja, ich weiß«, seufzte sie und drückte sich gegen ihn. »Und ich hasse sie deswegen. Mein Gott, wie ich sie hasse. Liebling. Ihnen werden wir es auch zurückzahlen. Wir – oh!«
Sie war verblüfft. Sogar in dieser Kälte begehrte er sie. Und bald darauf vergaßen die beiden ihr Elend auf die einzig mögliche Art, die ihnen geblieben war.
Ein Ausläufer des Wintersturms zog über Lehigh Station hinweg und bestäubte den Boden und die Hausdächer mit einer weißen Puderschicht. Als Virgilia mit dem Nachtboot ankam, fielen immer noch vereinzelt Schneeflocken. Nächstes Jahr würde sie in einem geheizten Zug reisen können, und es würde keine Rolle mehr spielen, ob der Fluß zugefroren war. Die Lehigh-Eisenbahngesellschaft hatte verlauten lassen, daß sie die Strecke nach Bethlehem hinunter und auch talaufwärts verlängern würde.
Wie sehr sie ihre Familie auch haßte, so war ihr doch klar, daß sie in Philadelphia nur dank ihrer Toleranz überleben konnte. Genauer gesagt, dank der Toleranz ihres Bruders George und seiner Frau, die es ihr gestatteten, eine Nacht in Belvedere zu bleiben und sich mit einem Leinensack voller abgetragener Kleider, mit Eßwaren und mit etwas Geld davonzustehlen. Obwohl sie sich mehr und mehr dem Gedankengut der Extremisten verschrieben hatte, blieb Virgilia in einem Punkt realistisch. Sie wußte, daß sie Grady nie nach Lehigh Station bringen würde, und sie versuchte, jeweils in der Nacht anzukommen, damit die Dunkelheit ihr Schutz bot. Sonst würden gewisse bigotte Einwohner sie entdecken und womöglich angreifen. Sie wußte genau, wer diese Leute waren, und sie würde es ihnen zum gegebenen Zeitpunkt heimzahlen.
Mit einem für die Jahreszeit zu leichten Mantel und zu dünnen Wollhandschuhen bekleidet, kämpfte sie sich durch das Schneegestöber den Hügel hoch. Als sie in Belvedere ankam, war ihr Haar schneeweiß. Sie betrat das Haus, ohne zu klingeln – George erlaubte ihr das – und hörte Stimmen aus dem Wohnzimmer: Sie kamen von Constance, George und einem römisch-katholischen Priester aus der Gegend.
»Was ist eine christliche Antwort auf die Kansas-Frage?« fragte der Priester. »Dieses Problem verfolgt mich in letzter Zeit. Ich fühle mich verpflichtet, die Angelegenheit mit jedem Gemeindemitglied zu besprechen, damit ich weiß, wie sie – «
Er hielt inne und bemerkte Virgilia in der Tür. George sah sie überrascht, Constance etwas bestürzt an.
»Guten Abend, George. Constance. Pater Donnelly.«
»Wir haben dich nicht erwartet – «, sagte George zögernd. Sie wußten nie, wann Virgilia kommen würde, und jedesmal machte George die gleiche Bemerkung. In letzter Zeit fing sie an, ihn langweilig zu finden.
Mit einem unaufrichtigen Lächeln nahm sie seine Bemerkung zur Kenntnis. Dann sagte sie zum Priester: »Es gibt keine christliche Antwort auf die Situation in Kansas. Sogenannte Christen haben die Neger zu Sklaven gemacht. Jeder, der es wagt, einen Sklaven über eine territoriale Grenze zu bringen, hat nur eine einzige Antwort verdient, ja, fordert sie geradezu heraus: eine Kugel. Wenn ich dort wäre, wäre ich die erste, die schießen würde.«
Sie sagte das alles dermaßen ruhig und vernünftig, daß der ältliche Priester sprachlos war.
George nicht. Blaß vor Wut, aber gefaßt, entgegnete er: »Ich glaube, du solltest nach oben gehen und deine nassen Kleider wechseln.«
Sie starrte ihn einen Augenblick an. »Natürlich, George. Auf Wiedersehen, Pater.«
Nachdem der Priester gegangen war, schritt George wütend auf und ab. »Ich verstehe nicht, wieso wir Virgilia überhaupt noch tolerieren. Manchmal habe ich das Gefühl, wir seien Dummköpfe.«
Constance schüttelte den Kopf. »Du willst Virgilia doch nicht behandeln, wie es Stanley tut. Sie ist immer noch deine Schwester.«
Er starrte auf die kleine Lache geschmolzenen Schnees, die Virgilias Schuhe hinterlassen hatten. »Es fällt mir zusehends schwerer, mich an diese Tatsache zu erinnern.«
»Aber es ist so«, sagte Constance.
Später in der Nacht erwachte George und bemerkte, daß Constance sich in der Dunkelheit hin und her warf.
»Was ist? Bist du wieder krank?«
Der Gedanke kam ihm, weil sie sich seit einiger Zeit nicht wohl fühlte. Kaum zwei Monate, nachdem sie bemerkt hatte, daß sie wieder schwanger war, hatte sie eine Fehlgeburt erlitten. Es war die dritte in drei Jahren, und die körperlichen Nachwirkungen – Schwindel, Schweißausbrüche und Übelkeit in der Nacht – schienen jedesmal länger zu dauern. George machte sich nicht nur über ihren körperlichen, sondern auch über ihren seelischen Zustand Sorgen, denn der Arzt hatte angetönt, sie würde vielleicht nie mehr ein Kind ganz austragen können.
»Mir geht es gut«, sagte sie. »Ich muß mich anziehen und für eine Stunde weggehen. Es kommt wieder jemand.«
»Ach ja, das stimmt. Das hab’ ich ganz vergessen.«
»Schlaf du nur weiter.«
Aber er hatte die Füße schon auf dem eisigen Boden. »Das kommt nicht in Frage. Das Wetter ist fürchterlich, und du kannst nicht den ganzen Weg bis zum Schuppen zu Fuß gehen. Ich zieh’ nur schnell die Kleider über und bring den Einspänner zur Vordertür.«
Sie versuchte weiter, ihn davon abzuhalten, mit ihr in die Kälte hinauszugehen, aber er beharrte auf seinem Vorhaben. Beide wußten, daß er seinen Kopf durchsetzen würde. In Tat und Wahrheit war Constance glücklich, daß er sie begleiten wollte. Sie fühlte sich schwach, und die ersten Anzeichen einer starken Erkältung machten sich bemerkbar. Sie haßte den Gedanken, sich allein in die Winternacht zu wagen, aber sie hätte es dennoch getan.
George wollte auch aus einem andern Grund mitgehen: um den Neuankömmling zu sehen und mit ihm zu sprechen. Mehr als alle Meinungen von Rednern, Journalisten und Theologen halfen ihm die Gespräche mit den Flüchtlingen, sich über das Problem, das die Nation entzweite, eine Meinung zu bilden. Er zog seine Jacke zu und tätschelte seiner Frau den Arm.
»Ich komme mit. Keine weiteren Einwände.«
Zwanzig Minuten später lenkte er den quietschenden Einspänner zum Schuppen, der sich am Ende des Fabrikgeländes befand. Drinnen flackerte eine Laterne. Er half Constance beim Aussteigen. Sie hatte einen Koffer mitgebracht. Plötzlich küßte sie ihn. Ihre Lippen und seine Wangen waren eiskalt und steif wie Pergament, aber der Kuß war dennoch erwärmend.
Sie eilte zur Tür und gab das vereinbarte Zeichen: zweimal Klopfen, Pause, zweimal Klopfen. George stapfte durch den knirschenden, glänzenden Schnee, der in die Schuhe drang und seine Strümpfe naß machte. Der Sturm war vorüber. Der Mond hing wie ein edler Porzellanteller im sternenklaren Nachthimmel.