Beizer, der Händler, öffnete vorsichtig die Türe und schrak zusammen, als er die zweite Gestalt sah.
»Ich bin es nur«, sagte George.
»Ach ja. Kommen Sie schnell herein.«
Der Flüchtling saß an einem Tisch; in der Hand hielt er ein Stück getrocknetes Rindfleisch. Er war ein muskulöser, rotbrauner Mann, dessen Backenknochen auf einen Schuß Indianerblut hindeuteten. Er mochte ungefähr fünfunddreißig sein, aber sein krauses Haar war schneeweiß. George konnte sich den Grund vorstellen.
»Das ist Kee«, sagte Beizer mit so stolzer Stimme, als würde er ein Mitglied seiner eigenen Familie vorstellen. »Er ist den ganzen Weg von Alabama hierhergekommen. Sein Name ist eine Abkürzung für Chero-kee. Seine Großmutter mütterlicherseits war eine Angehörige dieses Stamms.«
»Nun, Kee, es freut mich, daß Sie hier sind«, sagte Constance. Sie stellte den Koffer neben den Tisch. »Da drin sind ein Paar Stiefel und zwei Hemden. Haben Sie einen Wintermantel?«
»Ja, Ma’m.« Der Ausreißer hatte eine kräftige, sonore Baßstimme. Er wirkte nervös.
»Er hat einen beim Bahnhof in der Nähe von Wheeling bekommen«, sagte Beizer.
»Gut«, meinte Constance. »In Kanada ist es meist noch kälter als in Pennsylvania. Aber wenn Sie einmal über der Grenze sind, brauchen Sie keine Angst mehr vor den Sklavenfängern zu haben.«
»Ich will arbeiten«, antwortete Kee hastig. »Ich bin ein guter Koch.«
»Ich nehme an, daß dies seine Hauptaufgabe gewesen ist«, sagte Beizer.
George nahm das Gespräch nicht bewußt auf, so fasziniert war er von der Haltung und dem Benehmen des einstigen Sklaven. Kees Kopf schien tief zwischen den Achseln zu sitzen, als würde er sich fortwährend ducken. Sogar hier, auf freiem Gebiet, waren Angst und Mißtrauen in seinen Augen zu lesen. Er schielte ständig zur Tür, als erwarte er jeden Augenblick, daß jemand hereinstürze.
»– arbeitete für einen außergewöhnlich harten und gemeinen Herrn«, sagte Beizer eben. »Kee, zeigen Sie ihnen bitte, was Sie mir gezeigt haben.«
Der Ausreißer legte das unberührte Stück Fleisch auf die Seite. Er stand auf, knöpfte das Hemd auf und zog es aus. Constance würgte und ergriff den Arm ihres Gatten. George wurde es angesichts solch vieler Narben ebenfalls übel. Sie bedeckten den ganzen Rücken, von den Schulterblättern bis zum Kreuz; stellenweise sah es aus, als wäre ein Schlangennest unter der Haut erstarrt.
Beizers sonst sanfte Augen glühten vor Zorn. »Einige rühren von der Peitsche her, andere von glühenden Eisen. Wann passierte es zum erstenmal, Kee?«
»Als ich neun war. Ich hab’ Beeren aus dem Garten des Herrn genommen.« Er krümmte die Finger, um eine kleine Handvoll zu zeigen. »So viele Beeren.«
George schüttelte den Kopf. Er wußte, warum er in den letzten Monaten so hart urteilte.
Später, als sie wieder in Belvedere im Bett lagen, hielt George Constance in den Armen, und sie wärmten sich aneinander. »Jedesmal, wenn ich einen Mann wie Kee treffe, frage ich mich, wieso wir die Sklaverei so lange toleriert haben.«
Er konnte ihren bewundernden Blick nicht sehen, als sie antwortete: »George, bist du dir bewußt, wie sehr du dich verändert hast? So etwas hättest du nie gesagt, als wir uns kennenlernten.«
»Vielleicht nicht. Aber jetzt bin ich mir meiner Gefühle bewußt. Wir müssen der Sklaverei ein Ende setzen. Wenn es geht, mit dem Einverständnis und der Mitwirkung derjenigen, die das System unterstützen. Aber wenn sie der Vernunft kein Gehör schenken wollen, dann muß es eben ohne sie gehen.«
»Was würde passieren, wenn du zwischen der Abschaffung der Sklaverei und der Freundschaft mit Orry wählen müßtest? Schließlich ist er einer von denen, die das System unterstützen.«
»Ich weiß. Aber ich hoffe, daß es nie zu einer solchen Entscheidung kommen wird.«
»Aber wenn es soweit käme, was würde passieren? Ich will dich nicht drängen, aber das Problem beschäftigt mich schon lange. Ich weiß, wie gern du Orry magst und wie sehr du ihn respektierst – «
Obwohl ihn die Entscheidung außerordentlich schmerzen würde, gab es eine Antwort vor seinem Gewissen: »Ich würde die Freundschaft aufgeben, nicht meine Überzeugung.«
Sie umarmte ihn. Bald darauf schlief sie in seinen Armen ein. Er lag noch eine Weile länger wach; Bilder von wüsten Narben und dunklen Augen, die dauernd auf eine Türe starrten, tauchten vor ihm auf. Als er endlich eingeschlafen war, träumte er von einem schwarzen Mann, der schrie, während ihn jemand mit einem glühenden Eisen brandmarkte.
Vertraten Angehörige der Pflanzerklasse des Südens eine extreme Seite, die George nicht leiden konnte, so vertrat seine eigene Schwester die andere. Während ihres zweitägigen Besuchs in Belvedere diskutierten sie über Volkssouveränität, über die Gesetze zur Verfolgung und Auslieferung flüchtiger Sklaven und eigentlich über fast alle Aspekte der Sklaverei. Virgilias Standpunkt ließ keinerlei Spielraum für Kompromisse.
»Ich würde das ganze Problem mit einem Schlag lösen«, sagte sie beim Abendessen zu George und Constance. Constance hatte die Kinder bereits zum Spielen geschickt, denn sie befürchtete, daß das Gespräch – wie gewöhnlich – gehässig enden würde. »Ein Tag Arbeit im Süden, und alles wäre vorbei. Das ist auf jeden Fall mein Traum«, fügte Virgilia mit einem Lächeln hinzu, das George erschaudern ließ.
Sie drückte ihre Gabel in das dritte Stück Kuchen, nahm einen Bissen und goß noch mehr heiße Rumsauce, die auf einem Silbertablett stand, darüber. Sie blickte ihren Bruder ruhig an. »Du kannst schaudern und Grimassen schneiden, soviel du willst, George. Du kannst über Gewissen und Gnade reden, bis du schwarz wirst, aber der Tag wird kommen.«
»Virgilia, das ist Quatsch. Eine Revolution der Sklaven kann unmöglich erfolgreich sein.«
»Natürlich kann sie – wenn sie richtig finanziert und organisiert wird. Eine triumphale Nacht des Feuers und der Gerechtigkeit, und die Ungleichheit wird in einem riesigen Strom von Blut ertränkt.«
Er war dermaßen entsetzt, daß er beinahe die Tasse fallen gelassen hätte. Er und Constance starrten zuerst einander, dann die Besucherin an. Diese schaute an die Wand – oder auf eine apokalyptische Szene dahinter.
George wollte sie anschreien, entschloß sich aber, die Bemerkung nicht ernst zu nehmen.
»Du solltest melodramatische Stücke schreiben.«
Sie sah ihn plötzlich an: »Mach Witze, solang du willst, der Tag wird kommen.«
Constance, die sich durch den eisigen Blick nicht einschüchtern ließ, sagte: »Du bist dir natürlich bewußt, daß die Angst vor einer Revolution der Schwarzen viele Weiße davon abhält, sich auch nur auf eine Diskussion über eine stufenweise, kompensierte Emanzipation einzulassen?«
»Eine stufenweise, kompensierte Emanzipation ist ein gefährlicher Gedanke. Wie Mr. Garrison sagte: Das ist, als ob man einem Dieb Geld gäbe, damit er gestohlenes Eigentum zurückgibt.«
»Trotzdem – was die Südstaatler von der Emanzipation befürchten, sind befreite Sklaven, die mit Steinen und Mistgabeln auf sie losgehen. Deine aufrührerischen Theorien machen die Situation auch nicht gerade besser.«
Virgilia schob ihren Nachtischteller beiseite. »Ich sage dir, es sind mehr als bloße Theorien.«
»Du wiederholst dich«, sagte George heftig. »Wenn wir schon beim Thema sind, laß mich dir etwas offen und ehrlich sagen. Du solltest deinen Kontakt mit Hauptmann Weston abbrechen.«
Sie riß die Augen auf. Für einmal war ihre Stimme leise. »Was weißt du über Hauptmann Weston?«
»Ich weiß, daß es ihn gibt. Ich weiß, daß Weston nur ein nom de guerre ist, und ich weiß, daß er genauso extremistisch ist wie die schlimmsten Hitzköpfe des Südens.«
Es gelang ihr, sich spöttisch zu geben. »Hast du Spione angestellt, um mich zu beobachten?«
»Sei nicht blöd! Ich habe im ganzen Staat Geschäftsverbindungen, und ich kenne viele Männer der Legislative in Harrisburg. Und alle hören sie immer wieder etwas Neues. So unter anderem, daß Hauptmann Weston tatkräftig eine Revolte der Schwarzen im Süden schürt. Er macht sich jedermann zum Feind, sogar Leute, die sonst gegen die Sklaverei kämpfen. Du tust besser daran, dich von ihm zu trennen, oder du wirst unter den Konsequenzen zu leiden haben.«