»Wenn es Konsequenzen gibt, wie du das nennst, dann werde ich stolz sein, sie zu tragen.«
Ihm schwindelte. Was sollte er mit ihr anfangen? Er versuchte einen anderen Weg. »Ich wäre nicht so voreilig. Es gibt auch in Pennsylvania viele, die die Sklavengegner hassen. Gewalttätige Leute.«
»Ist es das, was Erfolg und Geld aus dir gemacht haben, George? Haben sie dich deiner Prinzipien beraubt und sie durch Feigheit ersetzt?« Sie stand wie eine beleidigte Königin auf und verließ das Zimmer.
Constance preßte die Hände auf die Augen. »Ich kann sie nicht länger ertragen. Welch ekelhafte, besessene Kreatur sie doch ist!«
Er streckte den Arm aus, um ihre Hand zu ergreifen und sie zu beruhigen, aber seine Augen waren immer noch auf die Tür geheftet, durch die Virgilia verschwunden war.
»Es ist mehr als Besessenheit«, sagte er sanft. »Manchmal habe ich das Gefühl, daß sie wahnsinnig ist.«
Mit hervorgequollenen, offenen Augen und einer verfärbten, zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervorhängenden Zunge baumelte der Mann am Dachsparren. Die Kopfstellung zeigte deutlich, daß die Schlinge das Genick des Mannes gebrochen hatte.
Unter der sich langsam drehenden, todesstarren Gestalt unterhielt sich ein halbes Dutzend Männer mit gedämpfter Stimme. Zwei der Männer hielten brennende Fackeln in den Händen. Hinter ihnen standen große Kisten mit aufgemalten Aufschriften: GEOR. AL. MISS. Eine der Kisten war mit einem Brecheisen aufgebrochen worden. Sie enthielt neue Gewehre.
Grady, die Todesangst in den Gliedern, sah all dies durch eine Ritze in der Stalltür. Er war mit einer zwei Seiten langen, verschlüsselten Meldung von Philadelphia in die Umgebung von Lancaster geschickt worden. Der Mann, dem er die verschlüsselte Meldung hätte überbringen sollen, hing nun im Stall. Gott sei Dank hatte er Stimmen gehört, als er durch das Weideland gekrochen war, und hatte rechtzeitig innehalten können.
Er wollte sich wieder davonstehlen. Eine Sau, die gerade ihre Ferkel säugte, quietschte laut, als er an ihrem Verschlag vorbeischlich. Vom Lärm aufgeschreckt, kam ein bewaffneter Mann an die Stalltür.
»Halt, du da!«
Grady rannte los. Ein Schuß pfiff über seinen Kopf hinweg.
»Fangt diesen Nigger. Er hat uns gesehen!«
Grady rannte, wie noch nie in seinem Leben. Ab und zu warf er einen Blick zurück. Die Männer verfolgten ihn zu Pferd. Hinter ihnen tauchte die untergehende Dezembersonne den Stall in ein leuchtend rotes Licht. Plötzlich züngelten Flammen aus dem Heuboden und verschlangen das riesige, grelle Zauberzeichen, das auf den Stall gemalt worden war. Sie hatten das Haus in Brand gesteckt.
Ihre Schüsse trafen ihn nicht, trieben ihn jedoch an. Er hetzte keuchend über eine steinige Böschung, verlor das Gleichgewicht und prallte hart mit dem Kiefer auf. Blut rieselte aus seinem Mund, aber er beachtete es kaum und schnappte nach Luft, als er ins dichte Unterholz stürmte. Schließlich gelang es ihm, den Verfolgern zu entkommen, nachdem er unter dem überhängenden Ufer eines Flüßchens eine halbe Stunde im kalten Wasser hatte ausharren müssen. Erst dann bemerkte er, wie hoch der Preis für sein Leben gewesen war. Als er seine Oberlippe berührte, glänzten Tränen in seinen Augen.
Am nächsten Morgen stolperte er in die Hütte in Philadelphia. Erst dort brach er zusammen. Die Worte sprudelten wirr aus ihm hervor: »Hauptmann Weston ist tot. Ich hab’ ihn hängen gesehen. Sie haben ihn verbrannt, zusammen mit dem Stall. Mich haben sie fast erwischt. Ich bin gerannt und hingefallen. Ich hab’ meine Zähne verloren. Verdammt noch mal, ich hab’ meine Zähne verloren!« Tränen rollten ihm über die Wangen, als er sich in Virgilias Arme stürzte.
»Komm, es wird alles wieder gut.« Sie hielt ihn und streichelte seinen Kopf. »Weine nicht. Hauptmann Weston war nicht der beste Mann. Er hat zuviel geredet. Zu viele Leute wußten von seiner Existenz. Früher oder später wird ein besserer Mann kommen. Dann wird die Revolution gelingen.«
»Ja, aber – ich hab’ meine neuen Zähne verloren, verdammt noch mal!«
Sie legte sanft seinen Kopf an ihre Brust und schwieg. Dann starrte sie in die Ferne und sah lächelnd das Blut von Weißen fließen.
39
Ashton drehte den Schlüssel herum und vergewisserte sich, ob die Tür auch wirklich abgeschlossen war. Dann eilte sie durch ihr Schlafzimmer und schloß die Fensterläden. Sie versuchte, gegen ihre Panik anzukämpfen, aber es wollte ihr nicht so recht gelingen.
Schicht um Schicht entledigte sie sich ihrer Kleider und ließ sie im ganzen Zimmer verstreut liegen. Dann trat sie nackt vor den Spiegel und betrachtete sich genau.
Konnte man schon etwas sehen? Nein, noch nicht. Ihr Bauch war immer noch flach und glatt. Aber er würde es nicht lange bleiben. Seit ihrer Reise nach West Point waren ungefähr neunzig Tage verstrichen, und nun war sie durch ihre eigene Sorglosigkeit in die Falle getappt.
Der Zeitpunkt ihres Mißgeschicks hätte unpassender nicht sein können. Etwa vor einem Monat hatte sie Huntoons lästigem Drängen nachgegeben und mit ihm vereinbart, daß sie im Frühling heiraten würden. Bereits zu jenem Zeitpunkt war ihre Blutung einen Monat überfällig gewesen. Sie hatte sich eingeredet, daß es sich bloß um eine kleine Störung handle, die sicher wieder verschwinden würde. Den Gedanken, daß die himmlische Nacht im Labor Folgen haben könnte, hatte sie hartnäckig beiseite geschoben.
Aber die Störung verschwand nicht von allein, und inzwischen hatte Huntoon zusammen mit Orry ein Datum für März festgesetzt. Die Falle war zugeschnappt.
»Allmächtiger, was soll ich bloß tun?« fragte sie das dunkelhaarige Mädchen, das ihr aus dem Spiegel entgegenstarrte.
Orry! Sie würde zu Orry gehen. Er würde nett sein und Verständnis haben. Es gelang ihr, sich selber zu überzeugen, und sie glaubte so lange daran, bis sie sich wieder angezogen und ihr Haar mit Kämmen und Nadeln hochgesteckt hatte. Doch dann wußte sie, daß sie ein Dummkopf war. Orry würde niemals ihrem Vorhaben zustimmen.
Und Brett? Nein, das kam überhaupt nicht in Frage. Auf keinen Fall würde sie ihrer Schwester die Freude bereiten und ihr sagen, daß sie in der Klemme saß. Überdies stand Brett in letzter Zeit auf viel zu vertrautem Fuß mit Orry. Sie lief ihm überall hin nach, beriet sich mit ihm über dies und das, als wäre sie die Herrin von Mont Royal – diese anmaßende, kleine Hure. Würde Ashton sich ihr anvertrauen, ginge Brett schnurstracks zu Orry und würde sie verpetzen.
Fürchterliche, stechende Kopfschmerzen strahlten plötzlich von ihrer Stirnmitte aus. Sie schloß die Schlafzimmertür auf und ging langsam die Treppe hinunter. Unten in der Halle hatte sie das Gefühl, in ihrem Leib bewege sich etwas. Entsetzt preßte sie die Hände auf ihr Kleid und suchte verzweifelt nach irgendwelchen Anzeichen. Sie spürte nichts. Es mußten Blähungen sein. Ihr Körper war in letzter Zeit völlig durcheinandergeraten.
Brett tauchte vom hinteren Teil des Hauses her auf mit einem Brief in der Hand. »Billy studiert Chemie! Er schreibt, daß Professor Bailey einfach großartig ist. Er zeigt ihnen, wo man die Chemie überall anwenden kann, wie zum Beispiel bei der Herstellung von Schießbaumwolle und beim Heliograph – «
»Glaubst du, ich schere mich auch nur im geringsten um Billys Angelegenheiten?« schrie Ashton und stürmte an Brett vorbei.
»Ashton, was um Himmels willen ist denn in letzter Zeit mit dir l…?«
Doch die Tür fiel mit einem Knall ins Schloß und verschluckte den Rest der Worte.
Verängstigt und von der tiefstehenden Dezembersonne geblendet, rannte Ashton zum Ashley hinunter. Sie wäre beinahe kopfvoran über das Ende des Piers hinausgestürzt, bevor sie merkte, wo sie war. Eine Weile lang starrte sie auf den schimmernden Fluß hinaus und spielte mit dem Gedanken, Selbstmord zu begehen.