Doch eine resolute innere Stimme rebellierte. James Huntoon mochte zwar eine träge, dumme Schnecke sein, aber er verkehrte in wichtigen politischen Kreisen, und zudem wurde er immer einflußreicher. Sie hatte nicht die Absicht, auf die Heirat oder die damit verbundenen Chancen zu verzichten und sich wie die einfältige Heldin eines Groschenromans zu ertränken.
Doch was dann? Wohin konnte sie sich wenden? Sie hatte das Schicksal mit ihrer Verhaltensweise herausgefordert, und obwohl sie gewußt hatte, daß sie eines Tages in die Klemme geraten könnte, hatte sie keinerlei praktische Vorkehrungen getroffen. Nun, von Mont Royal war keine Hilfe zu erwarten. Alle Niggerfrauen haßten sie und mißtrauten ihr. Es beruhte auf Gegenseitigkeit. Auch ihre arme Mutter konnte nicht weiter als Helferin in Betracht gezogen werden. Alles, was Clarissa tat, war, mit einem todgeweihten Lächeln auf den Lippen durchs Haus zu streifen oder stundenlang am Zeichentisch Linien auszuradieren, die sie tags zuvor in den Stammbaum eingetragen hatte.
»Verdammt noch mal«, sagte Ashton zu einem großen, blauen Eichelhäher, der sie von einer wilden Palme her mißmutig anstarrte. »Im ganzen Staat von South Carolina gibt es nicht eine einzige Person, die intelligent oder vertrauenswürdig genug wäre, um – «
Plötzlich tauchte ein Gesicht vor ihren Augen auf. Wenn jemand helfen konnte, dann sie. Zumindest würde sie vielleicht wissen, an wen Ashton sich wenden könnte. Alle sagten doch, daß ihre Nigger sie ausnahmslos verehrten und ihr blindes Vertrauen entgegenbrachten.
Aber was würde sie von der Lösung halten, die Ashton für das Problem vorzuschlagen gedachte? Es gab Frauen, für die so etwas eine Todsünde war.
Das kannst du nur herausfinden, wenn du sie fragst, sagte sie sich. Welche Wahl hatte sie denn – außer den totalen Ruin hinzunehmen? Aber dazu war sie unter keinen Umständen bereit.
Überraschenderweise fühlte sie sich besser, je länger sie über diesen Einfall nachsann. Sie schlief tief, und als sie am nächsten Morgen, elegant gekleidet, mit Handschuhen und Sonnenschirm die Treppe herunterkam, sah sie frisch und ausgeruht aus.
Gleich nachdem sie nach der Kutsche gerufen hatte, kam Orry um die Hausecke. Er hatte den rechten Hemdsärmel hochgerollt und hielt einen Hammer in der Hand.
»Oh, wie hübsch du heute aussiehst!« sagte er und steckte den Hammer in den Gürtel.
»Mein lieber Orry, du glaubst doch nicht, ich sei eine jener braven, fleißigen Hausfrauen, die nichts auf ihr Äußeres geben? Brett vielleicht, aber nicht ich.«
Er fingerte an seinem langen Bart herum und reagierte nicht auf die Bemerkung. »Stattest du jemandem einen Besuch ab?«
»Ja, Sir. Ich gehe nach Resolute hinüber. Es ist schon zu lange her, seitdem ich Madeline zum letztenmal meine Aufwartung gemacht habe.«
Ein runzliger, schwarzer Diener öffnete die Tür. »Mistress Madeline? Sie ist im Musikzimmer. Wenn Sie bitte hier warten wollen, werde ich Sie anmelden, Miss Ashton.«
Er schritt vornehm davon. Eine andere Tür wurde geöffnet und Justin streckte den Kopf heraus.
»Wer ist da? Oh, Ashton! Guten Morgen. Ich habe Sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr hier gesehen.«
»Ja, das stimmt. Ich bin wirklich schon viel zu lange nicht mehr hier gewesen.« Ashton lächelte. »Sie sehen aufgebracht aus, Justin.«
»Mit gutem Grund.« Er schlenderte zu ihr hin und hielt ihr eine Ausgabe des Mercury vor die Augen. »Es bilden sich immer mehr von diesen verfluchten republikanischen Gruppen im Norden, und alle wollen sie verdammt noch mal dasselbe: die Aufhebung des Gesetzes über die Verfolgung und Auslieferung flüchtiger Sklaven sowie der Kansas-Nebraska-Bill.«
Ashton stieß einen Seufzer aus. »Es ist einfach schrecklich. Orry sagte, daß es aber doch wenigstens eine gute Nachricht gibt. In Kansas soll ein sklavenfreundlicher Abgeordneter in den Kongreß gewählt worden sein.« Doch Ashton fühlte sich bei solchen Themen nie besonders sicher. »Das stimmt doch?«
»Ja. Es mußten allerdings viele Männer über den Missouri reiten, um sicherzustellen, daß die Wahlen auch richtig durchgeführt wurden. Ich bete zum Himmel, daß diese neue Partei zugrunde geht. Es sind nämlich bloß lauter Yankee-Fanatiker, die nur darauf aus sind, uns Böses anzutun.«
Er schlug mit der Zeitung auf seine Handfläche und ging davon. Ashton war erleichtert, denn sie war ziemlich nervös. Sie entnahm ihrer Handtasche ein gestärktes Spitzentaschentuch und tupfte ihre Oberlippe trocken. Der Diener kam zurück und geleitete sie ins Musikzimmer.
Madeline erhob sich, um Ashton zu grüßen, strich ihr Kleid glatt und lächelte. Ein höfliches Lächeln, aber nicht mehr. Die beiden Frauen waren sich noch nie besonders nahegestanden. Ashton warf einen Blick auf das kleine Buch, das Madeline auf den Tisch gelegt hatte: Walden, oder das Leben in den Wäldern. Sie hatte noch nie etwas davon gehört. Die Leute sagten, Madeline lese eine Menge Schundliteratur aus dem Norden.
»Welch unerwartetes Vergnügen, Ashton. Sie sehen blendend aus.«
»Sie – Sie auch.« Nach diesem kurzen Zögern gewann sie ihre Fassung wieder und beschloß, die beste schauspielerische Leistung zu erbringen, deren sie fähig war.
»Möchten Sie eine Erfrischung?«
»Nein, danke. Ich bin hierhergekommen, weil ich ein ernsthaftes Gespräch mit Ihnen führen möchte. Nur Sie können mir helfen.« Mit einem übertriebenen Blick über ihre Schulter fügte sie hinzu: »Ist es Ihnen recht, wenn ich die Tür schließe, damit wir unter vier Augen reden können?«
Madeline zog ihre dunklen Brauen hoch. »Natürlich. Ist jemand in Ihrer Familie krank? Orry?«
Ashton eilte zur Tür und schloß sie. Wäre sie nicht so sehr mit ihrem eigenen Auftreten beschäftigt gewesen, wäre ihr vielleicht der eigenartige Tonfall nicht entgangen, mit dem Madeline den Namen ihres Bruders ausgesprochen hatte.
»Nein, danke, es sind alle wohlauf. Ich bin diejenige, die Hilfe braucht. Um es kurz und offen zu sagen, Madeline, ich kenne niemanden außer Ihnen, dem ich vertrauen und der mir raten kann. An meine Familie kann ich mich unter gar keinen Umständen wenden. Sehen Sie, vor einigen Monaten habe ich«, sie zögerte absichtlich, um einen starken Effekt zu bewirken »mir eine Indiskretion zuschulden kommen lassen. Und nun bin ich, wie man so schön sagt, in Schwierigkeiten.«
»Ich verstehe.«
Madeline, die sehr mitfühlend war, sagte dies ohne eine Spur von Verurteilung in der Stimme. Blaß deutete sie auf einen Stuhl. »Bitte, nehmen Sie doch Platz.«
»Vielen Dank. Es ist so belastend, das Geheimnis ganz allein mit sich herumtragen zu müssen. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen.« Die Tränen traten ihr, genau nach Plan, in die Augen. Warum auch nicht? Sie war wirklich verzweifelt. Nichts durfte schiefgehen, sonst war sie erledigt. Es würde keine zweite Chance hier geben.
»Ich kann Sie verstehen«, murmelte Madeline.
»Wissen Sie, die Leute in der Nachbarschaft – sie alle reden mit solcher Achtung von Ihnen. Das ist der Grund, weshalb mir klar war, daß ich mit Ihnen würde sprechen können, daß ich Sie um Ihre Hilfe bitten – «
»Ich nehme an, Sie wollen das Kind nicht haben?«
»Nein, ich kann nicht! Im Frühling werde ich James heiraten. Das Datum ist bereits vereinbart worden. Ich liebe ihn, Madeline – «
Klang die Lüge glaubwürdig? Ihre Knie zitterten unter der Kleiderschicht wie Espenlaub. Sie preßte sie gegeneinander.
»Gott möge mir vergeben…« Sie hatte das Gefühl, daß ihr Seufzer eine Nuance zu stark gewesen sei. Sie senkte den Blick. »Es ist nicht sein Kind.«
»Es interessiert mich nicht, wer der Vater ist. Aber ich müßte lügen, wenn ich Ihnen nicht sagte, daß ich die Lösung, die Sie ins Auge gefaßt haben, moralisch ablehne.«