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Jetzt, dachte Ashton in voller Panik. Jetzt! Laß dich gehen! Sie beugte sich von der Taille an vor und schluchzte derart gekonnt, daß sie beinahe selbst davon überzeugt war.

»Oh, ich habe befürchtet, daß Sie so denken. So viele Frauen sind dagegen. Ich schätze es, daß Sie Ihre persönliche Meinung haben, und ich will offen zugeben, daß ich gesündigt habe. Aber soll ich wegen eines einzigen dummen Fehlers James verlieren und mein ganzes Leben zerstören lassen? Können Sie mir nicht wenigstens einen Namen nennen? Ich weiß, daß es Leute im Hinterland gibt, die Mädchen helfen, die in Schwierigkeiten sind. Ich werde nie jemandem sagen, woher ich die Information habe. Sagen Sie mir nur, an wen ich mich wenden kann.« Sie faltete die Hände wie zum Gebet. »Bitte, Madeline!«

Madeline blickte ihren Gast prüfend an. Als sie Ashtons gerötete Augen sah, überwand sie allmählich ihr Mißtrauen. Mit raschelnden Kleidern ging sie zu der jüngeren Frau hinüber, legte ihr den Arm um die Schultern und sagte, während Ashton ihre Hand ergriff: »Beruhigen Sie sich. Ich werde Ihnen helfen. Ich kann zwar nicht vorgeben, daß ich in moralischer Hinsicht einverstanden bin, aber, wie Sie selber sagten, finde ich es auch nicht richtig, daß Ihr ganzes Leben wegen eines Augenblicks unkontrollierter Gefühle zerstört werden soll. Wir alle haben solche Momente.« Dann fuhr sie mit ernster Stimme fort: »Ich kenne eine Frau. Sie lebt im Sumpfgebiet und sagte mir einmal, daß ich zu ihr kommen könnte, wenn ich je Hilfe nötig hätte. Es wäre jedoch gefährlich für Sie, sie allein aufzusuchen. Es sollte Sie jemand begleiten.«

In Ashtons Gesicht spiegelte sich Hoffnung. Madeline holte tief Atem, als würde sie in tiefes Wasser springen. Das war genau das Gefühl, daß sie empfand. Es widerstrebte ihr, sich auf die Probleme dieses oberflächlichen, eingebildeten Mädchens einzulassen, das nur aus reiner Verzweiflung zu ihr gekommen war. Aber Ashton war ein Mensch, ein Mensch, der Hilfe brauchte. Und es war Madelines Pech, daß sie sich immer wieder von solchen Überlegungen beeinflussen ließ.

»Ich werde Sie begleiten«, sagte sie unvermittelt. »Ich werde ein paar Tage brauchen, um Vorbereitungen zu treffen und mir den Weg beschreiben zu lassen. Ich habe Aunt Belle noch nie besucht.«

»Oh, ich danke Ihnen. Ach, Madeline, Sie sind die wundervollste, einfühlsamste – «

»Nicht so laut«, unterbrach Madeline sie sanft. »Ich muß meine Dienerin Nancy einweihen, aber sonst dürfen nur Sie und ich es wissen. Wir wollen nicht, daß Ihr Ruf leidet oder daß Sie in Schwierigkeiten geraten.«

Und auch ich will deswegen keine Schwierigkeiten haben, sagte sie sich und dachte dabei nervös an Justin.

Die Vorbereitungen waren umständlich. Zuerst mußte mit der Hebamme Kontakt aufgenommen werden. Nancy kümmerte sich darum. Dann mußte ein Zeitpunkt vereinbart und Ashton mittels eines versiegelten Briefes mitgeteilt werden. Der Brief wurde von dem einzigen Mann, dem Nancy trauen konnte, nach Mont Royal geschmuggelt: einem kaffeebraunen Sklaven namens Pete, mit dem sie schon seit mehr als einem Jahr zusammenlebte.

Mehrere Tage vor dem vereinbarten Termin sagte Madeline Justin, daß sie einige Einkäufe in Charleston erledigen wolle. Er murmelte sein Einverständnis und nahm kaum Notiz davon, als sie sagte, sie wolle über Nacht wegbleiben. Aber er bestand darauf, daß sie Nancy und auch einen männlichen Sklaven mitnehme. Sie hatte mit dieser Bedingung gerechnet.

In der Nacht vor der fingierten Reise nach Charleston schlief sie beinahe nicht. Gegen elf Uhr torkelte Justin in ihr Zimmer; er war in den vergangenen zwei Stunden mit Francis unten gesessen; sie hatten getrunken und über die aufwieglerischen Sklavengegner in Kansas geflucht. Wortlos näherte er sich ihrem Bett. Er zerrte ihr Nachthemd bis über die Taille hoch, legte die Hände um ihre Knöchel und riß ihr die Beine auseinander. Zehn Minuten später, immer noch wortlos, ging er wieder.

Sie haßte seine rohe Art des Geschlechtsverkehrs. Aber wenn er so zu ihr kam, ging er danach in sein eigenes Zimmer und ließ sie für den Rest der Nacht in Frieden. Jetzt würde er wenigstens ihre Nervosität nicht bemerken.

Am Morgen – es war ein sonniger, lieblicher Tag, genau zwei Wochen vor Weihnachten – packte Nancy Madelines Koffer. Um zwölf Uhr fuhr Pete mit der Kalesche mit dem Klappverdeck vor. Die Sonne war seit etwa einer Stunde verschwunden, und das Wetter sah bedrohlich aus. Madeline wollte die Straßen des Hinterlandes nicht während eines Sturms befahren, aber nun war es für irgendwelche Änderungen zu spät.

Sobald Resolute außer Sicht war, übergab Nancy Madeline die Zügel. Pete trottete auf der linken Seite der Kalesche dahin. Auf diese Art und Weise bewegten sie sich auf eine verlassene Straßenkreuzung zu, wo Ashton in ihrem Wagen wartete. Sie sah bleich und verängstigt aus.

Pete übernahm Ashtons zweirädrige Kutsche und fuhr in den Wald. Ein Freund von ihm, ein freier Mann, wohnte in der Nähe; Pete würde bei ihm übernachten und die Frauen am nächsten Tag zu etwa derselben Zeit wieder bei der Kreuzung treffen. Ashton plauderte kurz über den Grund, den sie für ihr Fernbleiben von Mont Royal angegeben hatte; auch sie hatte gesagt, sie würde eine Freundin besuchen, die aber gar nicht existierte. Madeline hörte zwar Ashtons Stimme, nahm aber nur wenige Worte auf.

Es war eng im Wagen für die drei Frauen. Ashton saß in der Mitte. Es war Madeline klar, daß Orrys Schwester nicht gern gegen eine Negerin gepreßt wurde, aber sie würde sich damit abfinden müssen.

Madeline zog an den Zügeln, und die Kalesche setzte sich in Bewegung. Besorgt warf sie einen Blick auf die rasch dahinziehenden, schieferfarbenen Wolken. Die ganze Angelegenheit machte sie zusehends nervöser. Etwas war wenigstens von Vorteiclass="underline" der abgeschiedene Ort, an dem Aunt Belle Nin lebte. Die Hütte lag tief in den Sümpfen oberhalb von Resolute und konnte nur über schlechte, kaum befahrene Wege erreicht werden. Madeline war ziemlich sicher, daß ihnen niemand auf dem Weg zu Aunt Belle begegnen würde, zumindest nicht jemand, der sie erkennen würde.

Als sie ungefähr die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatten, wurde der Himmel pechschwarz, und es fing an, heftig zu regnen. Obschon der Sturm nur kurz dauerte, verwandelte sich die Straße in einen Morast, und sie blieben mit dem linken Rad in einer aufgeweichten Furche stecken.

»Alle aussteigen«, befahl Madeline.

Sie und Nancy preßten ihre Schultern gegen das Rad und legten es frei; Ashton stand daneben und schaute zu. Gerade als sie das Rad aus dem Schlamm gehoben hatten, hörte Madeline ein Geräusch, das ihr Herz beinahe zum Stillstand gebracht hätte. Ein Reiter kam ihnen auf der Straße entgegen.

»Ducken Sie sich! Verstecken Sie sich dort drüben!« sagte Madeline zu Ashton, die über ihren Befehl verwirrt war. Madeline glaubte doch wohl nicht, daß sie sich ins nasse, dreckige Unterholz kauern und ihr schönes Kleid ruinieren würde?

»Zum Teufel, so beeilen Sie sich doch!« Madeline stieß sie weg. Keine Sekunde zu früh. Der Reiter galoppierte ins Blickfeld und wurde langsamer, als er die Kalesche entdeckte.

Irgendwie kam ihr die untersetzte Gestalt mit dem schwarzen, breitkrempigen Hut bekannt vor. Madeline spürte einen bohrenden Schmerz im Magen. Sie erkannte ihn. Würde auch er sie erkennen?

»Miz Madeline, was um Himmels willen tun Sie denn bei diesem scheußlichen Wetter so weit von Resolute?« sagte Watt Smith, ein Mann mittleren Alters, der oft Pferderennen mit ihrem Gatten bestritt.

»Nur ein Botengang, Mr. Smith.«

»Hier draußen? Außer ein paar dummen Niggern lebt doch hier niemand! Sind Sie sicher, daß Sie sich nicht verirrt haben?«

Madeline schüttelte den Kopf, aber Smith war nicht überzeugt. Unfreundlich starrte er Nancy an. »Die Straßen sind für weiße Frauen nicht sicher, wenn die Hälfte der Nigger ständig von einem Aufstand redet. Möchten Sie, daß ich Sie begleite?«