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Durch seine Schwäche.

Aber das würde nun alles anders werden, gelobte er sich, als er die Treppe hinunterstürmte. Er brüllte die Hausneger an, sie sollten Nancy und Pete suchen. Aber die beiden waren nirgends zu finden.

Eine Stunde später wurde ihm klar, daß sie davongerannt waren. Seine ungeheure Wut wurde noch heftiger. Er ließ durch einen Boten Francis ausrichten, unverzüglich eine Patrouille zu organisieren. Sollten sie gefaßt werden, waren die Flüchtlinge auf der Stelle zu erschießen.

Die beiden wurden nur einmal kurz gesehen, und zwar zwei Tage später auf einer Fähre, als sie den Savannah-Fluß überquerten. Irgendwoher hatten sie gefälschte Pässe bekommen. Keiner der Nachbarn von Resolute sah sie jemals wieder.

Wie lange war sie schon eingeschlossen? Drei Tage? Nein, es mußten vier Tage sein, dachte sie.

Es gab keine Möglichkeit, herauszufinden, was mit Nancy und Pete geschehen war. Sie befürchtete, daß sie mißhandelt oder getötet worden waren. Sie war verwirrt und konnte sich kaum noch in Erinnerung rufen, weshalb sie sich um die beiden sorgte. Tagsüber schlief sie, und des nachts irrte sie in ihrem Zimmer – in ihrem Käfig – umher. Vor den verriegelten Fenstern stand rund um die Uhr eine Wache. Einmal pro Tag, bei Sonnenaufgang, kamen zwei Hausneger an die Tür. Einer paßte auf, und der andere stellte die Essensration für einen Tag hinein. Sie bestand aus drei halben Schnitten grobkörnigem Schwarzbrot und einer kleinen Schüssel Wasser. In den wenigen Sekunden, während denen die Türe offen stand, warfen ihr die Sklaven hastige, mitleidige Blicke zu, aber sie trauten sich nicht, etwas zu sagen.

Da sie kein Wasser bekam, um sich zu waschen, brauchte sie jeden Tag ein wenig dafür aus der kleinen Schüssel. Es half nichts; sie bemerkte bald, daß sie anfing zu stinken. Am dritten Tag, während sie schlief, schlüpfte jemand herein und leerte den randvollen Nachttopf. Zu diesem Zeitpunkt roch es in ihrem Zimmer bereits wie in einem Stall.

Aber was machte es schon? Mit jeder Stunde, die verstrich, nahm sie ihre Umgebung weniger wahr. Sie hörte eigenartige Geräusche, und in den Zimmerecken tanzten merkwürdige Lichtreflexe, blutrot oder schneeweiß…

Oder waren sie in ihrem Kopf?

»Orry. Orry, warum bist du nicht früher gekommen?«

Sie sah ihn mit traurigen Augen bei der Tür stehen, die rechte Hand ausgestreckt. Dankbar rannte sie zu ihm hin. Als sie ihn eben berühren wollte, verschwand er.

Sie begann zu weinen. Zutiefst in ihr sagte eine dünne, ruhige Stimme: »Wie beschämt dein Vater wäre, wenn er das sehen würde.«

Aber sie kümmerte sich nicht darum. Sie war krank, erschöpft, verängstigt. Nach einer Weile gingen ihre Schluchzer in Schreie über.

»Eine stärkende Mahlzeit – das ist es, was sie braucht.«

»Ja, Herr Doktor«, sagte Justin besorgt, »wir haben schon die ganze Woche versucht, sie davon zu überzeugen, aber sie weigert sich.«

Justin und der Arzt schauten sich an; ihre Gesichter strahlten Mitgefühl und Besorgnis aus. Nur ihre Augen verrieten ihre wahren Gefühle.

Madeline bemerkte es, aber sie verstand die Bedeutung nicht. Sie war halb bewußtlos; das schwarze Haar fiel ihr unordentlich über die Schultern; ihre großen Augen blickten wie die eines Kindes; ihr Gesicht war leichenblaß.

»Oh, das erstaunt mich keineswegs«, sagte der Arzt mit weisem Lächeln. »Das ist ein häufiges Symptom bei nervöser Erschöpfung.« Er war ein rundlicher, elegant gekleideter, an Erfolg gewöhnter Mann namens Lonzo Sapp.

»Glücklicherweise«, fuhr er fort, »verfügt die moderne Medizin über eine Behandlungsweise, die meistens erfolgreich ist: Bettruhe, viel heißen Tee und Essen, wenn sie sich besser fühlt. Ich verschreibe ihr auch noch ein recht starkes Sellerietonikum, das sie einmal täglich einnehmen soll.«

»Sellerietonikum?« wiederholte Justin. »Ihre eigene Mischung?«

Dr. Sapp nickte. »Die Basis ist Weinessig, dem Sellerie zugesetzt wird.«

Der Arzt lehnte sich über das Bett und strich Madeline eine Strähne aus der Stirn. Ihre Haut glänzte im Licht der Kerzen, die neben dem Bett in einem Kandelaber standen. Als er ihr so über das Haar strich, glich er einem liebenswürdigen Vater. »Wenn Sie mich hören können, Mrs. LaMotte, möchte ich Ihnen sagen, daß Sie bald wieder Sie selbst sein können. Wollen Sie das?«

Ihre dicke, ausgetrocknete Zunge hing über die aufgesprungene Unterlippe. Sie gab keinen Laut von sich, starrte den Arzt mit gepeinigten Augen an, die sie kurz schloß, um ihr Einverständnis kundzutun.

»Dann müssen Sie meine Anordnungen genau befolgen. Ihr Gatte hat mich aus Charleston holen lassen. Er ist über Ihren Zustand zutiefst besorgt. Ich habe ihn beruhigt, aber es liegt letztlich allein in Ihren Händen, ob Sie gesund werden. Werden Sie alles tun. was ich Ihnen sage?«

»J-ja.«

Justin bückte sich und küßte sie sanft auf die Wange. Jetzt, da er ein Mittel gegen ihr rebellisches Wesen gefunden hatte, fühlte er sich sehr viel besser. Zudem war es auch eine Art Rache, da sie ihn zum Hahnrei gemacht hatte. Er war ganz sicher, daß dies letzte Woche der Fall gewesen war, und vielleicht hatte sie es schon seit Jahren getan. Auf jeden Fall war sie oft genug allein fortgegangen.

Indem er sie eingesperrt hatte und sie hungern ließ, hatte er ihren Widerstand gebrochen. Nur etwas warnte ihn: Sie hatte ihm noch immer nicht verraten, mit wem sie an jenem Tag wo gewesen war.

Zuerst hatte es ihn rasend gemacht, daß er nicht an diese Information herangekommen war. Als er aber merkte, daß sie ihm dies nie sagen würde, interpretierte er ihr Schweigen anders. Eigentlich war es für ihn von Vorteil, denn hätte er den Namen ihres Liebhabers erfahren, so hätte er sich wahrscheinlich gedemütigt gefühlt. Es hätte ja ein weißer Trödler oder irgendein Handwerker sein können, oder, noch schlimmer, ein Nigger. Nein, Unwissenheit war der Wahrheit vorzuziehen. Zumindest sagte ihm dies sein Verstand. Was seine Gefühle betraf, so wuchs in ihm ein neuer, stetiger Haß auf seine Frau.

Davon war ihm jedoch nichts anzumerken, als er neben ihrem Bett stand. Zuvor hatte er sich großzügig mit einem nach Zimt duftenden Hautwasser eingestrichen, denn Madeline und das Zimmer stanken fürchterlich. Das konnte ja jetzt aufhören. Er ging zu den Fensterläden und riß sie auf.

Kühle Nachtluft strömte herein, die Kerzen flackerten. Ihre Augen glänzten vor Dankbarkeit.

»Sobald sie wieder bei Kräften ist, wird sie auch wieder bei Sinnen sein«, versicherte ihm Sapp, als sie das Zimmer verließen. »Es ist die Schwäche, die die Verwirrung ihres Geistes hervorgerufen hat.«

Der Arzt schloß die Schlafzimmertür, schaute sich in der Halle nach allen Seiten um und fuhr dann flüsternd fort: »Nach einer Woche sollte sie sich an das Tonikum gewöhnt haben und nicht mehr argwöhnisch sein. Dann können Sie es durch das Mittel, das wir besprochen haben, ersetzen.«

»Dasjenige mit dem Laudanum?«

»Nur eine kleine Dosis. Nichts, was schaden könnte, verstehen Sie. Nur so viel, daß sie ruhig und erträglich bleibt.«

Sie schlenderten zum Treppenabsatz. Dr. Sapp fuhr fort: »Sollten wir das Tonikum absetzen wollen, dann gibt es andere Möglichkeiten, um die medizinische Behandlung fortzusetzen. Opiumtinktur ist eine dunkle Flüssigkeit, aber sie kann in Kekse eingebacken, zum Einstreichen von gewissen Fleischstücken verwendet oder auch mit Weinessig gemischt über Gemüse gegossen werden. Ich möchte damit sagen, daß es sehr viele Anwendungsmöglichkeiten gibt. Wenn Sie de Quincey gelesen haben, dann wissen Sie natürlich, daß Nebenwirkungen auftreten werden. Müdigkeit, Verstopfung, und vielleicht auch Anzeichen von vorzeitigem Altern. Die Symptome können jedoch ohne Schwierigkeiten andern Ursachen zugeschrieben werden. Anstrengung und Belastung des täglichen Lebens«, sagte er achselzuckend. »Sie braucht niemals zu erfahren, daß sie Laudanum bekommt.«