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»Ich habe ihn auch gelesen«, sagte Cooper, »aber ich finde, daß er genauso nichtssagend ist wie die früheren Artikel.« Beide Männer behielten während des Gesprächs die schwarzen Packer im Auge, die die Mont Royal mit Baumwollballen für eine Fabrik in Liverpool beluden. Das Schiff wurde wie immer voll ausgelastet, und auf jeden Kunden kamen drei, die warteten. Die Frachtlinie wies einen monatlichen Gewinn von sechzig bis siebzig Prozent aus. Sogar Orry hatte mit der Zeit bemerkt, wie erfolgreich Cooper war.

Hochwalt rügte einen Packer, der gestrauchelt war und die andern Arbeiter aufhielt. Dann wischte er sich mit einem Taschentuch den schweißnassen Nacken ab und sagte: »Mr. Rhetts Äußerungen mögen zwar abgedroschen sein, aber ich glaube daran.«

»Wie können Sie das bloß, Gerd? Er hat wiederum dazu aufgerufen, eine eigene Regierung zu bilden.«

»Und wieso nicht, Sir? Soweit ich mich zurückerinnern kann, haben uns die Nordstaatler beleidigt und verhöhnt. Sie glauben, jeder einzelne von uns sei ein Stück Dreck. Eine Nation von Bordellbesitzern! Das ist doch der Ausdruck, den sie gebrauchen, oder nicht? Ich habe nie einen Sklaven besessen oder das System unterstützt; nie in meinem ganzen Leben. Die Beleidigungen der Nordstaatler treiben mich zur Weißglut. Wenn sie nicht damit aufhören, dann müssen wir in Gottes Namen unsere eigenen Wege gehen.«

Gefühlsmäßig konnte Cooper Hochwalt verstehen, verstandesmäßig war es ihm jedoch unmöglich.

»Aber sehen Sie denn nicht, daß Männer wie Bob Rhett, James Huntoon und Mr. Yancey von Alabama uns in den Abgrund stürzen werden?«

Hochwalt überlegte kurz. »Nein, Sir. Aber auch wenn sie das tun, so werde ich mich ihnen anschließen.«

»Um Himmels willen, Mann, wieso?«

Der Vorarbeiter starrte Cooper an, als wäre dieser nicht ganz bei Trost.

»South Carolina ist meine Heimat. Diese Männer setzen sich dafür ein. Niemand sonst tut das, Mr. Main.«

Ein paar Abende später sagte Cooper zu seinem Bruder: »Ich muß dir gestehen, Orry, mir graute, als Hochwalt mir das sagte. Er ist kein heißblütiger Revolutionär, sondern ein seriöser, respektabler Deutscher. Wenn er und andere anständige Männer seiner Art den Extremisten Gehör schenken, dann steht es schon schlimmer um uns, als ich je vermutet hätte.«

Orry war nach Charleston geritten, um die Bücher der Schiffsgesellschaft durchzusehen. Er und Cooper hatten sich fast den ganzen Tag dieser Arbeit gewidmet; Orry hatte schließlich seine Zufriedenheit geäußert und seinem Bruder ein Lob ausgesprochen – eine Seltenheit. Nun saßen die beiden in bequemen, weißgestrichenen Schaukelstühlen und sahen in den Garten der Tradd Street hinaus. Der kleine Judah, ein stämmiger Junge, rollte dem Baby, Marie-Louise, die mit gespreizten Beinen im dichten Gras saß, einen Ball zu.

Orry kam wieder auf das Geschäft zu sprechen. »Ich bin dankbar, daß die Schiffe voll ausgelastet sind. Der Reismarkt in Südeuropa befindet sich immer noch in einer Krise, und die Nachfrage sinkt mit jedem Monat mehr. Du hast gut daran getan, unsere Tätigkeit zu erweitern.«

Als er dies sagte, tönte seine Stimme eigentlich nicht anders als gewohnt. Und doch wußte Cooper, daß irgend etwas nicht stimmte, aber die Ursache war ihm nicht klar. Gerade als er Orry fragen wollte, kam Judith mit einem Päckchen in der Hand aus dem Haus.

»Ein Bursche der Colony-Buchhandlung hat das für dich abgegeben, Orry.«

»Oh – das Buch, das ich heute morgen kaufen wollte. Sie hatten es nicht mehr am Lager, aber sie erwarteten eine Sendung von zwölf Exemplaren für heute nachmittag.« Er packte das Paket hastig aus. Als Judith die Goldschrift sah, klatschte sie überrascht in die Hände.

»Leaves of Grass! Das ist ja der Gedichtband, gegen den Reverend Entwhistle am letzten Sonntag gewettert hat. Ich habe seine ganze Predigt in der Zeitung gelesen. Er sagte, das Buch sei durch und durch unflätig, es sei das Werk eines Mannes, der nicht mehr auf die Stimme von Vernunft und Ordnung hören wolle.«

Cooper sagte: »Das Buch wird von den Geistlichen des Nordens genauso verdammt. Wie war doch der Name des Verfassers?« Er drehte das Buch in der Hand seines Bruders um: »Whitman. Seit wann hast du denn Zeit für moderne Poesie, und seit wann interessierst du dich dafür?«

Orry errötete unter seinem Bart. »Ich habe es als Geschenk gekauft.«

»Für jemanden in Mont Royal?«

»Nein, für einen Bekannten.«

Cooper drängte nicht, aber er fragte sich, ob er auf diese Art vielleicht den Grund für die schlechte Stimmung seines Bruders erfahren hätte.

»Das Abendessen ist demnächst soweit«, sagte Judith. »Rachel hat seit dem frühen Morgen Krabben gefangen.« Rachel war die freie schwarze Köchin. »Ich habe Ashton und James eingeladen, aber sie waren schon anderweitig verpflichtet. Wir sehen sie selten. Ich muß leider gestehen, daß sie noch nie hier gegessen haben, obwohl wir so nahe beisammen wohnen. Jedesmal, wenn ich sie einlade, haben sie etwas vor.«

Die Huntoons waren in ein elegantes, luftiges Haus an der East Battery gezogen, nur wenige Schritte von der Tradd Street entfernt. Orry war an Ashtons Haus vorbeigeritten, aber eigenartigerweise hatte er gar keine Lust, seine Schwester zu besuchen.

»Sie haben eine Menge neuer Freunde«, erklärte Cooper. »Die meisten von ihnen sind Anhänger von Bob Rhett. Ich muß gestehen, daß es nicht gerade angenehm ist, von seinen Blutsverwandten gemieden zu werden, aber ich glaube, es ist besser, wenn sie uns nicht besuchen oder mit uns essen. James und ich vertreten so radikal verschiedene politische Ansichten, daß wir unter Umständen schon nach der Vorspeise einen Zeitpunkt für ein Duell vereinbaren müßten.«

Er sah etwas fröhlicher aus, als er in die Hände klatschte und rief: »Kinder! Es ist beinahe Essenszeit. Kommt und setzt euch auf meinen Schoß!«

Orry konnte seine Gedanken nicht von Madeline abwenden. Er starrte das Buch an, wickelte es wieder ein und ließ es sorgfältig in seine Tasche gleiten.

Beim Abendessen versuchte Cooper mehrere Male das Gespräch auf das Erweiterungsvorhaben zu lenken, über das er in letzter Zeit viel nachgedacht hatte. Es handelte sich um einen nicht alltäglichen Plan, der gute Nerven und weitaus mehr Kapital erforderte, als die Mains problemlos flüssig machen könnten. Als möglichen Partner hatte er sich George Hazard vorgestellt, aber das Gespräch kam nie soweit, denn Orry ließ alle Diskussionen über das Geschäft im Sand verlaufen. Während des ganzen Essens gab er kaum zwanzig Worte von sich. Als Cooper in dieser Nacht mit Judith im Bett lag, wurde ihm bewußt, daß sein Bruder seit den ersten Monaten nach der Rückkehr aus Mexiko nie mehr in einer solch eigenartigen, gedrückten Stimmung gewesen war.

Huntoons Anwaltskanzlei wie auch sein Ruf wuchsen stetig, Ashton war maßgeblich daran beteiligt. Sie gab Parties, Empfänge und Abendessen; sie pflegte die Beziehungen mit den führenden Männern der Umgebung und ihren häßlichen, herrischen Frauen, ohne jemals durchblicken zu lassen, wie sehr sie sie abstießen oder wie raffiniert sie sie zu manipulieren verstand.

Huntoon arbeitete viele Stunden an einer Ansprache über die sich zuspitzende nationale Krise. An einem Spätsommerabend hielt er vor ungefähr dreißig Gästen im Haus an der East Battery eine Kurzfassung der Rede. Unter den Gästen befanden sich der Verleger Rhett und der vielleicht schärfste Verfechter der Sezession, William Yancey aus Alabama. Er sah sanft und ungefährlich aus, aber er war ein brillianter Redner. Einige nannten ihn ›Prinz der Extremisten‹. Ashton träumte davon, daß er zum König befördert werden würde, damit ihr Gatte den andern Titel übernehmen könnte.