Was war mit Madeline geschehen?
Die Frage quälte ihn schon seit Tagen. Madeline hatte sich zurückgezogen, verließ Resolute nur noch selten und dann auch nur in Begleitung ihres Gatten. Orry war der Kutsche der LaMottes vor ein paar Wochen auf der Flußstraße begegnet. Er hatte ihnen zugewinkt – vielleicht etwas zu heftig, wie er befürchtete, aber er hätte sich keine Sorgen machen müssen. Madeline erwiderte seinen Gruß auf die genau gleiche Art wie Justin: ein lebloses Lächeln, ein starrer Blick und eine Handbewegung, die einen Gruß nur andeutete. Die Kutsche fuhr an ihm vorbei und war bald außer Sichtweite.
Orry nahm »Leaves of Grass« vom Büchergestell; das Buch war immer noch im braunen Einpackpapier. Er hatte noch keine Möglichkeit gehabt, es Madeline zu schenken. Sie besuchte Clarissa nicht mehr und antwortete nicht mehr auf seine Bitten, ihn zu treffen. Dreimal hatte er bei der Kapelle gewartet, nachdem er heimlich einen Brief nach Resolute geschickt hatte. Aber sie war nie erschienen.
Als er das letzte Mal gewartet hatte, waren überall geknickte Äste auf dem zertrampelten Gras herumgelegen; es erweckte den Anschein, als hätten andere Liebhaber die verfallene Kirche entdeckt. Er ging nicht mehr zur Kapelle. Völlig verzweifelt befahl er einem der Haussklaven, herauszufinden, ob seine Briefe vielleicht abgefangen worden waren. Nancy war vor Monaten weggerannt; vielleicht war deshalb ihre Kommunikation unterbrochen worden. Anscheinend traf dies jedoch nicht zu – wenigstens nicht so, wie er befürchtet hatte. Schon nach ein paar Tagen berichtete ihm der Sklave: »Ich habe Neues von Resolute erfahren, Mr. Orry. Sie bekommt die Briefe. Ein Mädchen namens Cassiopeia gibt sie ihr.«
»Liest sie Mrs. LaMotte?«
»Soviel ich weiß, ja. Aber dann zerreißt sie sie oder wirft sie in den Kamin.«
Als ihm dies wieder einfiel, schleuderte Orry das Buch in eine Ecke. Dabei traf er versehentlich den Uniformständer, der umfiel. Vom Lärm aufgeschreckt, eilten Brett und zwei Hausmädchen herbei. Ohne die Tür zu öffnen, schrie Orry, daß alles in Ordnung sei.
Dann kam ihm ein Gedanke, der seine Hoffnung wieder aufleben ließ. Am Samstag würde in der Nähe von Six Oaks ein Reitturnier stattfinden. Es war möglich, daß Madeline mit Justin hinginge. Normalerweise mied Orry solche Treffen, aber dieses Mal würde er hingehen. Vielleicht gäbe es eine Möglichkeit, mit ihr zu sprechen und herauszufinden, was los war.
Am Samstag war das Wetter schwül, regnerisch, und ab und zu grollte der Donner. Eine riesige, aufgeregte Menschenmenge war zum Turnier gekommen. Orry hatte jedoch keine Lust, den jungen Männern zuzuschauen, die sich selber Sir Gawain oder Sir Kay getauft hatten. Währenddem sie waghalsig auf dem Platz herumritten und versuchten, einander an den Lanzen zu packen, streifte er durch die Menge und suchte die LaMottes.
Schließlich erspähte er Justin, der sich lauthals mit seinem Bruder und einigen andern Männern unterhielt. Voll guten Muts setzte Orry seine Suche nach Madeline fort. Er erblickte sie von dem Ort aus, wo Charles damals auf Whitney Smiths Schuß gewartet hatte. Madeline saß auf einem Baumstamm und sah zu, wie kleine Regentropfen die glatte Oberfläche des Flusses leicht aufwirbelten.
Er näherte sich ihr und bemerkte, daß der Baumstamm ihr Kleid beschmutzt hatte. Sie mußte ihn gehört haben, aber sie drehte sich nicht um. Er fühlte sich linkisch, unreif, ängstlich – und räusperte sich.
»Madeline?«
Sie stand langsam auf. Als er ihr Gesicht sah, schrak er zurück. Es war weiß – leichenblaß. Sie hatte mindestens zehn oder fünfzehn Pfund abgenommen. Ihre Wangen waren hohl. Es schien ihr schwerzufallen, ihren Blick nicht von ihm abschweifen zu lassen.
»Orry, wie nett, dich zu sehen.«
Sie lächelte, aber es war dasselbe leblose Lächeln wie damals, als er sie in der Kutsche gesehen hatte. Er konnte ihren Blick kaum ertragen. Er war immer so lebendig und warm gewesen. Und jetzt …
»Madeline. Was ist los? Wieso hast du meine Botschaften nicht beantwortet?« Obwohl sich niemand in ihrer Nähe befand, flüsterte er. Sie stierte über seine Schulter. Dann trafen sich ihre Blicke wieder. Orry konnte Schmerz und einen Hilferuf darin lesen. Er ging auf sie zu.
»Ich sehe dir an, daß etwas nicht stimmt. Du mußt es mir sagen – «
»Madeline?« Die Stimme von Justin! Orry zuckte zusammen. »Komm bitte zu uns herüber, Liebes. Wir gehen bald.«
Orry wandte sich um, wobei er versuchte, sich so natürlich wie möglich zu bewegen und seine Spannung nicht zu zeigen. Madelines Gatte hatte sie von der andern Seite des Kampffeldes her gerufen. Um jeglichem Verdacht vorzubeugen, grüßte er Justin auf formelle Art, indem er seinen Hut leicht antippte. Justin erwiderte den Gruß auf die gleiche Weise. Orry lächelte breit und steif, als würde er nur Höflichkeiten mit einer Nachbarin austauschen.
In Tat und Wahrheit flüsterte er: »Ich muß wenigstens noch einmal mit dir allein sprechen, Madeline.«
Sie schaute ihn wieder an. Sehnsüchtig, dachte er. Aber sie seufzte und sagte: »Nein. Es tut mir leid, aber es ist zu schwierig.«
Mit langsamen, schlaffen Schritten ging sie weg, um sich zu ihrem Gatten zu gesellen. Orry schäumte vor Wut; am liebsten hätte er Justin an der Gurgel gepackt und ihn so lange geschüttelt, bis er gestand, was mit Madeline los war. Von ihr war ja offensichtlich nichts zu erfahren. Madeline war apathisch und verwirrt – wie in einem Fieberwahn.
Als er nach Hause ritt, war es jedoch die Erinnerung an ihre Augen, die ihn am stärksten peinigte. Sie hatte einen eigenartig unterwürfigen Blick, ohne eine Spur von Hoffnung, beinahe leblos. Der Blick eines geschlagenen Tieres.
41
Bei der Betrachtung seiner neuen Pionierkorpsabzeichen fand Billy, daß seine Welt eigentlich ganz in Ordnung sei.
Die Befürchtungen des Kadetten aus New Jersey, der von Ashton beglückt worden war, hatten sich nie bewahrheitet. Die Sieben hatten eisern geschwiegen, Charles war nie etwas zu Ohren gekommen. Einer der Gruppe hatte sich bei Billy darüber beklagt, daß Ashton in bezug auf ihren zweiten Besuch gelogen haben mußte – aber das hätte Billy ihm schon früher sagen können. Danach geriet der Zwischenfall wegen dem dauernden militärischen Drill und dem akademischen Druck langsam in Vergessenheit.
Billys Weltanschauung wurde hauptsächlich von den Begebenheiten des täglichen Lebens und nicht von anderweitigen Ereignissen geprägt. Hätte er seinen Blick etwas in die Ferne gerichtet und nicht ausschließlich in Gedanken an die Akademie und an Brett gelebt, so hätte er Zeichen von Aufruhr entdecken können.
Der blutige Krieg auf der Krim dauerte immer noch an. Einer der Klassenkameraden seines Bruders, George McClellan, war von Verteidigungsminister Davis als Beobachter auf die Halbinsel geschickt worden. In Amerika waren es andere Arten der Gewalttätigkeit, die Böses ahnen ließen. Die Männer bekämpften sich in Kansas – und in den Kongreßhallen. Während Senator Sumner aus Massachusetts eine politische Rede über Kansas hielt, griff er ungerechtfertigterweise plötzlich Senator Andrew Butler aus South Carolina persönlich an. Am 22. Mai 1856 betrat der Kongreßabgeordnete Preston Brooks aus South Carolina den Senat mit einem goldbeknauften Spazierstock, den er in der Folge dazu verwandte, seine Meinung über Sumners Rede und dessen Person kundzutun.
Sumner schrie um Gnade, als das Blut auf seinen Schreibtisch tropfte. Brooks schlug auf ihn ein, bis der Stock zerbrach. Andere Senatoren schauten zu, ohne einzugreifen. Darunter befand sich Douglas, dessen Gesetzesanträge die Kontroverse verursacht hatten, gegen die Sumner wetterte.
Einige Wochen später schrieb Brett Billy, daß Brooks in ganz South Carolina gefeiert worden sei. Ashton und ihr Gatte hatten ihn in ihrem Haus freundschaftlich bewirtet und ihm einen Spazierstock mit eingravierter Widmung geschenkt. Brooks hatte Dutzende davon erhalten. Weiter schrieb Brett: