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Als James und Ashton letzte Woche hier waren, sagte Orry, daß Sumner sicher nicht vor einem Jahr genesen würde. James zog daraufhin eine Augenbraue hoch und sagte: »So schnell? Wie schade!« Billy, ich hasse diese Zeiten, in denen wir leben. Es scheint, als würden sie das Allerschlimmste im Menschen hervorrufen.

Aber nicht einmal das konnte Billy zu diesem Zeitpunkt entmutigen. In ein paar Tagen würde er die Akademie verlassen, und er hatte, besonders während des letzten Jahres, gute Arbeit geleistet. Mahan hatte seine Arbeit während des Kurses für Militärwissenschaft und Bauingenieurwesen öffentlich gelobt. Billy kannte nun den Unterschied zwischen Pinus mitis und Pinus strobus, er konnte eine Abhandlung über die Verwendung von Ton- und Kalkgestein als Baumaterial schreiben oder die Formel für Mörtel im Schlaf aufsagen. Er würde den sechstbesten Durchschnitt aller Absolventen der 1856er Klasse haben.

George, Constance, Maude und sogar Stanley und Isabel waren für diesen Anlaß nach West Point gekommen. Wenn nötig, brachten George und Isabel es fertig, ein paar Worte miteinander zu wechseln, das Gespräch war jedoch stets steif und kühl; das Besuchsverbot zwischen den beiden Häusern war immer noch in Kraft. Billy hörte Constance einmal sagen, es sei eine Schande, in diesem kurzen Leben so lange beleidigt zu sein, worauf George konterte, daß er alles, was ihn von Isabels Gesellschaft abhielt, als Geschenk Gottes betrachte – gerade weil das Leben so kurz sei.

Charles beglückwünschte Billy zu seinen guten Noten und erleichterte ihn dann um Wolldecken und andere persönliche Militäreffekten. In akademischer Hinsicht war Charles nie mit seinem Freund in einen Wettstreit getreten; er war und blieb einer der Unsterblichen und wurde für die berittene Truppe vorgesehen – genau das, was er wollte. Die Aussichten auf eine Beförderung bei der Kavallerie – das heißt, eigentlich bei allen Truppen – waren merklich besser geworden, seit Davis vor einem Jahr einen Ausbau der Armee durchgesetzt hatte. Es waren zwei neue Infanterie- und Kavallerieregimenter aufgestellt worden. Charles hoffte, daß er im nächsten Jahr in eine dieser neuen Einheiten versetzt würde.

Billy wußte bereits, wo sein erster Standort als Brevetleutnant sein würde. Im Anschluß an den auf den Akademieabschluß folgenden Urlaub würde er sich im Fort Hamilton im Hafen von New York melden, wo er Ausbesserungsarbeiten an den Küstenfestungen und der Hafenanlage vorzunehmen hatte.

Als er mit der Familie nach Hause reiste, fuhr Billy zum erstenmal mit der Lehigh-Eisenbahnlinie, die nun auch die flußaufwärts liegenden Ortschaften einschließlich Lehigh Station bediente. Als die Hazards den Zug verließen, machte der Bahnhofvorsteher George ein Kompliment über Billys Aussehen.

»Sie haben recht, er macht sich gut als Soldat. Er sieht so schneidig aus, daß ich richtig Sehnsucht nach der Armee kriege.«

»Beinahe«, fügte George lächelnd hinzu.

»Es wäre schön gewesen, wenn Brett im Juni für eine Woche hätte hierherkommen können«, sagte Billy.

George betrachtete prüfend seine Zigarrenspitze. »Habt ihr beide etwas zu besprechen?«

»Nein, noch nicht. Aber ich glaube demnächst. Eben darüber muß ich mit jemandem reden.«

»Täte es ein älterer Bruder auch?«

»Ich hatte gehofft, daß du das sagen würdest.«

»Na denn, heute abend«, sagte George, nicht ohne zu bemerken, wie ernst es Billy war.

Nach dem Abendessen ging Billy nach oben, um Zivilkleider anzuziehen. George küßte die Kinder und eilte dann zum Schreibtisch, wo er hastig einen Brief öffnete, der während seiner Abwesenheit eingetroffen war; er war in Eddyville, Kentucky, abgeschickt worden.

Vor einigen Monaten hatte er von einem Mann aus Pittsburgh namens William Kelly gehört, der in Eddyville einen Hochofen und eine Gießerei betrieb. Kelly behauptete, er habe eine rasche und wirksame Methode herausgefunden, um Silizium, Phosphor und andere Elemente aus Roheisen auszuscheiden und dabei den Kohlenstoffgehalt stark zu senken. Laut Kelly resultierte aus seinem ›pneumatischen Verfahren‹ eine gute, elastische Stahlqualität.

Während Kelly von Gläubigern bedrängt und von Konkurrenten, die sein Verfahren eine ›Luftverbrennungsanstalt‹ nannten, verhöhnt wurde, arbeitete er weiterhin an einem geheimen Ort in den Wäldern von Kentucky an der Verbesserung des Kernstücks seiner Anlage, dem Konverter. George hatte ihm in einem Brief angekündigt, er werde nach Eddyville reisen und den Konverter besichtigen. Falls ihm die Sache gefiele, wäre er nicht abgeneigt, Kellys Arbeit gegen eine Beteiligung zu finanzieren.

George machte ein langes Gesicht, als er den Antwortbrief las. Kelly hätte zwar das Geld brauchen können, um seine Gläubiger fernzuhalten, aber er wollte seinen Konverter geheimhalten, bis er mit dessen Form zufrieden war und sein Verfahren patentiert hatte. Kellys Mißtrauen war nicht aus der Luft gegriffen, denn im Eisengeschäft gab es Männer, die sich mit allen Mitteln Informationen über ein erfolgreiches Verfahren beschafften, um es sich dann, wenn es nicht patentiert war, ohne Skrupel anzueignen. Kellys Antwort enttäuschte George trotzdem, und in dieser Stimmung ging er auf die Veranda, um seinen Bruder zu treffen.

Billy war jedoch noch nicht dort. George ließ sich in einen Schaukelstuhl fallen. Unten am Fluß fuhr ein Güterzug talaufwärts; der Kamin spuckte Rauchwolken aus, die scharlachrot in der Abenddämmerung aufleuchteten und sich dann auflösten.

George war verblüfft über die zahlreichen Änderungen, die er in seinen einunddreißig Jahren erlebt hatte. Er war mit Kanalbooten aufgewachsen – es gab sie nicht mehr. Züge auf Gleisen waren die Symbole des neuen Zeitalters.

Auch in Washington spielte die Eisenbahn im Geschäftsleben eine wichtige Rolle. Die Sklaverei und das endgültige Schicksal von Kansas und Nebraska waren unauflösbar mit der bevorstehenden Entscheidung über die Route einer transkontinentalen Linie verflochten. Minister Davis wollte, daß die Route durch den Süden, durch die sklavenhaltenden Staaten, führe. Senator Douglas befürwortete eine nördliche Route mit einer Seitenlinie bis Chicago. Es war ein offenes Geheimnis, daß Douglas mit Land im Westen spekulierte. Seine Feinde warfen ihm öffentlich vor, er habe das Kansas-Nebraska-Gesetz eingeführt, um die Besiedlung voranzutreiben, die ihrerseits den Eisenbahnausbau fördern und den Wert seines Besitzes steigern würde.

In diesen Zeiten gab es offensichtlich keine lauteren Beweggründe mehr, dachte George, als er die sinkende Sonne betrachtete, die die tiefen Gipfel jenseits des Flusses in goldenes Licht tauchte. Es schien keinen Menschen mehr zu geben, der noch mit allen Problemen und Leidenschaften des komplizierten und zynischen neuen Zeitalters zurecht kam. Es gab keine Staatsmänner mehr, nur noch Politiker.

Oder überkamen ihn nur solche Gedanken, weil er älter wurde? Mit einunddreißig hatte man schon drei Viertel eines durchschnittlichen Lebensalters hinter sich. Dieses Wissen belastete ihn. Er sann darüber nach, daß die Hoffnungen und Träume, die ein Mensch hegte, und auch seine Zeit auf dieser Erde beinahe so schnell vergingen wie die Rauchwolken des Güterzugs.

Er hörte Billys Schritte auf der Treppe und riß sich zusammen. Sein jüngerer Bruder wollte einen Rat von ihm – einen weisen Rat – und merkte nicht, daß ältere Leute beinahe genauso unsicher waren wie er selbst – oder vielleicht noch unsicherer! George tat sein Bestes, um diese Tatsache zu verbergen. Als Billy kam, schaukelte er hin und her und paffte genüßlich an seiner Zigarre.

»Sollen wir einen Spaziergang auf den Hügel machen?« fragte George.

Billy nickte. Sie verließen die Veranda, schlenderten ums Haus, ließen bald darauf den Stall und den Holzschuppen hinter sich und gelangten dann auf eine offene Ebene, wo Berglorbeer aus Felsspalten herauswuchs. Auf dem Abhang über ihnen hatte sich der Lorbeer noch stärker ausgebreitet und stand nun in voller Blüte. Hunderte von weißen Blüten schaukelten sanft in der Abendbrise, und die spitzigen Blätter raschelten leise.