George begann den Hügel hinaufzugehen, der beträchtlich höher als Belvedere lag. Der Weg war nicht einfach zu finden, aber er konnte sich an den Ausgangspunkt erinnern und kämpfte sich bald darauf hinauf. Der Lorbeer umspielte seine Beine. Der Aufstieg ermüdete ihn stark, Billy nicht.
Einige wenige verkrüppelte Lorbeersträucher fristeten ihr Dasein auf der runden Hügelkuppe. Sie erinnerten ihn an das mystische Gefühl, das seine Mutter diesem widerstandsfähigen Busch gegenüber empfand und an die Art, wie sie ihn mit der Familie und der Liebe verglich.
Im Tal unter ihnen waren die Stadt, die Häuser und die Eisenwerke deutlich zu erkennen. Billy genoß die Aussicht für einen Augenblick, griff dann in die Tasche und reichte seinem Bruder etwas in einem billigen, weißen Metallrahmen.
»Ich wollte dir das zeigen.«
George drehte sich seitwärts, um das Bild in den letzten Sonnenstrahlen betrachten zu können. »Guter Gott, das bist ja du mit Charles! Ihr seht nicht gerade nüchtern aus.«
Billy grinste und steckte das Bild wieder in die Tasche. »Die Aufnahme wurde unmittelbar nach einem unserer Besuche bei Benny gemacht«, sagte er.
»Wann haben sie in West Point mit Photographieren begonnen?«
»Letztes Jahr wurden die ersten Klassenbilder gemacht. Charles und ich wollten eins, auf dem wir zusammen waren.«
George lachte glucksend und schüttelte dann den Kopf. »Cooper Main hat recht: Wir leben wirklich in einer wunderbaren Zeit.«
Billy wurde plötzlich ernst. »Ich möchte, ein paar Wunder würden nach South Carolina ziehen. Ich habe das Gefühl, Orry will nicht, daß ich Brett heirate.«
»Ist es das, worüber du reden wolltest?« Als Billy nickte, fuhr er fort: »Hast du mit Orry gesprochen oder ihm deine Absicht mitgeteilt?«
»Nein. Und ich werde es mindestens ein Jahr lang auch nicht tun. Ich muß zuerst sicher sein, daß ich eine Frau ernähren kann.«
Wie vorsichtig und überlegt er doch ist, dachte George. Aus ihm wird ein guter Ingenieur werden.
Billy fuhr fort: »Brett hat ihm gegenüber jedoch einige Andeutungen gemacht. Wir haben beide das Gefühl, daß er mit unserer Verbindung nicht einverstanden ist. Ich nehme an, er mag mich nicht.«
»Nein, das ist ganz sicher nicht der Grund. Brett und du, ihr kommt aus verschiedenen Welten. Ihr kommt aus Landesteilen, die einander mit jedem Tag feindlicher gesinnt sind. Ich bin sicher, daß sich Orry über die Zukunft, die euch erwartet, Sorgen macht. Und ich teile diese Sorge.«
»Was soll ich denn tun?«
»Befolge den Rat, den mir Mutter gab, als die Leute sagten, ich solle keine Katholikin heiraten und sie nach Lehigh Station bringen. Sie sagte mir, ich solle meinen eigenen Gefühlen trauen und mich nicht von den bigotten oder sonstigen Meinungen anderer Leute beirren lassen! Sie sagte, Liebe sei immer stärker als Haß. Und es müsse so sein, wenn die Menschen überleben wollten. Orry haßt dich nicht, aber vielleicht zweifelt er an deinen Absichten.« Ein Lächeln umspielte seinen Mund. »Stehen Sie stramm, Leutnant. Geben Sie Ihre Haltung nicht auf, dann wird Orry schließlich einlenken.«
»Und wenn das eine Weile dauert?«
»Na und? Willst du Brett heiraten oder nicht?« Plötzlich bückte sich George. Er riß einen Lorbeerzweig ab und hielt ihn in der Dämmerung hoch. »Du kennst Mutters Gefühle über diese Pflanze. Sie sagt, daß sie zu den wenigen Dingen gehört, die ihre natürlichen Feinde überleben.« Er gab Billy den grünweißen Zweig. »Nimm dir ein Beispiel daran. Sieh zu, daß deine Gefühle für Brett stärker sind als all die Zweifel der andern. Wenn du spürst, daß die Hoffnung schwächer wird, dann denke an den Lorbeer, der hier oben in der Sonne und im Sturm wächst. Nicht aufgeben! Das ist der beste Rat, den ich weiß.«
Billy betrachtete die Blätter und Blüten einen Augenblick. Er wollte lächeln, aber es gelang ihm nicht. Zutiefst gerührt sagte er: »Vielen Dank. Ich kann ihn brauchen.« Er steckte den Zweig in die Tasche.
Die Nacht war hereingebrochen. Die beiden Brüder gingen plaudernd und lachend den Weg hinunter. Sie verschwanden in der Dunkelheit des Abhangs, wo der Lorbeer immer noch leise rauschte – wie die See.
42
In jenem Herbst zerbröckelten die alten politischen Loyalitäten mehr und mehr. Buck Buchanan hatte es nun endlich geschafft, sich als Kandidat der Demokraten für die Präsidentenwahl aufstellen zu lassen. Obwohl Cameron immer noch Streit mit seinem früheren Kollegen hatte, wollte er nicht – wie so viele West- und Nordstaatler – ins Lager der Republikaner überwechseln, denn er hatte das Gefühl, dies könnte seiner sorgfältig geplanten politischen Karriere schaden. So trieb er denn im Herbst des Jahres 1856 unter dem Banner einer sogenannten Unions-Partei Wahlpropaganda, während er im geheimen Vorschläge für ein Bündnis prüfte. Republikaner wie David Wilmot sicherten Cameron ihre Hilfe für einen Sitz im Senat zu für den Fall, daß er sich ihnen anschließen würde. Stanley leistete loyale Arbeit für seinen Boss Cameron, ohne zu wissen, wofür der Mann eigentlich eintrat.
In South Carolina proklamierte Huntoon weiterhin seine Ansichten in der Öffentlichkeit. Er fürchtete sich vor der wachsenden Macht der Republikaner, war aber auch von Buchanan kaum begeistert, denn dieser beabsichtigte zwar, sich nicht in die Sklaverei einzumischen, aber die Douglas-Doktrin in den Territorien zu bekräftigen. Wie sollte der Süden mit der einen oder andern Partei überleben? fragte Huntoon in seinen Reden. »Unmöglich – Sezession ist die einzige Antwort.« Mit diesen Worten schloß Huntoon all seine Ansprachen, indem er theatralisch den Arm erhob und in einen Hochruf ausbrach:
»Auf das Schwert! Den Schiedsrichter der nationalen Uneinigkeiten! Je früher es für den Kampf um die Rechte des Südens eingesetzt wird, desto besser!«
Der Hochruf löste jedesmal frenetischen Beifall aus, und die Presse von South Carolina berichtete ausführlich über Huntoon. Der Mercury taufte ihn ›Junger Hitzkopf‹. Ashton war hingerissen und betrachtete es als einen gewichtigen Schritt in der Laufbahn ihres Gatten. Ein Mann konnte von sich sagen, daß er zu Ruhm gelangt war, wenn ihn die Öffentlichkeit ›Jung Dies‹ oder ›Alt Das‹ nannte.
Im Norden hatten die Hazards in letzter Zeit immer mehr die Konkurrenz der britischen Eisenindustrie gespürt. George fand, die Demokraten mit ihrer Niedrig-Zoll-Politik seien daran schuld, und aus diesem Grund trat er der Republikanischen Partei bei. Seine Entscheidung hatte nichts damit zu tun, daß die Partei in bezug auf die Sklaverei einen härteren Kurs steuerte, obwohl er auch dies bejahte. Er stimmte für den republikanischen Kandidaten, Fremont, der ungefähr fünfhunderttausend Stimmen weniger erhielt als Buchanan. Für eine neue Partei, die das erste Mal an Präsidentenwahlen teilnahm, war dies ein außerordentlich gutes Ergebnis.
Einige Tage nach der Wahl tauchte Cooper mit einer technischen Zeichnung unter dem Arm in Mont Royal auf. Als er die Zeichnung aufrollte, sah Orry den Plan und Aufriß eines Frachtschiffes. Ein schmuckes Band umrahmte den Namen Star of Carolina am unteren Blattende.
»Wie groß ist das Schiff?« fragte Orry verblüfft.
»Hundertsechsundsiebzig Meter vom Bug bis zum Heck. Etwas weniger als der Dampfer, den mein Freund Brunei baut, um Kohle und Passagiere nach Trincomalee in Ceylon zu transportieren. Das Schiff trägt den Namen Leviathan. Es wird zur Zeit auf der Isle of Dogs auf der Themse gebaut. In zwei Wochen reise ich mit der Familie ab, um es mir anzuschauen.«
Orry spielte nachdenklich mit seinem Bart. »Es mag sein, daß du weitere Ferien in Großbritannien brauchst, aber ich bin nicht sicher, ob die Mains ein neues Schiff brauchen.« Er klopfte mit dem Zeigefinger auf die Zeichnung. »Du willst dieses Monstrum doch nicht etwa bauen lassen…?«