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»O doch. Ich schlage vor, daß die Main-Werft in Charleston errichtet wird – und zwar eigens für den Bau der Star of Carolina, damit es als amerikanisches Flaggschiff vom Stapel gelassen werden kann.«

Orry füllte zwei Gläser mit Whiskey und reichte eins seinem Bruder. »Hast du deshalb das Land auf James Island gekauft?«

Cooper lächelte. »Genau.«

Orry kippte die Hälfte seines Whiskeys hinunter und sagte dann in einem etwas sarkastischen Ton: »Es ehrt mich, daß du glaubst, unsere Familie könne ihren Wohlstand vermehren, während alle andern untergehen. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu – George sagt, daß er eine Rezession, ja sogar einen wirtschaftlichen Zusammenbruch befürchtet – und du willst ein neues Frachtschiff bauen!«

»Das größte in Amerika«, stimmte Cooper nickend zu. Er trat ruhig und sicher auf. Er hatte gelernt, mit dem Widerstand anderer Leute umzugehen, auch mit demjenigen seiner Familie.

»Das Schiff wird in kurzer Zeit – durch den Transport von Baumwolle und vielen anderen Dingen – selbsttragend sein«, fuhr er fort. »Ich weiß, daß uns harte Zeiten bevorstehen, aber sie werden nicht ewig dauern, und wir sollten unsern Blick in die Zukunft richten. Betrachte nur einen Augenblick den Stand der einheimischen Schiffsindustrie. Die Klipper wurden ja nur der Geschwindigkeit wegen gebaut; jeder wollte der erste bei den Goldminen sein, und zum Teufel mit der Ladekapazität – das war doch die vorherrschende Haltung. Nun gibt es kein Gold mehr, und es werden auch keine Klipper mehr gebaut. Diejenigen, die immer noch gebraucht werden, sind in einem desolaten Zustand. Ihre Frachtkapazität ist für das, was unsere Farmer und Fabrikanten alles verschiffen wollen, viel zu gering. Ich sage dir, Orry, als seefahrende Nation sind wir in dieser Hinsicht hoffnungslos im Rückstand. Die Gesamttonnage Amerikas auf den Ozeanen beträgt neunzigtausend Registertonnen. Diejenige von Großbritannien ist beinahe sechsmal größer. Die Star of Carolina kann diesen Rückstand aufholen helfen. Und noch eins: Die Werft wird sowohl Charleston als auch dem ganzen Staat zugute kommen. Wir brauchen eine Industrie, die nicht von der Sklaverei abhängig ist.«

Lachend – wie hätte er sich angesichts eines solchen Feuereifers anders verhalten können? – hob Orry die Hand hoch. »Einverstanden. Du hast mich überzeugt.«

»Sicher?«

»Vielleicht nicht völlig, aber genug, um dich zu fragen, wieviel diese Schönheit denn kosten soll.«

Das Funkeln in Coopers Augen erlosch. »Wenn ich aus Großbritannien zurück bin, werde ich genauere Zahlen haben. Vorläufig kann ich mich bloß auf die Vorausberechnungen von Brunei stützen. Die Eastern Steam Navigation Company schätzt, daß die Leviathan umgerechnet – vier Millionen kosten wird.«

Während sich Orry vom Schreck zu erholen versuchte, holte Cooper tief Atem. »Oder mehr.«

»Bist du verrückt geworden, Cooper? Auch wenn wir unser ganzes Hab und Gut verpfändeten, könnten wir kaum die Hälfte davon zusammenbringen.«

Cooper entgegnete ruhig: »Ich habe vor, George wegen der andern Hälfte anzufragen.«

»Jetzt, da die Stahlindustrie in Schwierigkeiten steckt? Du bist von Sinnen.«

»George ist ein guter Geschäftsmann – wie du. Ich glaube, er wird die langfristigen guten Aussichten sehen und nicht nur die kurzfristigen Risiken.«

Orry war sich bewußt, daß dies eine Herausforderung war. Er fand die Idee seines Bruders phantastisch und aufregend und gar nicht so abwegig, wie dies seine anfängliche Reaktion hätte glauben machen können. Er war jedoch nicht gewillt, dem Vorhaben unverzüglich zuzustimmen.

»Ich brauche Zahlen. Realistische Voranschläge über Frachtkapazität, Kosten, zukünftige Erträge. Ich werde mit keinem einzigen Bankier Kontakt aufnehmen, bevor ich nicht über diese Informationen verfüge.«

Cooper war zufrieden. Strahlend sagte er: »Zwei Wochen nach meiner Rückkehr hast du sie. Vielleicht auch schon früher. Es hat mal eine Zeit gegeben, da wurden in Charleston kleine Schiffe gebaut. Eine neuerwachte Industrie könnte die Rettung für diesen Teil des Staates bedeuten.«

»Vom Ruin der Mains reden wir lieber nicht«, fügte Orry hinzu. Aber er lächelte.

Cooper kam mit seiner Familie in Bristol an und stieg dort in die Great Western Railway um. Der Zug verließ den Bahnsteig unter dem riesigen Balkendach des Temple-Meads-Bahnhof, den Brunei entworfen hatte. Die Breitspureisenbahnlinie war zweihundert Kilometer lang und führte über die Backsteinbögen der Maidenhead-Brücke, die von Brunei gebaut worden war und als Meisterwerk galt. Dann wurde der Paddington-Bahnhof angefahren, der vor zwei Jahren vom Prinzgemahl offiziell eröffnet worden war. Auch dieser Bahnhof mit dem angrenzenden Paddington-Hotel war Bruneis Werk. Da Brunei Mitglied des Verwaltungsrats des Hotels war, hatte sich Cooper entschlossen, dort abzusteigen. Er stellte fest, daß ihnen eine viel größere Suite zugewiesen wurde, als abgemacht worden war – und dies zum gleichen Preis.

Isambard Kingdom Brunei war nun in seinem fünfzigsten Altersjahr; ein rastloser, phantasievoller Mann, der nie ohne einen Zylinder ausging und dauernd eine Zigarre im Mundwinkel hatte. Nicht all seine Ideen waren gut. Er wurde heftig angegriffen, weil er für die G.W.R. ein Breitspurgleis gewählt hatte, so daß Züge von andern Eisenbahnlinien, die seine Gleise kreuzten, nicht darauf fahren konnten. Doch in seinen grandiosen Zukunftsvisionen war er den meisten anderen Ingenieuren weit voraus. Cooper fiel dies erneut auf, als ihn der kleine Ingenieur zur Werft seines Partners, Scott Russell, an die Themse mitnahm.

Die Leviathan war der Grund dafür, daß die Millwall Werft zur größten Touristenattraktion Europas geworden war. Rund um das Baugelände herum waren auf der sumpfigen Isle of Dogs Kaffeestände und aus Segeltuch und billigem Holz errichtete Souvenirbuden aus dem Boden geschossen. Jede nur erdenkliche Art von Kitsch wurde verkauft: Miniaturmodelle des fertigen Schiffs, Lithographien, ein Leviathan-ABC für Kinder. Doch jetzt – an einem Wochentag mit schlechtem Wetter – machten die Läden kein allzu großes Geschäft.

Der achtzehn Meter hohe doppelte Schiffsrumpf ragte in den regengrauen Himmel. Zwischen dem Innen- und Außenrumpf befand sich ein meterbreiter Zwischenraum. Die beiden Rümpfe waren fest verstärkt. Das Schiff würde mit sechs Masten, fünf Schornsteinen und zwei Motoranlagen, eine für das Schaufelrad und eine für die riesige Schraube, ausgerüstet werden. Es wurde so gebaut, daß es seitwärts in die Themse gelassen werden konnte, denn seine große Länge verunmöglichte einen normalen Stapellauf.

»Wir hoffen, daß es in einem Jahr fertig ist; vorausgesetzt, ich kann meinen Plan für die Helling ausführen und die Zusammenarbeit mit Mr. Russell wird wieder besser. Es ist nun völlig klar, daß sein ursprünglicher Kostenvoranschlag für den Rumpf und den Motor des Schaufelrads leichtsinnig und unverantwortlich war.«

Brunei kaute auf der kalten Zigarre herum. Trotz seiner augenfälligen Enttäuschung über seinen Partner war sein Stolz, als er den Blick über den riesigen Kiel wandern ließ, offenkundig. Er zeigte mit der Zigarre auf einen Teil des äußeren Rumpfs, der schon fertig war und zentimeterdicke Platten aufwies.

»Die Leviathan wird dreißigtausend solcher Platten brauchen, bevor sie fertig ist. Und drei Millionen Nieten. Zu Spitzenzeiten hämmern zweihundert Leute die Nieten ein.«

Cooper nahm seinen alten Kastorhut ab, damit er das Stahlmonstrum über ihm besser sehen konnte. Regentropfen fielen ihm ins Gesicht. »Ich will auch so eins bauen. Nur kleiner. In Charleston. Ich hab’ ja auch schon die Great Britain kopiert.«