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»Und gar nicht schlecht. Ich kenne die Zeichnungen. Aber das, was Sie eben sagten, war wohl als Witz gemeint, Cooper. Ich hatte schon immer den Eindruck, daß Sie sehr intelligent sind, aber auch die Annehmlichkeiten des Lebens zu schätzen wissen. Sie wollen doch nicht Ihre Freunde, Ihre Familie und Ihr ganzes Vermögen für ein solches Abenteuer hingeben?«

»Ich weiß, daß Risiken damit verbunden sind. Enorme Risiken. Aber ich kann dem Drang einfach nicht widerstehen. Ich will das Schiff nicht nur aus eigennützigen Gründen bauen. Ich bin sicher, daß es für den Süden von großem Nutzen sein kann, und zwar zu einer Zeit, da der Süden diese Hilfe bitter nötig haben wird.«

»Ich bin mir der zunehmenden Isolation der Südstaaten in Handel und Politik bewußt«, sagte Brunei mit einem Kopfnicken. »Die Sklavereigegner sind sehr aktiv. Nun, wenn es Ihnen wirklich ernst ist, zeige ich Ihnen meine Zeichnungen und Berechnungen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß meine Pläne vielerorts auf Argwohn stoßen. Die Leviathan ist das erste Schiff der Geschichte, das keine Rippen aufweist, und meine Gegner behaupten, daß es sich in der Mitte krümmen und auseinanderbrechen wird – «

»Ich glaube Ihnen mehr als Ihren Kritikern.«

Der Ingenieur lächelte. Als er die großen, vierzylindrigen Schrauben, die er der James-Watt-Gesellschaft in Auftrag gegeben hatte, beschrieb, schienen seine eigenen negativen Gefühle diesem Unterfangen gegenüber kleiner zu werden. »Hier ist noch der Paddelschaft. Vierzig Tonnen schwer. Das größte einteilige Stück, das je von Menschenhand geschweißt wurde.«

Als sie durch den Nieselregel gingen, sprach er mit immer größerer Begeisterung. Ganze Scharen von Krähen hockten auf den verlassenen Souvenirbuden. Die Segeltuchstoffe flatterten im Wind. Arbeiter winkten Brunei von ihren Gerüsten aus zu, aber er bemerkte es meistens nicht, denn er redete viel und schnell; so schnell, daß Cooper kaum mehr in der Lage war, Notizen zu machen.

Am nächsten Tag hatten sich Cooper und Brunei über den Kostenvoranschlag der Leviathan unterhalten wollen. Cooper verschob jedoch das Treffen kurzfristig und jagte einer neuen Fährte nach – diesmal für George Hazard.

Die Jagd wurde von einer Schlagzeile im Mail ausgelöst. Die Zeitung war schon mehrere Wochen alt. Cooper hatte die Zeitung auf einem Tisch in der Vorhalle ihrer Hotelsuite entdeckt und wollte sie schon fortwerfen, als ihm die Schlagzeile in die Augen stach:

Bessemer fordert amerikanisches Patent an

Cooper, der sich mit Erfindern und Erfindungen auskannte, war der Name sofort ein Begriff. Henry Bessemer, ein erfolgreicher Erfinder, war vor allem durch die Entwicklung einer Methode zur genauen Berechnung der Flugbahn von Kugeln, die aus einem Gewehr mit glattem Lauf abgefeuert wurden, bekannt geworden. Er hatte diese Arbeit während des Krim-Kriegs mit der Unterstützung und Ermutigung des französischen Kaisers Napoleon III. ausgeführt.

Was wollte er in Amerika patentieren lassen? Zwei kurze Abschnitte gaben Auskunft darüber. »Guter Gott, wie phantastisch!« rief Cooper.

Judith kam aus dem Salon. »Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Ganz im Gegenteil. Schau dir das an! Ein Kerl namens Bessemer behauptet, ein schnelleres Verfahren zur Stahlherstellung aus Roheisen gefunden zu haben. Er will das Patent in Amerika anmelden. Ich frage mich, ob George das weiß. Ich muß unbedingt Informationen für ihn sammeln!« Und das war auch der Grund, weshalb er das Treffen mit Brunei verschob. Cooper ließ Bessemer verschiedene Mitteilungen zukommen, in denen er um eine Unterredung bat. Der Erfinder antwortete nicht.

»Das ist nicht überraschend«, sagte Brunei einige Tage später. »Bessemer behauptet, er sei dazu gedrängt worden, seine Erfindung zu früh bekanntzugeben.«

»Auf welche Art hat er sie denn bekanntgemacht?«

»Er hielt einen recht langen Vortrag vor der ›Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft‹. Die Times druckte ihn in toto ab.«

»Wann?«

»Ich glaube, irgendwann im August.«

»So weit bin ich nicht zurückgegangen.«

Cooper schrieb dem Erfinder noch einmal, Brunei auch. Das gab den Ausschlag: Bessemer antwortete Cooper, meinte jedoch, er könne ihm nicht mehr als zehn Minuten seiner Zeit widmen.

Brunei hatte eine hervorragende Begabung für schöpferisches Denken, für Ideen, die nicht patentiert werden konnten und die er gern mit andern teilte. Henry Bessemers Erfindungsgabe fand ihren Niederschlag in speziellen Geräten oder Verfahren, die geschützt werden mußten – sollten sie ihm nicht gestohlen werden. Bessemer machte auf Cooper den Eindruck eines mißtrauischen, abweisenden Mannes.

»Ich habe die Sache zu früh angekündigt. Wie ein Rudel wilder Wölfe sind sie über mich hergefallen. Sie bekämpfen mich und gehen aufeinander los, um einen Teil meiner Entdeckung zu bekommen. Die Stahlhersteller von Sheffield verhöhnen mich, aber sie können ja gar nicht anders. Im Augenblick brauchen sie zwei Wochen, um ein wenig Tiegelgußstahl aus Roheisen zu gewinnen. Wenn ich in einer halben Stunde fünf Tonnen Stahl herstellen kann, sind sie erledigt.«

»Was können Sie mir über Ihr Verfahren sagen, Mr. Bessemer?«

»Nichts. Ich habe der Öffentlichkeit oder Ihnen bereits alles Nennenswerte mitgeteilt. Auf Wiedersehen, Mr. Main.«

Cooper war bereits einer der Gründe für Bessemers abweisende Haltung bekannt: Er hatte Probleme mit dem Verfahren. Als er sich wieder durch alte Zeitungen kämpfte, fand Cooper den Artikel in der Times und erfuhr mehr über die Kontroverse rund um den Erfinder. Er schrieb alles heraus, was seinen Freund in Lehigh Station interessieren könnte.

Bessemer war auf seine Entdeckung gestoßen, als er mit Minie, dem Rüstungsexperten von Napoleon III. am Problem der Kugeldrehung gearbeitet hatte. Als äußerst neugieriger Mensch wurde er von andern Aspekten der Feuerwaffe angezogen und sann darüber nach, wie das weiche Gußeisen, das damals zur Herstellung von Kanonenkugeln verwendet wurde, ersetzt werden könnte. Seine Nachforschungen auf diesem Gebiet gaben den Anstoß zum Verfahren, hochwertigen Stahl in großen Mengen herzustellen. Gleichzeitig entwickelte Bessemer die dazu notwendige Anlage: einen eiförmigen Konverter – ein hydraulischer Apparat, der aus sicherer Distanz bedient werden konnte und einen sauerstoffreichen Luftstrahl über das Roheisen blies.

Theoretisch war das Verfahren verblüffend einfach, aber das war bei vielen bahnbrechenden Erfindungen der Fall. Einen Monat, nachdem Bessemer seine sensationelle Entdeckung gemacht hatte, ließ er das Verfahren bei verschiedenen Firmen für Tausende von Pfund patentieren. Einen Monat später stempelte ihn die Presse als Scharlatan ab. »Ein brillanter Meteor, der über den metallurgischen Horizont sauste, um danach in der Finsternis zu verschwinden.«

Als Cooper in England angekommen war, hatte sich der Ärger der Öffentlichkeit schon gelegt. Bessemer glaubte immer noch an sein Verfahren und versuchte es in Amerika patentieren zu lassen, aber die englischen Stahlhersteller waren hinter ihm her, vor allem diejenigen, die ihn finanziell unterstützt hatten. Die Qualität des Stahls war nicht zufriedenstellend. Bessemer war besessen davon, die Ursache herauszufinden, und arbeitete nun Tag und Nacht in seinem Laboratorium. Der Grund für den Fehlschlag schien im hohen Phosphorgehalt des in Großbritannien geschürften Erzes zu liegen. Ohne es zu wissen, hatte der Erfinder bei seinen Experimenten schwedisches Erz verwendet; ein Erz, das praktisch frei von Phosphor war.

Hartnäckigen Gerüchten zufolge hatte ein unbekannter Stahlhersteller in Wales einen Weg gefunden, um das Verfahren doch noch nutzbar zu machen. Anscheinend beabsichtigte er, es als seine eigene Methode patentieren zu lassen. Es war also nicht verwunderlich, daß sich Bessemer bedrängt fühlte und in Panik war. In nur drei Monaten war er kometenhaft aufgestiegen, berühmt geworden und dann im Nichts verschwunden.