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Cooper war dennoch von diesem Mann beeindruckt und glaubte an Bessemer, nicht zuletzt deshalb, weil die Hersteller aus Sheffield den Erfinder und die theoretische Grundlage seines Verfahrens weiterhin öffentlich verurteilten. Immer, wenn eine Idee derart vehement bekämpft wurde, war etwas Wahres daran.

Cooper hörte nicht damit auf, Artikel aus alten Zeitungen herauszuschneiden. Er sammelte alles in einer dicken Mappe und fügte seine eigenen Notizen hinzu. Er beabsichtigte, George die Mappe gleich nach seiner Rückkehr nach Amerika zu übergeben.

»Schließlich«, sagte er zu Judith, als sie auf dem Weg nach Southampton waren, um von dort aus nach Hause zu reisen, »ist es nicht schlecht, wenn ich ihm erst einen Gefallen erweise, bevor ich ihn um zwei Millionen für mein Schiff bitte.«

43

»Wie heißt eigentlich dieser mysteriöse Knabe, der Bessemers Retter ist?« fragte Stanley Hazard.

Der Tonfall, in dem die Frage gestellt worden war, drückte nicht nur Skepsis, sondern auch Hohn aus. Einen leichten Hohn, zugegeben – die gegenwärtige Situation gebot ja wohl Höflichkeit –, aber doch Hohn. Cooper empfand eine gleichermaßen starke Verachtung für Stanleys Engstirnigkeit wie für seine blasierte Miene; mit jedem Jahr wurde sein Gesicht einer Schüssel überlaufenden Haferbreis ähnlicher.

Er konnte seine Wut nur unter Kontrolle halten, weil er an den Hauptzweck seines Besuchs dachte. »Ich weiß es nicht, Stanley. Seine Gießerei befindet sich in Wales, aber sonst ist nichts bekannt.« Er schob die dicke Mappe über den Tisch. »Alles, was ich herausfinden konnte, steht hier drin.«

Cooper hatte Judith und die Kinder in New York auf einen Dampfer nach Charleston verfrachtet und war dann geradewegs nach Lehigh Station gekommen. Er war mitten in der Nacht eingetroffen und hatte ein Zimmer im Station House genommen. Das Hotel befand sich eine Häuserreihe vom Bahnhof entfernt und war kurz nach der Verlängerung der Eisenbahnlinie bis nach Lehigh Station gebaut worden. Es war klein, aber in jeder Hinsicht modern. Jedes Hotelzimmer verfügte über eine Badewanne in einem kleinen Nebenzimmer, und überall gab es Gaslampen.

Nach einem reichlichen Frühstück hatte Cooper George einen kurzen Brief geschrieben, ihm seine Ankunft mitgeteilt und George und seinen Bruder zum Abendessen eingeladen. Eigentlich wollte Cooper Stanley den Plan seines Schiffes nicht zeigen, aber er hatte das Gefühl, es tun zu müssen. Die Entscheidungsgewalt über alle Ausgaben, die direkt mit dem Hazard-Eisenwerk zusammenhingen, lag zwar bei George, aber das Schiff wäre ja eine Art Investition, die zudem so hoch war, daß es George mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wagen würde, seine Einwilligung zu geben, ohne zuvor seinen Bruder um Rat zu fragen.

George blätterte immer noch in den Zeitungsausschnitten und Notizen herum. »Das erinnert sehr stark an das Verfahren von Kelly!«

Cooper aß die letzten Krümel des Kuchens aus dem Teller, der vor ihm stand. »Wer ist Kelly?«

George informierte ihn über den Stahlhersteller aus Kentucky. »Aber wenn Bessemer schon einen Antrag für ein amerikanisches Patent gestellt hat – «

»Hab’ ich dir das nicht gesagt?« unterbrach ihn Cooper. »Er hat es schon bekommen, bevor ich aus London abgereist bin.«

»Dann ist es ziemlich sicher zu spät für Kelly. Auf jeden Fall«, George war die Zigarre ausgegangen; er zündete ein Streichholz an und paffte, »werde ich unverzüglich zwei Plätze auf einem Dampfer buchen. Constance kann sich die französischen Kathedralen ansehen, während ich mich um diese Angelegenheit kümmere.«

Stanley sagte: »Ich finde, du bist ein Narr, wenn du das Risiko – «

»Welches Risiko? Meine Zeit? Der Preis für eine Reise? Mein Gott, Stanley, wenn du im Geschäftsleben nicht ins Hintertreffen geraten willst, kommst du nicht um Risiken herum. Wieso begreifst du das nie? Stell dir mal vor, die Hazards würden das amerikanische Patent für das Bessemer-Verfahren bekommen! Stell dir mal den Gewinn vor, wenn wir die ersten auf dem Markt wären!«

»Gewinn – oder Verlust«, konterte Stanley. »Es ist doch eine Tatsache, daß der mit diesem Verfahren gewonnene Stahl qualitativ immer noch unbrauchbar ist.«

George schlug aufgebracht mit der Faust auf den Tisch. »Was zum Teufel geht dich das eigentlich an! Ich werde die Reise aus meiner eigenen Tasche bezahlen.«

Stanley lehnte sich zurück und lächelte. »Ich muß sagen, daß ich dagegen nichts einzuwenden habe.«

George preßte die Lippen zusammen, atmete tief ein und wandte sich dann Cooper zu. »Ich möchte Bessemer gern kennenlernen. Vielleicht ist er mir gegenüber weniger mißtrauisch, weil ich ja aus dem Eisengeschäft komme.«

Cooper lächelte etwas gezwungen. »Das ist ziemlich unwahrscheinlich. Fast die gesamte Eisenindustrie Großbritanniens macht sich über ihn lustig.«

»Was glaubst du, wissen die, was wir nicht wissen?« fragte Stanley seufzend und stand auf.

George nahm die Zigarre aus dem Mund und starrte seinen Bruder durch eine Rauchwolke an. »Stanley, ich weiß, es ist schon Jahre her, seit du dich zum letztenmal anständig benommen hast. Versuche dich wenigstens an deine guten Manieren zu erinnern, die du mal hattest, bevor du dich mit den Politikern eingelassen hast. Cooper hat uns mit seinem Besuch einen großen Dienst erwiesen. Die Höflichkeit gebietet es, daß wir ihn zumindest anhören. Du wolltest doch noch etwas anderes besprechen, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Cooper. Widerwillig setzte Stanley sich wieder.

Mit gemischten Gefühlen bückte sich Cooper nach seiner Tasche. Er haßte es, seine Zeichnung der Star of Carolina in dieser vergifteten Atmosphäre vorzuzeigen.

Er rückte Teller und Besteck zur Seite und rollte dann die schon ganz schmuddlige und zerknitterte Zeichnung auf. Ernst und langsam setzte er zum Sprechen an. Zuerst beschrieb er die Besonderheiten seines Projekts. Begeistert sprach er von der großen Kapazität und der vielseitigen Verwendbarkeit des Frachtraums. Schließlich gab er bekannt, daß er das Schiff in Charleston bauen wolle. Zum Schluß sagte er:

»Unsere Familie verfügt über etwas Kapital, aber es reicht nicht ganz für ein Vorhaben solchen Ausmaßes. Wenn sich die Hazards beteiligen würden, dann könnten wir sofort damit beginnen. Ich bin sicher, daß beide Familien gute Aussichten auf einen Gewinn hätten. Vielleicht sogar auf einen sehr großen.«

Stanley überflog die Zeichnung nochmals mit einem spöttischen Blick. »Was meinen die Banken dazu?«

»Ich habe noch keine Verbindung mit einer Bank aufgenommen. Ich wollte euch zuerst eine Chance geben.« Er wandte sich an George: »Natürlich gibt es gewisse Risiken – «

Stanley kicherte und ließ eine spöttische Bemerkung fallen. George konnte das Wort Untertreibung hören. Er warf seinem Bruder einen vernichtenden Blick zu. Stanley saß zurückgelehnt, mit verschränkten Armen und halbgeschlossenen Augen da.

George sagte: »Du hast alles schon genau erklärt, Cooper. Aber ich kenne mich auf diesem Gebiet zu wenig aus, um deinen Vorschlag beurteilen zu können. Ich verstehe überhaupt nichts vom Schiffbau.«

»Alles, was ich darüber weiß, habe ich mir selbst angeeignet«, erwiderte Cooper. »Ich habe vor, die besten Schiffsbauingenieure nach Charleston zu holen – «

Er redete noch weitere zehn Minuten, hätte sich die Zeit und den Atem jedoch sparen können. Die Arme immer noch verschränkt, sagte Stanley: »Ich bin dagegen. Ich würde nicht einen Pfennig da reinstecken.«

Cooper machte ein langes Gesicht. George spielte an einem Eselsohr der Zeichnung herum. Dann setzte er sich aufrecht hin, straffte die Schultern und fragte den Besucher:

»Wieviel brauchst du?«

»Für den Anfang? Etwa zwei Millionen.«

Der ältere Bruder schnaubte und stand abermals auf. George starrte ihn wutentbrannt an. »Um Himmels willen, Stanley, sei endlich ruhig. Es war ein Irrtum von mir, dich mitzunehmen. Ich werde mein eigenes Geld investieren. Ich werde meine Grundstücke verpfänden, und wenn das nicht geht, verkaufe ich sie eben. Niemand wird auch nur im geringsten dein kostbares Vermögen anrühren.«