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Mit einem Dampfer aus New Orleans fuhr Charles nach Indianola an der Küste des Golfs von Texas. Von dort aus ging es mit der Postkutsche weiter nach San Antonio, dem Hauptquartier des Regiments und dem Sitz des texanischen Heeresministeriums, das vorübergehend ebenfalls unter dem Kommando von Lee stand.

Texas war ein für Charles völlig neues Erlebnis, weil es landschaftlich völlig anders war als alles, was er bisher gekannt hatte. Es gab weder Berge wie am Hudson noch üppig wuchernde, feuchte Landstreifen wie im Tiefland von South Carolina. Texas war flach oder von sanften Erdwellen durchzogen, der brennenden Sonne und wilden Winden ausgesetzt, tropisch heiß im Sommer und eiskalt im Winter. Etwas in seinem Innern fühlte sich unmittelbar von der Weite und dem damit verbundenen Gefühl der Freiheit angezogen. Ihn dünkte, ein Mensch könne sich hier voll entfalten, ohne durch Traditionen und die leeren Verhaltensregeln, die die dichter besiedelten Regionen des Landes beherrschten, eingeengt zu werden.

San Antonio lag am Fluß mit demselben Namen. Die Stadt bildete eine merkwürdige, aber dennoch faszinierende Mischung dreier verschiedener Kultureinflüsse, auf die Charles zuerst durch die Architektur aufmerksam wurde. Auf der holprigen Fahrt mit der Postkutsche durch die Vororte fielen ihm die adretten, einstöckigen Häuser aus quadratischen, weißen Kalksteinen auf, die alle ein Schildchen mit dem aufgemalten Namen des Eigentümers aufwiesen. Es handelte sich in der Mehrzahl um deutsche Namen. Später schlenderte er in der Commerce Street an Läden mit sowohl deutschen als auch englischen Namen vorbei. Die Amerikanersiedlung befand sich ganz in der Nähe; solide Backsteinbauten, zwei- oder dreistöckig und mit Holzzäunen umgeben. Und dann gab es natürlich noch die Häuser aus ungebrannten Ziegeln mit dem klaren quadratischen Grundriß und dem typischen Flachdach. Alles in allem mochte er die Stadt ebenso sehr wie den Staat. Die Leute wirkten freundlich und vermittelten den Eindruck, daß das Leben sie gut behandelt hatte und daß sie deshalb vertrauensvoll in die Zukunft blicken konnten. Charles begegnete einer Menge verwegen dreinblickender, schwer bewaffneter Gesellen, aber vor allem gefielen ihm die dunkelhäutigen Spanierinnen.

Bevor er sich bei Lee zur Stelle meldete, bürstete er sorgfältig den Staub von seiner blaßblauen Hose und der exakt sitzenden dunkelblauen Jacke. Er polierte sämtliche Messingknöpfe auf Hochglanz und zupfte die schwarzen Straußenfedern auf seinem Hardee-Hut zurecht – dem grauen breitkrempigen Filzhut der Kavallerie, der 1855 bei der Armee eingeführt worden war. Die linke Seite des Hardees war hochgekrempt und wurde von den Krallen eines Metalladlers festgehalten.

Nachdem Charles dem Gehilfen von Lee seine Papiere übergeben hatte, einem lustigen Polen namens Leutnant Radziminski, wurde er vom Regimentskommandanten empfangen. Lee bat ihn, Platz zu nehmen. Die Septembersonne durchflutete den weiß getünchten Raum. Durch die geöffneten Fenster strömte trockene, frische Luft herein.

Lee war formell und doch herzlich. »Schön, Sie wieder zu sehen, Leutnant. Sie sehen gut aus. Die Akademie scheint Ihnen also gut bekommen zu sein.«

»Jawohl, Sir. Ich bin gern dort gewesen, obwohl ich gestehen muß, daß ich im Studium nicht besonders gut abgeschnitten habe.«

»Hier draußen sind andere Eigenschaften mindestens so wichtig. Hier muß man reiten können und die Fähigkeit haben, Unbequemlichkeiten zu ertragen. Und hier müssen Sie in der Lage sein, Männer verschiedenster Herkunft zu führen.« Hinter Lee hing eine große Karte von Texas. Sämtliche Armeeposten waren mit Nadeln und Fähnchen gekennzeichnet. »Dort, wo man Sie hinschicken wird, setzen sich die Truppen hauptsächlich aus Männern aus Alabama und Ohio zusammen. Natürlich haben wir auch noch ein Einwandererkontingent im Regiment. Übrigens – «

Charles Neugier war nicht befriedigt: Er hatte seinen Bestimmungsort noch nicht erfahren. »Mein Neffe leistet im Regiment Dienst.«

»Ja, Sir, ich weiß.«

»Sie und Fitz waren Freunde – «

»Gute Freunde! Ich freue mich, ihn wiederzusehen.«

Lee nickte und überlegte kurz. »Ich muß Ihnen ferner mitteilen, daß General Twiggs demnächst eintreffen und das Kommando über den Bezirk übernehmen wird. Major George Thomas wird das Regiment übernehmen und das Hauptquartier wieder nach Fort Mason verlegen. Ich kehre nach Virginia zurück.«

Charles versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen. »Ein neues Kommando, Sir?«

Ernst schüttelte Lee den Kopf. »Mein Schwiegervater ist gestorben, und ich muß Urlaub nehmen, um einige Familienangelegenheiten zu regeln.«

»Mein herzliches Beileid, Sir. Ich bedaure, daß Sie fortgehen.«

»Danke, Leutnant. Ich habe vor, sobald wie möglich zurückzukommen. Mittlerweile werden Sie mit Major Thomas einen fähigen Kommandanten haben. Er hat 1840 abgeschlossen.«

Er sagte das so, als wolle er Major Thomas mit einem Gütestempel versehen. Charles lernte nach und nach, daß die Offiziere, die die Akademie besucht hatten, zu einer Klasse gehörten, die sie von all jenen Offizieren, die nicht in West Point abgeschlossen hatten, trennte.

Lee entspannte sich, und sein Tonfall wurde etwas formell. »Wir haben hier nur wenige Pflichten zu erfüllen, aber eine jede hat ihre Bedeutung: das Überwachen der Postkutschen und der Auswandererzüge, Aufklärungsdienste und natürlich die Unterdrückung eines eventuellen Indianeraufstands. Die Bedrohung durch die Indianer ist nicht so überwältigend, wie unsere Stückeschreiber und Romanciers es die leichtgläubigen Oststaatler glauben machen möchten, aber sie ist auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Ich vermute, daß Ihnen der Dienst hier gefallen und eine Herausforderung für Sie darstellen wird.«

»Das glaube ich auch, Oberst. Texas gefällt mir bereits ganz gut. Man kriegt hier ein Gefühl der Freiheit.«

»Mal sehn, ob Sie immer noch dieser Ansicht sind, wenn Sie mal einen Blizzard erlebt haben«, antwortete Lee mit einem Lächeln. »Aber ich kann verstehen, was Sie meinen. Letztes Jahr habe ich ein Buch von einem Mann namens Thoreau gelesen. Ein Satz ist in meinem Gedächtnis haften geblieben. ›Niemand ist glücklicher in der Welt als Menschen, die frei einen weiten Horizont genießen.‹ Dies trifft sicherlich auf den Siedler zu. Vielleicht können damit auch die vielen Unruhen und Konflikte in unserem Land erklärt werden? Oh, aber ich hab Ihnen ja noch gar nicht gesagt, wo Sie hinkommen werden.«

Er stand auf, trat vor die Landkarte hin und deutete auf eines der Fähnchen etwa vierhundert Kilometer nördlich von San Antonio.

»Camp Cooper am Brazos-Fluß. Zwei Meilen flußaufwärts vom Penateka-Reservat der Komantschen. Ihr Truppenkommandant ist ebenfalls ein West-Point-Absolvent, der jüngst aus Washington dorthin abkommandiert wurde. Sein Name ist Hauptmann Bent.«

Charles bezog für die Reise nach Camp Cooper seine Ausrüstung und ein gutes Pferd, einen Rotschimmel. Er würde mit dem Zahlmeister des Bezirks und dessen Verband nach Norden reiten. Als er am Vorabend der Abreise auf dem Weg zum Abendessen war, begegnete er Oberst Lee und Major Thomas auf der Straße. Lee lud ihn ein, sie zum Plaza Hotel zu begleiten. Charles dankte beiden älteren Offizieren für die Einladung und marschierte neben ihnen her.

Das heiße, feuchte Wetter hatte – sozusagen über Nacht – einen neuen Schwarm von Fliegen und Moskitos mit sich gebracht. Im Eßsaal des Hotels standen überall schwarze Jungen, die die Insekten mit Palmwedeln zu verscheuchen versuchten. Charles dachte mit einem etwas schlechten Gewissen an zu Hause. Obwohl er immer noch ein loyaler Südstaatler war, hatten die vier Jahre West Point ihn doch neuem Gedankengut ausgesetzt und seine Denkweise leicht verändert. Er neigte nun zur Ansicht, daß die Wirtschaft des Südens auf einem morschen Fundament ruhe, das, würde es nicht von äußeren Kräften hinweggefegt, eines Tages zusammenbrechen mußte.