Der Posten war in der Form eines losen, verkehrt stehenden L angelegt. Auf dem Exerzierplatz vor dem Flaggstock übten Infanteristen lustlos die Handhabung von Waffen. Charles erinnerte sich daran, daß zwei Kompanien der Ersten Infanterie wie auch eine Schwadron der Zweiten Kavallerie hier stationiert waren.
Die Abteilung des Zahlmeisters kam an einer kleinen Bäckerei mit einem Schindeldach vorbei. Zwei schwitzende Bäcker standen mit nacktem Oberkörper im Schatten einer Wand und bewegten bloß ihre Pfeife zum Gruß auf und nieder. Gerade als der Duft von frischgebackenem Brot in den Geruch von Stallmist überging, ritt der Dragonersergeant neben Charles.
»Dort sind die Ställe, Sir. Die beiden Holzgebäude.«
Charles erwiderte den militärischen Gruß und trabte weiter. Er lenkte sein Pferd in das nächstbeste Gebäude, das an beiden Enden offen und abgesehen von Pferden leer war. Einen Augenblick später tauchte ein hoch aufgeschossener Mann mit weit ausholenden Schritten am andern Eingang auf.
Er trug verblichene Kordhosen und ein gemustertes Flanellhemd. Von der linken Hüfte hing ein Messer und von der rechten eine Holster-Pistole – wie die 1848er Colts von den Kavalleristen genannt wurden. Charles besaß ein ähnliches Modell, ein .44-Kaliber mit einem herrlichen Griff aus Walnußholz und einem Abzug aus Messing. Er hatte sich noch zwei zusätzliche Annehmlichkeiten auf eigene Kosten geleistet: einen abnehmbaren Schulterschaft mit einem Tragriemen sowie einen Lauf mit einer dekorativen Gravierung, die Dragoner im Kampf mit Indianern darstellte. Der Revolver eines Kavalleristen war eine kostbare und höchst persönliche Waffe.
Der Mann blickte Charles prüfend an. Er war um die vierzig Jahre alt und hatte ein längliches, freundliches Gesicht mit einem kupferroten Bart. An beiden Ohrläppchen trug er Messingringe im Piratenstil. Offenbar ein Zivilist, der irgendwie zum Indianerreservat gehörte, vermutete Charles. Oder vielleicht der Marketender des Camps? Charles stieg vom Pferd und wandte sich brüsk an ihn:
»Führen Sie mich bitte zum Büro des Adjutanten!«
Der Mann zeigte ihm die Richtung. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund fingen seine Augen plötzlich zu glühen an.
»Wo kann ich Hauptmann Bent finden?«
»In seinem Quartier. Er hat einen schweren Ruhranfall.«
Müde und irritiert schlug sich Charles mit Palms Zügeln gegen das Bein. »Wer ist dann für die K-Kompanie zuständig?«
»Ich, Sir.« Der Blick war vernichtend. »Oberleutnant Lafayette O’Dell.«
»Ober…?«
»Stehen Sie stramm, Sir!«
Auf diesen Tausende von Malen in West Point gehörten Befehl hin nahm Charles automatisch die korrekte Haltung ein. Er salutierte mit rotem Gesicht.
O’Dell ließ sich mit dem Gegengruß Zeit. Er betrachtete Charles mit einem – wie Charles das auffaßte – feindseligen Blick. »Bitte um Entschuldigung, Leutnant«, stotterte Charles. »Ich bin – «
»Der neue Unterleutnant«, unterbrach ihn O’Dell. »Hab’ Sie erwartet. Von der Akademie?«
»Ja, Sir. Ich hab’ im Juni abgeschlossen.«
»Nun, der Hauptmann war auch auf der Akademie. Wir haben einen richtigen Club von Akademieabsolventen hier im Regiment. Bedaure, ich bin nicht Mitglied dieses verdammten Clubs. Ich bin ein einfacher Farmerssohn aus Ohio, der von Ackergäulen zu Kavalleriemähren aufgestiegen ist. Der Hauptmann ist nicht sehr erpicht auf den Truppendienst, schon gar nicht hier. Aber ich hab’ nichts dagegen einzuwenden. Wenn Sie wollen, daß die Männer Sie respektieren, tun Sie besser daran, sich auch damit zufrieden zu geben.«
»Das werde ich, Sir.« Charles verschluckte die Worte beinahe und gab sich ebenso große Mühe, seinen Ärger und seine Verlegenheit hinunterzuschlucken.
»Etwas möchte ich Ihnen noch über den Dienst in Texas sagen: Sie tun gut daran, sich entsprechend zu kleiden. Dieser hübsche Mantel eignet sich nicht besonders für lange Patrouillen, und Ihr Säbel übrigens auch nicht. Die Feinde sitzen nicht wartend herum und lauern auf einen Fechtkampf. Bis Sie dieses Fleischermesser gezogen haben, haben sie Sie schon längst überwältigt und Ihren Skalp gekapert. Der Hauptmann freut sich auch nicht sonderlich über diesen Tatbestand, aber er muß sich damit abfinden.«
Das Temperament ging schließlich mit Charles durch, und mit blitzenden Augen flüsterte er: »Ich danke Ihnen für den Rat, Sir!«
Plötzlich hellte sich O’Dells finstere Miene auf, er kicherte und trat einen Schritt vor.
»Das gefällt mir besser. Ich hatte schon geglaubt, daß man uns einen völlig humorlosen Unterleutnant beschert habe. Warten Sie, ich helfe Ihnen, das Pferd abzusatteln. Dann können Sie sich zur Stelle melden und Hauptmann Bent die Ehre erweisen – vorausgesetzt, er kauert nicht mehr auf seinem Nachttopf. Lachen Sie nicht! Das Wasser hat diese Wirkung bei jedem Neuankömmling.«
Grinsend streckte Leutnant O’Dell Charles seine schwielige Hand hin.
»Willkommen im Norden von Texas oder im Süden der Hölle – ich bin mir da nicht ganz im klaren.«
Charles war dankbar dafür, daß der Oberleutnant nicht so grob war, wie es zuerst den Anschein erweckt hatte. Wie alle andern Truppen, verfügte die K-Kompanie bloß über drei Offiziere, und Charles konnte sich mühelos vorstellen, welche Probleme sich ergaben, falls sie einander nicht unbedingt mochten. Daß der Truppenkommandant nicht beliebt war, hatte sich ja bereits zur Genüge herausgestellt.
Bis Palm schließlich abgerieben und mit vollem Magen im Stall stand, hatte Charles eine ganze Menge über O’Dell erfahren. Er war in der Nähe von Dayton, Ohio, geboren und aufgewachsen und hatte mit vierzehn in bezug auf sein Alter geschummelt, um sich als Soldat anwerben zu lassen. Sein gegenwärtiger Dienstgrad war derjenige eines Brevetleutnants, was für einen Mann, der West Point nicht besucht hatte und in seinem Alter war, einen ganz hübschen Erfolg darstellte.
O’Dell geleitete Charles in die Nähe einer gelblich-braunen Lehmhütte und deutete auf das Quartier des Hauptmanns – eine Tür am andern Ende, von der die spärliche Farbe abbröckelte. Im selben Augenblick galoppierte ein weiterer Trupp mit flatternder rotweißer Standarte in das Camp. Nur drei der Reiter trugen die vorschriftsmäßige Uniform, der Rest sah eher wie O’Dell aus. Charles mußte feststellen, daß ihn niemand darauf vorbereitet hatte, daß man in Camp Cooper saloppe Kleidung trug.
»Was Sie brauchen«, sagte O’Dell, »sind Kleider, die dem Wetter angepaßt sind und in denen Sie sich frei bewegen können. Suchen Sie sich irgendwo etwas zusammen, stehlen Sie es, falls nötig, aber lassen Sie sich um Himmels willen vom Hauptmann nicht davon abbringen.«
»Vielen Dank, Sir. Ich werde mir Ihren Rat zu Herzen nehmen.« Er war beinahe sicher, daß es nicht bei dem einzigen Rat bleiben würde – und täuschte sich nicht.
»Wenn ich Sie wäre, würde ich jetzt sofort zum Hauptmann gehen. Es ist zwar lästig, aber je schneller Sie es hinter sich bringen, desto eher können Sie sich wieder angenehmeren Dingen zuwenden.«
Eine Stunde später, nachdem Charles seine eigene winzige Unterkunft aufgesucht hatte, klopfte er an besagte Tür. Eine mürrische Stimme bat ihn einzutreten.
Das Quartier des Truppenkommandanten bestand aus einem einzigen großen Zimmer. Die der Tür gegenüberliegende Wand war zur Hälfte nichts weiter als ein offenes Fenster mit einem aufgerollten Segeltuch als Rolladen.
O’Dell hatte bereits nicht der typischen Vorstellung eines Kavalleristen entsprochen, aber Hauptmann Bent entsprach dem Bild noch wesentlich weniger. Er war von einer weichen, walroßähnlichen Statur und etwa in Orrys Alter. Er hatte kleine Augen mit einem unsteten Blick und eine rote, mit Blasen bedeckte Haut, die offensichtlich unter der Texassonne nicht braun werden wollte. Charles reagierte von Anfang an mit negativen Gefühlen.