Anstelle eines Uniformrocks trug Bent einen gesteppten Hausmantel, auf dem sich unter den Ärmeln und auf der Rückseite große Schweißflecken abzeichneten.
»Ich bin seit vier Monaten hier«, beklagte sich Bent, nachdem Charles ihn begrüßt hatte. »Und eigentlich sollte ich diese verfluchte Krankheit längst hinter mir haben, aber ich kriege immer wieder einen Rückfall.« Der Hauptmann deutete auf eine Truhe, die mit Büchern überladen war. »Setzen Sie sich doch.«
»Danke, Sir, aber ich möchte lieber stehen. Ich bin heute ziemlich lang im Sattel gesessen.«
»Wie Ihnen beliebt.«
Der Anblick der vielen Bücher hatte eine einschüchternde Wirkung auf Charles – wie auch der merkwürdige Ausdruck in Bents dunklen Augen. Der Hauptmann ließ sich mit einem schweren Seufzer auf den einzig vorhandenen Stuhl nieder. »Es tut mir leid, daß Sie mich in einer solch unangenehmen Situation vorfinden.«
»Der Oberleutnant hat mich schon darauf vorbereitet, Sir. Ich bedaure, daß Sie – «
»Oh, Sie haben O’Dell bereits getroffen«, unterbrach ihn Bent. »Wir stammen beide aus Ohio, aber sonst haben wir nichts gemeinsam. Er gibt ein schönes Vorbild ab, nicht wahr? Der liederlichste Offizier, der mir je über den Weg gelaufen ist. Aber das Schlimmste daran ist, daß ihn alle Männer nachahmen. Major Thomas hat mir mitgeteilt, ich hätte mit einer Meuterei zu rechnen, falls ich die Kleidervorschriften zu streng handhabte. Hauptmann Van Dorn teilte seine Ansicht, und ich wurde praktisch dazu gezwungen, unmilitärisches Aussehen gutzuheißen. Stellen Sie sich das einmal vor!«
Bent brummte einige unverständliche Worte. Unter den Augen hatte er dunkle Ringe, so als ob jemand seine rosarote Haut mit Schmiere bestrichen hätte. Charles räusperte sich.
»Auf jeden Fall, Sir, tut es mir leid, daß Sie krank sind.«
»An diesem gottverlassenen Ort ist sogar Krankheit eine Abwechslung.«
In einem verzweifelten Versuch, die Spannung etwas zu mildern, versuchte es Charles mit einem Witz: »Falls Dysenterie eine Abwechslung sein sollte, so werde ich bald alle Hände voll zu tun haben, wie man mir bereits sagte.«
Ernst entgegnete ihm Bent: »Beten Sie zu Gott, daß Sie nichts Schlimmeres bekommen. Einige der Neuen kriegen jeweils Magengeschwüre. Und es gibt solche, die sich nie davon erholen.«
Er schlenderte zum offenen Fenster, starrte hinaus und wischte sich den Schweiß mit einem Taschentuch vom Hals. »Wir haben die herrlichsten Unterhaltungsmöglichkeiten in Camp Cooper – der Name stammt übrigens vom General, unter dem ich diente, bevor ich das Unglück hatte, in dieses Drecknest zu kommen.« Er drehte sich abrupt um und blickte Charles an. »Wie gefällt Ihnen Texas?«
»Soweit ganz gut.«
»Sie müssen verrückt sein. Moment mal, Sie sind doch Südstaatler, nicht wahr? Nun, das kommt auf dasselbe heraus – « Bent zwinkerte ihm zu. »Na, na, gehen Sie nicht gleich in die Luft, ich hab’ mir ja bloß einen kleinen Scherz erlaubt.«
»Ja, Sir.« Die Antwort klang gezwungen, nicht sehr überzeugend, aber es ging nicht anders.
Bent kehrte zu seinem Stuhl zurück und ließ sich erneut mit einem Seufzer der Erschöpfung niederfallen. »Wie Sie vielleicht vermutet haben, habe ich den Posten hier nicht beantragt und hasse ihn. Der Dienst bei der Truppe ist nicht unbedingt meine Leidenschaft. Meine Stärke sind Militärwissenschaften.« Er deutete auf die Bücher. »Interessiert Sie das?«
Charles hatte langsam wieder etwas Gesichtsfarbe bekommen. »An der Akademie hatte ich mit dem Fach etwas Mühe, Sir.«
»Vielleicht würde uns beiden etwas Privatunterricht gut tun und Spaß machen.«
Wieder fühlte Charles den durchbohrenden Blick von Bent auf seinem Gesicht; es machte ihn nervös. Die Höflichkeit gebot eigentlich eine Antwort, aber er weigerte sich, mehr als »Ja, Sir, vielleicht«, zu sagen.
»Weiß der Himmel, ein gewisser intellektueller Anreiz ist auf diesem Posten wirklich vonnöten. Der Dienst hier in Camp Cooper setzt sich fast gleichermaßen aus schlechter Ernährung, scheußlichem Wetter, gelegentlichen Einsätzen gegen dumme Indianer und der Jagd auf Deserteure zusammen, die die Einsamkeit oder der Goldwahn davongetrieben haben. Was die Freizeitbeschäftigung anbelangt, so ist die Wahl nicht gerade attraktiv. Die meisten Männer trinken oder schließen Wetten für Hahnenkämpfe ab. Falls Sie sich temperamentmäßig vom Verkehr mit Squaws angezogen fühlen, können Sie sich auch die Syphilis holen.«
Der Hauptmann befeuchtete sich die Lippen. Charles hatte das eigenartige Gefühl, Bent wolle auf diese merkwürdige und umständliche Art erfahren, ob er Frauen mochte. Vorsichtig sagte er:
»Ich glaube nicht, daß ich Zeit dafür haben werde.«
»Schön.« Bent fixierte einen Punkt auf Charles’ Kinn. Der jüngere Offizier fand diese Art der Inspektion höchst lästig. »Gentlemen haben andere Mittel zur Verfügung, sich die Langeweile zu vertreiben.«
Wieder ein Seufzer. »Ich nehme an, man erwartet von uns, Langeweile und Mühsal ohne Klagen zu ertragen. Wir sind Berufssoldaten, und die Grenze muß verteidigt werden. Ich habe diesen Posten lediglich angenommen, weil eine Absage später unter Umständen gegen mich verwendet werden könnte. Ich könnte mir denken, daß es Oberst Lee nicht anders ergangen ist.«
Was für ein Prahlhans, dachte Charles im stillen. Er fand es überhaupt nicht komisch, sondern eher erschreckend, daß Bent sich mit dem besten Offizier der Armee verglich. Der Hauptmann räusperte sich.
»Ich danke für Ihren Besuch, Leutnant. Ich glaube, ich sollte jetzt ruhen. Ach, übrigens, wußten Sie, daß man die K-Kompanie in und um Cincinnati herum ausgehoben hat? Die Mehrheit der Männer stammt aus Ohio. Wir werden versuchen, Sie nicht zu sehr darunter leiden zu lassen, daß Sie aus einem weniger aufgeklärten Gebiet stammen.«
Charles hätte beinahe etwas Vorwitziges erwidert, konnte aber den Impuls gerade noch unterdrücken. Bent forderte ihn absichtlich heraus, wohl um herauszufinden, wie gut – oder wie schlecht – er sein Temperament unter Kontrolle zu halten vermochte. Was hatte Fitz Lee für einen Ausdruck verwendet? Verlogen. Das traf zu.
»Noch ein kleiner Scherz, Leutnant Main. Sie werden noch merken, daß ich Sinn für Humor habe. Es gibt nur eine Art von Klassenbewußtsein in dieser Truppe: diejenige, die bei der Armee üblich ist. Entweder Sie stellen die Wünsche und Bedürfnisse Ihrer Männer an die erste Stelle oder umgekehrt, diejenige Ihres Kommandanten. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, welche Alternative Ihrer Laufbahn und Zukunft am ehesten förderlich ist. Entlassen.«
Charles salutierte und ging. Als er in das Sonnenlicht hinaustrat und die Tür hinter sich schloß, fröstelte er. Bents Warnung war unmißverständlich gewesen. Würde er bei Bent Speichelleckerei betreiben, ergäben sich nur Vorteile für ihn, wenn er sich hingegen auf die Seite der Männer schlagen würde – und das hieße natürlich auf O’Dells Seite –, würde er zu leiden haben.
Er erinnerte sich an den guten Eindruck, den O’Dell auf ihn gemacht hatte, und wunderte sich darüber, ob der Hauptmann seine Warnung aus einer Haltung der Stärke oder der Schwäche ausgesprochen hatte. Letzteres, vermutete Charles. Wahrscheinlich hatte Bent vor dem Oberleutnant Angst.
Nun, darauf kam es nicht an, denn Charles wußte bereits, wo er stand: nicht auf der Seite der fetten Mißgeburt hinter der schäbigen Tür.
Hübscher junger Mann, dieser Vetter von Orry Main, dachte Elkanah Bent, nachdem die Tür ins Schloß gefallen war. Beinahe zu hübsch. Sein gutes Aussehen könnte ihn, Bent, von seinem Vorhaben ablenken. Aber vielleicht gab es einen Weg, das Angenehme mit der Rache zu verbinden? Man konnte nie wissen.
Stöhnend eilte er hinter die billige Papiertrennwand, die eine Ecke des Raums abschirmte. Zehn Minuten später tauchte er wieder auf und sann darüber nach, wie sehr er Texas haßte. Seit seiner Ankunft in Camp Cooper hatte er fast zehn Kilo abgenommen. Sein Rückgrat und seine Oberschenkel schmerzten permanent von der ewigen Reiterei, obwohl es dank des Gewichtsverlusts langsam besser wurde. Und nun gesellten sich die Darmschmerzen wieder zu seinen sonstigen Plagen.