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Und doch – eigentlich war der heutige Tag unter einem günstigen Vorzeichen gestanden. Sein Plan funktionierte.

Der überraschende Befehl, sich nach Texas zu begeben, war ein Schock für ihn gewesen. Er hätte zwar seine Beziehungen spielen lassen können, damit der Befehl geändert wurde, aber er hatte es unterlassen. Er wußte, daß er bei einigen seiner Vorgesetzten einen ungünstigen Eindruck hinterlassen hätte, wenn er dem Befehl nicht nachgekommen wäre. Und das konnte er zum gegenwärtigen Zeitpunkt seiner nur langsam fortschreitenden Karriere nicht brauchen.

Aber der Befehl hatte ihn so stark aus dem Gleichgewicht geworfen, daß er seinem Schreibtisch im Kriegsministerium den Rücken zuwandte und sich kurzerhand auf eine dreitägige Sauftour begab. Er wachte zweimal neben einer Hure auf – eine davon war eine Schwarze. Das dritte Mal entdeckte er mit Überraschung einen Schiffer vom Potomac neben sich, fast noch ein Knabe, und erinnerte sich schwach daran, ihn bezahlt zu haben. Bereits vor langer Zeit hatte Bent heftige Triebe in sich entdeckt, die beinahe so stark waren wie sein Ehrgeiz. An und für sich zog er die Gesellschaft von Frauen vor, doch reizte ihn jeder Körper, der sich ihm anbot.

Nachdem er sich mit dem Gedanken an einen Dienst in Texas versöhnt hatte, machte er sich daran, Vorbereitungen zu treffen, damit der Aufenthalt sich doch noch für ihn lohnen würde. Aus der Liste der West-Point-Absolventen ersah er, daß Brevetleutnant Main zu den berittenen Truppen stoßen sollte. Da im Amt des Generaladjutanten die persönlichen Angelegenheiten aller Armeeoffiziere erledigt wurden, war es für Bent ein Leichtes, die Abkommandierung von Charles Main zur Zweiten Kavallerie zu veranlassen.

Bents Haß auf Orry Main und George Hazard hatte niemals nachgelassen. Und sollte es ihm nicht gelingen, die beiden Männer, die seine Laufbahn beeinträchtigt hatten, direkt zu treffen, so würde er sich eben damit zufriedengeben, Rache an ihren Verwandten zu nehmen – angefangen bei dem jetzt unter seinem Kommando stehenden jungen Offizier.

Er würde den günstigen Moment abwarten.

45

Wie Bent gesagt hatte, kamen etwa drei Viertel der angeworbenen Männer der K-Kompanie aus Ohio; die übrigen waren Immigranten. Deutsche, Ungarn, Iren – eine für die meisten Armee-Einheiten typische Mischung.

Die Soldaten behandelten O’Dell anders als Charles und den Hauptmann. Gehorsam brachten sie zwar den drei Offizieren entgegen, aber der Oberleutnant genoß zudem noch den Respekt und die Freundschaft seiner Männer. Charles war entschlossen, sich denselben Respekt zu verschaffen. Freundschaft würde sich ergeben, oder auch nicht.

Während der vierten Woche im Lager entdeckte er, daß einer seiner Männer beim Morgengrauen fehlte. Er fand den Soldaten voll wie eine Strandhaubitze im Stall. Charles erteilte ihm den Befehl, erst mal im Wachthaus den Rausch auszuschlafen, aber Halloran fluchte und zog das Messer.

Charles wich dem ungeschickten Hieb aus, entwaffnete Halloran und schubste ihn in den Wassertrog. Halloran kletterte sofort wieder heraus und ging zum nächsten Angriff über. Charles schlug viermal auf ihn ein – zweimal mehr, als wahrscheinlich nötig gewesen wäre. Daraufhin schleppte Charles den Mann höchstpersönlich ins Wachthaus.

Eine Stunde später rief er den ersten Sergeanten der Truppe, den stupsnasigen Zachariah Breedlove, der bereits seit achtzehn Jahren bei den berittenen Truppen im Dienst stand, zu sich.

»Wie geht es Halloran?« erkundigte sich Charles.

»Dr. Gaenslen sagte, er habe sich eine – Rippe gebrochen, Sir.« Das kurze Zögern vor dem Wort ›Rippe‹ war typisch für Breedloves standesgemäße Unverschämtheit. Der Veteran war älter und hatte wesentlich mehr Erfahrung als die meisten Offiziere – und darüber ließ er auch nie jemanden im unklaren.

Charles rieb sich das Kinn. »Ich hab’ wohl etwas zu hart zugeschlagen …«

»Nun, Sir, mit Verlaub, Sie haben es hier mit Soldaten und nicht mit Niggersklaven zu tun.«

»Danke für die Erklärung«, sagte Charles eisig und ging.

Später, als er sich beruhigt hatte, wurde ihm die Bedeutung des Zwischenfalls klar. Sergeant Breedlove und zweifellos auch die Mehrheit der andern Männer mißtrauten ihm, weil er ein Südstaatler war. Vielleicht würde es ihm nie gelingen, ihr Vertrauen zu gewinnen? Der Gedanke entmutigte ihn zwar, aber er würde noch nicht aufgeben.

Jeden Morgen um fünf vor sechs wurde die Reveille geblasen. Es machte Charles zur Abwechslung nichts aus, früh aufzustehen. Der Herbst in Texas war herrlich und kühl; der Himmel in der Morgendämmerung so klar und von einem solch reinen Blau, wie er es noch nirgends gesehen hatte. Er hatte auch das Gefühl, noch nie etwas Köstlicheres als das Standard-Frühstück des Kochs gegessen zu haben – heiße Brötchen, Beefsteak, Apfel- und Birnenkompott und der altvertraute Armeekaffee.

Die Truppe verbrachte einen großen Teil ihrer Zeit mit Reit-, Fecht- und Schießübungen wie auch mit der Pflege der Pferde. Kriegsminister Davis, der das zweite Regiment zu einer Eliteeinheit fördern wollte, hatte verfügt, daß jede Kompanie einheitliche Pferde haben sollte. Die K-Kompanie war mit lauter Rotschimmeln ausgestattet, Van Doorns Kompanie mit den Männern aus Alabama mit Grauschimmeln – daher der Name ›die mobilen Grauen‹. Es dauerte nicht lange, bis den Männern der K-Kompanie auffiel, wie gut Charles im Sattel war, und sogar O’Dell ließ sich zu einem lakonischen Kompliment hinreißen. Er tat dies in Anwesenheit der ganzen Truppe – ein kleiner, aber wichtiger Fortschritt, wie Charles dachte.

Ab und zu mußte eine kleine Abteilung auf einen Hilferuf eines Siedlers einen Ausritt unternehmen, aber dabei stieß man nur selten auf plündernde Indianer. Trotzdem wurden weiterhin Pferde von Siedlern entwendet. Und die von der Armee eingestellten Delaware-Späher stießen immer wieder auf Spuren umherziehender Yamparikas – Komantschen aus dem Norden –, die ständig aus dem Indianerterritorium entwichen.

Der Hauptfeind des Camplebens war immer noch die Langeweile. Charles grub Erde um und legte sich einen Garten an, den er im nächsten Frühling anpflanzen wollte. Dann kaufte er sich noch ein Paar dürrer Hennen und baute ihnen einen kleinen Stall. Und schließlich setzte er sich widerwillig hin, um Orry endlich den längst fälligen Brief zu schreiben. Zu Beginn versuchte er es mit einer Schilderung der Landschaft von Texas, aber er wußte, daß seine Wortwahl und seine literarischen Fähigkeiten eigentlich nicht ausreichten. Er mußte sich über die ersten Absätze so intensiv den Kopf zerbrechen, daß er rasch zum Schluß überging und Orry versprach, im nächsten Brief eine Beschreibung von Camp Cooper und dem eigenartigen Kompaniekommandanten zu liefern.

Da er nicht wie ein Mönch leben wollte, schlief er ab und zu mit einem Indianermädchen. Er fand sie temperament- und liebevoll und blieb von der Syphilis verschont. Abgesehen davon, nahm er auch – wie es sich für ein Leben in der Armee wohl geziemte – am Lieblingssport der Offiziere teiclass="underline" Diskussionen.

Sie diskutierten über alles mögliche. Eines der beliebtesten Themen, über das man sich stundenlang ereifern konnte, war der vor zehn Jahren eingeführte Grimsley-Sattel. Albert Sydney Johnston hatte sich dafür eingesetzt, aber die meisten Offiziere schlossen sich Van Doorns Meinung an, der immer wieder betonte, daß der Sattel schuld daran sei, daß so viele Pferde einen wundgescheuerten Rücken bekamen.

Auch das Thema Waffen wurde durchgenommen. Und natürlich das Essen, Trinken und die Frauen. Man unterhielt sich über die Motive der Indianer und den Charakter von Oberst Lee, über den Zweck und die Durchführung der Kampagne von Oberst Johnston gegen die Mormonen und ihren sogenannten ›State of Deseret‹. Am hitzigsten wurden die Debatten jedoch, sobald es um politische Fragen ging, wie um den sklavereifreundlichen Verfassungsentwurf von Kansas, der in Lecompton angenommen worden war.