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Dieser Verfassungsentwurf gab den Bürgern von Kansas die freie Wahl zwischen einer begrenzten Form der Sklaverei und deren uneingeschränkter Handhabung. Präsident Buchanan unterstützte dieses Vorgehen, während Senator Douglas es scharf verurteilte. Die meisten Nordstaatler von Camp Cooper waren mit seiner Meinung einverstanden. Charles hielt sich aus den Auseinandersetzungen heraus, aber seine Zurückhaltung erwies sich für ihn nicht als von Vorteil. Alle gingen davon aus, daß er die Sklaverei befürwortete.

Es verhielt sich des öfteren so, daß Hauptmann Bent am Schluß der Debatten eine Erklärung abgab, die die vielleicht noch freundliche Atmosphäre endgültig vergiftete und die andern Offiziere dazu veranlaßte, in ihre Teller oder ihre Kaffeetasse zu stieren. Ab und zu bemerkte Charles, daß Bent ihn mit mehr als routinemäßigem Interesse beobachtete. Er fand keine Erklärung für dieses Verhalten, und es beunruhigte ihn.

Am 2. Dezember 1857 kehrte die Truppe bei kühlem Regen von Manövern aus dem nördlichen Teil des Tals zurück.

Charles hatte sich O’Dells Ratschlag zu Herzen genommen und die Dienstuniform im Falle von Felddienst gegen lockere Kleidung eingetauscht. Heute trug er einen tief ins Gesicht gezogenen Schlapphut, Hosen aus Büffelleder und einen Wildledermantel. Um den Hals trug er eine Kette aus Bärenklauen.

Bent ritt schlammaufwirbelnd neben ihn. Im allgemeinen verrieten die Blicke des Hauptmanns, daß er gar nicht mit Charles’ Kleidung einverstanden war, diesmal jedoch setzte er ein Lächeln auf.

»Ein Feuerchen würde uns gut tun, nicht wahr, Charles?«

Es war nicht üblich, einander mit Vornamen anzureden, und diese Vertrautheit machte Charles nervös.

»Ja, Sir, sehr gut.«

»Wenn Sie Ihr Pferd abgerieben und frische Kleider angezogen haben, könnten Sie ja auf einen Punsch bei mir vorbeikommen? Ich würde Ihnen gerne meine Ausgabe von Jominis Summary of the Art of War zeigen. Sie sind doch mit den Konzepten des Barons vertraut, oder nicht?«

»Natürlich, Sir; wir haben sie an der Akademie durchgenommen.« Einige der Kritiker von Professor Mahan waren in der Tat der Auffassung, daß er innerhalb seines Kurses über Kriegswissenschaften viel zu viel Zeit für die Ideen jenes Schweizer Militärtheoretikers aufgewendet habe.

»Na, dann erwarte ich Sie. Wir werden ein herrliches Gespräch haben.«

Charles warf einen kurzen, prüfenden Blick auf Bents nasses Gesicht. Etwas in den Augen des Hauptmanns mahnte ihn zur Vorsicht. Er wußte, daß er höflich bleiben mußte, aber er weigerte sich, auf das Angebot einzugehen.

»Ich danke Ihnen für Ihr liebenswürdiges Angebot, Sir, aber ich befürchte, bei mir ist eine Grippe im Anzug.« Es stimmte; nach der stundenlangen Reiterei in diesem schlechten Wetter fühlte er sich fiebrig.

»Na, dann später. Nächste Woche – «

»Sir – « Er wußte, daß er eigentlich nicht sagen sollte, was er sagen wollte, aber er weigerte sich, auf das Freundschaftsangebot des Hauptmanns einzugehen. »Wenn es Ihnen nicht zuviel ausmacht, möchte ich mich entschuldigen. Ich halte nicht viel von Theorie.«

Der schmeichlerische Glanz in Bents Augen erlosch. »Sehr schön, Leutnant. Sie haben Ihre Meinung klar zum Ausdruck gebracht.«

Er gab seinem Pferd die Sporen und ritt an die Spitze der Kolonne. Ein Blitz erhellte für einen Augenblick den Horizont. Charles fröstelte, als Lafayette O’Dell neben ihn ritt.

»Was wollte er?«

Charles erklärte es ihm.

»Haben Sie seine Einladung abgelehnt?«

»Rundweg. Er hat sich nicht besonders darüber gefreut.«

O’Dell lehnte sich über seinen Sattelknopf, an dem zwei teure Pistolenhalfter befestigt waren. Charles verfügte über ein ähnliches Paar. In dem einen Halfter befand sich sein Colt, im andern ein Reservehufeisen, einige Nägel, eine kleine Bürste und ein Striegel.

»Sie sind klug, daß Sie sich nicht mit dem Hauptmann einlassen«, sagte O’Dell. »Ich nehme an, ich sollte Ihnen etwas über ihn sagen.«

»Was sollten Sie mir sagen?«

»Daß er gewisse Gelüste hat. Starke Gelüste.«

»Haben wir die nicht alle?«

»Nein, nicht von derselben Art – zumindest vermute ich das. Der Hauptmann gibt vor, die Indianer zu hassen, nicht aber die Squaws. Es heißt, er schlafe mit jeder Frau, die sich ihm zur Verfügung stellt. Wenn keine Frau in der Nähe ist, gibt er sich auch mit einem Knaben zufrieden, oder auch mit einem gemeinen Soldaten, der zu dumm oder zu ängstlich ist, um nein zu sagen. Es gibt einige davon im Lager, falls Sie es nicht bemerkt haben sollten.«

»Nein, hatte ich nicht«, sagte Charles und stieß einen Fluch aus.

»Der Hauptmann haßt es, abgewiesen zu werden. Ich vermute, daß harte Zeiten auf Sie zukommen werden.«

Plötzlich warf O’Dell den Kopf zurück, und über sein Gesicht huschte blitzartig ein Ausdruck der Verblüffung. Keiner der beiden Leutnants hatte gemerkt, daß Bent sein Pferd an den Rand des schlammigen Wegs gelenkt hatte und sie von dort aus beobachtete; der Regen tropfte von seiner Schirmmütze und durchnäßte den knielangen Mantel. Sekunden später stand Bent in seinen Steigbügeln und rief: »Trab – vorwärts!« Die Straße war in viel zu schlechtem Zustand dafür, aber Charles verstand das Motiv für den Befehl. Weil er Bent abgewiesen hatte, sollten alle darunter leiden.

Als Charles einen Tag später auf der Straße von Camp Cooper nach dem Indianerreservat der Komantschen dahinritt, stieß er auf einen Ochsenkarren, der mit einem seiner riesigen Räder im Schlamm steckengeblieben war. Ein alter Indianer, dessen edle Züge unter dem fortschreitenden Alter und der schweren Arbeit gelitten hatten, versuchte vergebens, den Karren zu befreien. Ohne Zögern stieg Charles von seinem Pferd.

»Hallo, kann ich helfen?« Da Charles nicht sicher war, wie gut der Indianer Englisch verstand – wenn überhaupt –, unterstrich er seine Worte mit deutlichen Gesten.

»Geben Sie dem Ochsen ein paarmal die Peitsche, während ich stoße.«

Gleich darauf war das Rad mit einem starken Ruck frei; ein halbes Dutzend Melonen purzelten dabei vom Karren. Gerade als Charles sich wieder zu seinem Pferd begeben wollte, hörte er Reiter hinter sich herankommen. Er bemerkte den Hauptmann, Sergeant Breedlove und sechs Soldaten. Bent und die andern zügelten ihre Pferde.

»Was zum Teufel tun Sie da, Leutnant?« wollte Bent wissen.

»Ich hab’ dem Mann geholfen, den Karren aus dem Schlamm zu ziehen.« In seiner Stimme schwang Groll mit; die Situation war offensichtlich.

Sergeant Breedlove warf Charles einen beinahe sympathischen Blick zu. Bent sagte: »Erkennen Sie den Burschen nicht? Katumse ist der Häuptling der Indianer des Reservats! Wir leisten dem Feind keinerlei Hilfe.«

Mit diesen Worten ritt er weiter; die übrigen hinter ihm her. Charles erinnerte sich an O’Dells Prophezeiung. Bents Tadel sowie der Blick, den er Charles zugeworfen hatte, waren Vorboten übler Zeiten.

Von jenem Zeitpunkt an hatte der Hauptmann an allem, was Charles tat, etwas auszusetzen. Er kritisierte ihn vor der ganzen Truppe und erteilte ihm zusätzliche Pflichten. Charles konnte sein Temperament nur mit den größten Schwierigkeiten unter Kontrolle halten; aber er ging davon aus, daß die Schikaniererei gelegentlich aufhören würde, wenn er sich den Befehlen nicht widersetzte und sich nichts anmerken ließe.

Aber es ging weiter, ja, es wurde sogar noch schlimmer. Als er im Januar von einer Patrouille zurückkam, fand er den Hauptmann wartend im Stall vor. Bent stellte sich neben Palm, fuhr mit dem Zeigefinger unter das wollene, blaue Gurtband und zerrte.