»Der Sattelgurt ist viel zu eng.«
Charles war müde, fror und hatte keine Lust, sich von Bent aufhalten zu lassen. »Er sitzt vollkommen richtig, Sir.«
Ein hämisches Grinsen. »Was? Ungehorsam? Das können wir nicht zulassen. Bevor Sie sich in Ihr Quartier begeben, werden Sie absatteln und dann wieder satteln, sagen wir – zehnmal.«
»Verdammt noch mal, Sir, was soll…?«
Charles biß sich auf die Zunge. Er wußte wohl, was der Zweck der Übung war, aber das konnte er seinem Vorgesetzten unmöglich sagen.
Der Hauptmann schien sich über seinen Ausbruch zu freuen. »Noch mehr Auflehnung? Tun Sie es fünfzehnmal. Ich werde einen Mann zur Beobachtung schicken, der mir anschließend Bericht erstatten kann. Ich denke, Sergeant Breedlove könnte das machen.« Bent war bestens über die Beziehungen der Männer innerhalb der Truppe informiert. Breedlove war bekannt dafür, daß er nicht besonders viel vom Unterleutnant hielt.
Kurz darauf traf der Sergeant im kalten Stall ein, wo Charles eben zwei Laternen angezündet hatte. Zum erstenmal zeigte sich in seinen Augen eine Spur von Mitgefühl.
»Tut mir wirklich leid, Leutnant.«
»Halten Sie den Mund, dann sind wir beide um so schneller fertig«, entgegnete Charles.
Breedlove bemerkte ein kleines Faß, kehrte es um und setzte sich. Seine Miene hatte sich wieder verfinstert. Charles führte seine Strafarbeit mit wütenden Bewegungen aus. Als er über zwei Stunden später fertig war – gegen Ende waren seine Bewegungen vor Erschöpfung langsamer geworden –, zitterten seine Arme und Schultern. Als er den Stall verließ, strauchelte er und fiel hin.
Sergeant Breedlove bot ihm keinerlei Hilfe an.
»Die Butterfield-Kutsche ist schon seit vier Stunden fällig«, sagte Bent und versuchte den heulenden Wind zu übertönen.
Im Kamin des Aufenthaltsraumes flackerte ein gemütliches Feuer aus dem aromatischen Holz des Mesquitebaums. O’Dell stand vor dem Feuer und wärmte sich die Hände. Er hatte immer noch seinen Pelzmantel an, jenes zottige Kleidungsstück, das die Komantschen dazu bewogen hatte, die Kavalleristen Büffelsoldaten zu nennen.
Der Oberleutnant konnte nicht auf den Mantel verzichten. Das Feuer gab praktisch keine Wärme ab, und es war eiskalt im Raum. Wie kalt mochte es wohl draußen sein? Minus fünfundzwanzig? Gegen Ende des Winters fiel die Temperatur bei diesen Stürmen manchmal sogar noch tiefer.
Bent war aufgestanden. Seine schmalen Augen, in denen sich das Licht mehrerer Öllampen spiegelte, blickten nachdenklich, als er die an die Wand geheftete Landkarte betrachtete. Die jüngst eröffnete Postkutschenlinie stellte eine Verbindung zwischen dem Fort Smith mit El Paso und Kalifornien her. Ein Teil der Linie führte an der Militärstraße südwestlich von Camp Cooper vorbei. Dort irgendwo mußte sich die Kutsche befinden.
»Ich nehme an, daß sie einfach einen Halt eingelegt haben, bis der Sturm vorbei ist«, sagte O’Dell.
»Das ist natürlich die naheliegendste Annahme. Aber wir dürfen uns deshalb nicht in falscher Sicherheit wiegen. Es könnte sich ein Unfall ereignet haben! Die Reisenden sind vielleicht verletzt und brauchen Hilfe? Wir müssen einen Suchtrupp losschicken. Ich habe bereits mit dem Kommandanten gesprochen, und er ist einverstanden.«
»Sir, draußen tobt ein Blizzard! Überall liegt zentimeterdickes Eis. Wir sollten zumindest bis morgen früh warten, bevor – «
Bent unterbrach: »Der Kommandant hat es ganz mir überlassen, den richtigen Zeitpunkt festzusetzen. Der Suchtrupp geht in einer Stunde los.« Er vermied es, O’Dell in die Augen zu blicken, als er hinzufügte: »Zehn Mann. Mit Extrarationen und Whiskey. Leutnant Main führt das Kommando.«
O’Dell war derart verblüfft, daß er es nicht einmal fertigbrachte, einen Soldaten zu Charles zu schicken, um ihn aufzuwecken. Er ging selbst und brauchte volle zehn Minuten, um sich durch den Sturm bis zur Kaserne durchzukämpfen. Charles setzte sich fröstelnd auf und auf seinem Gesicht spiegelte sich völlige Verwirrung.
»Heute nacht? Um Gottes willen, ist er verrückt?«
»Das würde ich meinen. Aber die Umstände sind natürlich wieder mal sehr günstig für ihn. Die Kutsche ist längst überfällig, und es besteht wirklich die Möglichkeit, daß die Reisenden Hilfe brauchen.«
»Wahrscheinlicher ist, daß sie festsitzen. Oder tot sind. Ich glaube, der Schweinehund will mich umbringen.«
»Bloß weil Sie ihn damals abgewiesen haben?« O’Dell war skeptisch.
»Ich weiß, daß es unsinnig erscheint, aber weshalb sonst wohl?«
Charles schleuderte die Decken und Bettücher beiseite, unter denen er etwas Wärme gesucht hatte. »Es ist mir nicht klar, weshalb er mich unbedingt aus dem Weg schaffen will, aber ich werde ihm, verdammt noch mal, den Triumph nicht gönnen. Und ich werde es auch nicht zulassen, daß er das Leben guter Soldaten aufs Spiel setzt. Ich werde mit dem ganzen Trupp zurückkehren, verlassen Sie sich darauf!«
Seine Stimme klang sicherer, als er sich fühlte. Er zog sämtliche Hemden und Kordhosen übereinander an, die er besaß. Draußen tobte und brüllte der Texas-Blizzard wie ein Irrer.
Um ein Uhr morgens verließen die elf berittenen Soldaten Camp Cooper. Der Eisregen hatte die Pfade trügerisch gemacht, und nach vier Stunden waren sie kaum mehr als zwei Meilen weit gekommen. Sergeant Breedlove bedachte Bent mit allen ihm bekannten Schimpfnamen, und als er sie durch hatte, erfand er neue.
Charles hatte sich einen langen Wollschal um die Ohren und die untere Gesichtshälfte gewickelt. Er hätte genausogut Gaze verwenden können: Sein Gesicht fühlte sich wie ein Holzklotz an. Er konnte kaum die Lippen bewegen, um Befehle zu erteilen.
Seine Männer fluchten und beklagten sich, aber sie hielten durch. Sie folgten einer hinter dem andern hinter Charles, und es war ihnen klar, daß Charles, der an der Spitze ritt, dem Wind und dem trügerischen Terrain noch stärker ausgesetzt war.
Bei Tagesanbruch wechselte der Wind plötzlich nach Südwesten und ließ etwas nach. Die Wolkendecke riß auf und ließ die Strahlen der aufgehenden Sonne durchschimmern. Als sie sich eine halbe Stunde später durch eine Landschaft kämpften, die immer noch wie Glas aussah, krächzte Breedlove: »Schauen Sie mal, Sir, dort auf der Straße!«
Eine dünne Rauchsäule stieg in den sich klärenden Himmel auf. »Ich mache jede Wette, daß es die Kutsche ist«, sagte Charles mit einer nicht minder heiseren Stimme. »Wahrscheinlich haben sie sie in Stücke geschlagen und angezündet, um sich zu wärmen. Sieht so aus, als ob es etwa anderthalb Kilometer von hier wäre.«
Das traf denn auch zu. Sie benötigten mehr als drei Stunden, um zur Rauchsäule zu gelangen. Die Kutsche lag auf der Seite; zwei Räder und die Türen fehlten. Überreste davon waren noch im Feuer zu erkennen. Als der Trupp beinahe bei der Kutsche angelangt war, rutschte Breedloves Pferd aus und lahmte am linken Vorderlauf.
Die andern Soldaten kümmerten sich um die Überlebenden des Unfalls – den Kutscher, die Wache und drei männliche Passagiere, die reglos auf dem Boden lagen. Charles hörte den Kutscher stockend erklären, daß das Gefährt auf der glatten Eisfläche umgekippt sei. Drei der Pferde lagen erfroren in der Nähe, die andern drei waren in den Sturm hinausgaloppiert und wohl ebenfalls umgekommen.
Charles sah, wie Breedlove sein verletztes Pferd untersuchte. Zögernd bot er dem Sergeanten seinen Revolver an.
»Erschießen Sie ihn. Ich kann es tun, wenn Sie es nicht fertigbringen.«
»Und wie komme ich zum Camp zurück?«
»Genau wie die Passagiere. Sie werden bei jemandem hinten aufsitzen. Bei mir.«
»Leutnant, ich weiß – ich weiß, daß Sie genauso sehr an Palm hängen wie ich an Old Randy. Ein Pferd, das bei diesem Wetter für eine längere Strecke die doppelte Last zu tragen hat, wird so gut wie tot sein – lange bevor wir Camp Cooper wieder erreichen. Wenn Sie mich aufsitzen lassen, dann werden Sie Palm ebenfalls erschießen müssen. Ich reite mit einem der Männer.«