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»Verdammt noch mal, ich will keine langen Diskussionen. Ein Mann ist mehr wert als ein Pferd. Sie reiten mit mir.«

Sie stritten sich wie Kinder. Zwei der Soldaten halfen der halb erfrorenen Wache auf ein Pferd. Breedlove starrte den Revolver, dann sein verletztes Pferd an. Er schüttelte den Kopf.

»Ich kann es nicht tun. Wenn Sie es mir abnehmen wollen, werde ich für immer in Ihrer Schuld stehen.«

»Drehen Sie sich um.«

Breedlove kam der Aufforderung sofort nach und blinzelte auf die sonnenglänzende Eisfläche. Charles hob die Waffe und hoffte, daß der Mechanismus nicht eingefroren war. Jegliche Verzögerung wäre eine Folter für den Sergeanten. Entschlossen drückte er ab. Das Echo verlor sich in der Ferne; Old Randy wieherte schrill auf. Fleischstücke fielen rauchend auf das Eis.

Sergeant Breedlove stand mit gesenktem Kopf da und weinte still.

Eine halbe Meile vor dem Camp brach Palm zusammen, unfähig, auch noch einen Schritt weiterzugehen. Charles blutete das Herz, als er zwei Schüsse abfeuerte. Er und Breedlove gingen den Rest des Wegs zu Fuß; in ihren Stiefeln sammelte sich Blut. Der Arzt teilte Charles mit, daß ihm drei Zehen beinahe erfroren wären.

Er schlief achtzehn Stunden lang. Kurz nachdem er aufgewacht war, kam Breedlove auf einen kurzen Besuch vorbei und entschuldigte sich verlegen.

»Ich hatte Sie völlig falsch eingeschätzt, Leutnant, und es tut mir hundertprozentig leid. Sie haben verdammt viel Schneid an den Tag gelegt, als es darauf ankam. So was hab’ ich noch bei keinem der Südstaatler in diesem Regiment erlebt.«

»Und bei Oberst Lee oder Van Doorn?«

»Nein.«

»Nun, glauben Sie mir, es ist bei ihnen in genau demselben Maß vorhanden wie bei andern Männern. Wie bei Yankees, zum Beispiel«, fügte Charles mit einem trockenen Lächeln hinzu. »Vielleicht haben Sie nie danach Ausschau gehalten, Sergeant?«

»Ja«, murmelte Breedlove mit puterrotem Gesicht. »Das könnte stimmen.«

An jenem Abend schrieb Charles Orry den schon lange versprochenen Brief. Die Wut, die sich in ihm aufgestaut hatte, schien in dem harten Kratzen der Feder auf dem Papier ein Ventil gefunden zu haben. Nach der Anrede kam er unmittelbar zum Thema.

Ich habe Glück, daß ich überhaupt noch am Leben bin und Dir diesen Brief schreiben kann. Ich will Dir den Grund dafür kurz erklären. Du wirst dies alles recht eigenartig finden, aber glaube mir, ich lüge nicht, wenn ich Dir sage, daß ich beinahe sicher bin, daß mein Kompaniekommandant mir Schaden zufügen möchte. Er ist der unumstößlichen Meinung, ich bringe ihm nicht die nötige Achtung entgegen und sei ungehorsam. Orry, irgendwie bin ich in die Hände eines verdammten Irren geraten, und da er etwa in Deinem Alter und Akademieabsolvent ist, möchte ich Dich fragen, ob Du ihn zufällig kennst.

Charles hielt inne und tauchte seinen Federkiel erneut in die Tinte. Das flackernde Licht seiner Schreibtischlampe warf unruhige Schatten auf sein blasses Gesicht. In seinen Augen zeigten sich Verwirrung und Zorn, als er hinzufügte: Sein Name ist Elkanah Bent.

46

Bents Plan war mißlungen. Hoffnungslos. Charles Main hatte nicht nur die Rettungsaktion überlebt, die ihn sein Leben hätte kosten oder ihn zumindest zum Krüppel hätte machen können, sondern war überdies vom Hauptquartier des Department of Texas offiziell gelobt worden. Für die ›Durchführung eines humanitären Auftrages unter lebensgefährlichen Bedingungen‹ hatte der Kommandant ein Ehrenbankett veranstaltet und einen Trinkspruch auf Mains Tapferkeit ausgegeben.

Inoffiziell hatte der Kommandant Bents Beurteilung der Lage und Mut in Frage gestellt.

»Als ich Ihnen die Verantwortung für den Notfall übertrug, Hauptmann, habe ich mir nicht eine Sekunde lang vorgestellt, daß Sie Männer losschicken würden, bevor der Sturm wenigstens etwas nachgelassen hatte. Zudem muß ich festhalten, daß Sie den Suchtrupp nicht selbst anführten, sondern zurückblieben und dies Leutnant Main überließen, der sich somit einer großen Gefahr ausgesetzt hat. Aus einem einzigen Grund will ich keine Staatsaffäre aus diesen Vergehen machen: Dank Main hat sich alles zum Guten gewendet, und es sind keine Verluste von Menschenleben zu verzeichnen. Diesmal stand der Himmel auf Ihrer Seite!«

Die Kritik traf ihn hart, und Bent hörte unverzüglich damit auf, Orry Mains Vetter zu quälen; ja, er gab sich sogar Mühe, ihn – wenn möglich im Beisein von anderen – zu loben. Aber es fiel ihm immer schwer. Eine unmittelbare Folge des Ritts im Sturm war, daß Sergeant Breedlove nun unerschütterlich zu Charles hielt. Da O’Dell Charles ebenfalls unterstützte, stand Bent nun völlig isoliert da. Natürlich machte Bent Charles dafür verantwortlich. Er sah in ihm nicht mehr bloß einen Vertreter der Mains: Er haßte ihn nun ganz persönlich.

Aber etwas hatte Bent bei der ganzen Angelegenheit gelernt: Er würde den Unterleutnant niemals mehr einer Gefahr aussetzen, ohne selber dabeizusein. Er würde mitgehen und irgendeinen Weg finden, Charles persönlich zu erledigen, vielleicht während eines Gefechts. Diese Methode hatte er bereits früher mit Erfolg angewandt.

Doch in den folgenden Wochen sollte sich ihm keine Gelegenheit bieten. An der Grenze zu Texas blieb alles ruhig. Bent mußte sich bald mit einer neuen Sorge herumschlagen. Es fing damit an, daß er eine leichte, aber doch deutliche Änderung in Charles’ Verhalten bemerkte. Charles verhielt sich seinem Kompaniekommandanten gegenüber zwar weiterhin höflich, aber er hatte es aufgegeben, auch nur den geringsten Anschein von Herzlichkeit zu erwecken.

Hatte Charles herausgefunden, daß Bent sein Feind war? Hatte er Bents Namen in einem Brief an Orry Main erwähnt? Und hatte vielleicht Orry seinem Vetter bereits geraten, auf der Hut zu sein? Es dauerte zwar meistens recht lange, bis die Postsendungen die einzelnen Forts in Texas erreichten, denn der Zustelldienst wurde oft wochen- und sogar monatelang durch schlechtes Wetter im Golf von Mexiko, durch die Aktivitäten feindlich gesinnter Indianer oder schlicht und einfach durch unsachgemäßes Behandeln der Postsäcke hinausgezögert.

Die Tage zogen sich dahin. Bent wartete auf eine Gelegenheit, die sich ihm jedoch nicht bieten wollte, und wurde zusehends frustrierter. Ab und zu hörte man etwas von Indianerüberfällen, aber das Zweite Regiment gab nicht einen Schuß ab, weil man der Plünderer nie habhaft werden konnte. Häuptling Katumse wiederholte immer wieder, seine Leute seien so schmählich behandelt worden, daß nur ein gnadenloser Krieg die einzig mögliche Antwort sein könne. Aber es blieb vorderhand bei den Drohungen.

Im Osten dauerten die Wortgefechte über die Sklaverei an. Senator Douglas wetterte über die Lecompton-Verfassung, welche die Souveränität der Siedler verletze. Senator Hammond aus South Carolina entgegnete, Douglas’ Meinung sei bedeutungslos, die Südstaaten könnten auf eine Zustimmung oder eine Allianz mit dem Norden verzichten. »Die Baumwolle ist unser König!« erklärte Hammond.

In Illinois bereitete sich ein Rechtsanwalt und früherer Kongreßabgeordneter namens Abraham Lincoln darauf vor, Douglas den Senatssitz streitig zu machen. Anläßlich einer Ansprache, die er in Springfield vor den versammelten Republikanern hielt, griff Lincoln die Sklaverei, nicht aber die Sklavenbesitzer an und warnte mit einem Zitat aus Matthäus 12: »… kein Haus, das in sich selbst entzweit ist, kann Bestand haben.«

Bent hatte eine Zeitung, die bereits einen Monat alt war, vor sich und las das Zitat immer wieder. Er faßte es nicht als Warnung, sondern als Tatbestand auf. Erst die Sezession und dann der Krieg. Immer wieder schloß er die Augen und stellte sich als siegreichen General auf einem leichenübersäten Schlachtfeld vor. Die Leichen waren eigentlich nur Requisiten, denn er war der von allen bewunderte Protagonist.