Vom ersten Mai bis Mitte Juni traf in Camp Cooper keine allgemeine Postsendung ein, sondern nur offizielle, von Kurieren überbrachte Meldungen. Schließlich wurden mit einigen Proviantwagen doch noch zwei dicke Postsäcke abgegeben. Der eine Postsack war versehentlich erst nach Fort Leavenworth geschickt worden und nun, da er in Texas eintraf, bereits einige Monate alt. In beiden Sendungen befand sich ein Brief von Orry. Charles riß die beiden Briefe ungeduldig auf und mußte dann enttäuscht feststellen, daß der erste Brief im Januar und der zweite Anfang März geschrieben worden war, zwei Wochen bevor Bent die Rettungstruppe in den Sturm hinausgeschickt hatte. Seine Frage in bezug auf den Kommandanten der K-Kompanie blieb folglich noch unbeantwortet.
Im August, mitten in einer neuen Dürreperiode, kam für Bent endlich eine Chance, gegen Charles vorzugehen. Ein Farmer kam voller Angst auf einem Maulesel ins Lager geritten. Der Kommandant ließ Bent zu sich holen und sagte zu ihm:
»Es handelt sich um die Lantzman-Farm, zwei Meilen hinter Phantom Hill.«
Phantom Hill war ein verlassenes Fort, dessen rußige Schornsteine von weitem sichtbar waren. »Ich lebe in der Nähe der Lantzman-Farm«, erklärte der grauhaarige Farmer. »Sie haben Penateka-Komantschen in der Nachbarschaft gesehen und sich eingeschlossen und mich losgeschickt, um Hilfe zu holen.«
»Penatekas, sagen Sie?« Bent runzelte die Stirn. »Indianer aus dem Reservat?«
»Wahrscheinlich gehören sie zu Sanacos Kriegern«, sagte der Kommandant. Sanaco war ebenfalls ein Häuptling, ein Widersacher von Katumse. Er hatte sich geweigert, mit seinem Stamm in das Reservat zu ziehen.
»Haben die Indianer jemanden verletzt?« fragte Bent.
Der Farmer schüttelte den Kopf. »Lantzman vermutet, daß sie sich eine Weile – ein oder zwei Tage – vergnügen wollen, bevor sie seine Pferde stehlen.«
»Ich kann nicht begreifen, weshalb nicht die ganze Familie hierhergekommen ist.«
»Der älteste Sohn der Lantzmans ist ein Krüppel und kann nicht gut reiten. Und der alte Lantzman ist ein Dickschädel. Er glaubt, daß er mit seinen Jungen ein halbes Dutzend Feinde abhalten kann, bis Hilfe kommt. Wenn er fliehen würde, würden die Indianer das Haus wahrscheinlich aus lauter Gemeinheit abbrennen.«
Der Kommandant überließ Bent die Angelegenheit. Nach dem Fiasko mit der Postkutsche gab sich Bent Mühe, sowohl kompetent als auch vorsichtig zu sein. Er täuschte zehn Sekunden lang vor, ernsthaft nachzudenken, und sagte dann:
»Ein halbes Dutzend. Sind Sie sicher, daß Lantzman nicht mehr gesehen hat?«
»Ich bin sicher, Hauptmann.«
Bent hatte keinerlei Grund, die Aussage zu bezweifeln. Die Komantschen tauchten selten in größeren Gruppen auf. Wieder dachte er nach und sagte dann: »Ich werde zwanzig Mann mitnehmen, einschließlich beider Leutnants und des Aufspürers, Doss.«
Der Kommandant blickte skeptisch. »Sind Sie sicher, daß Sie nicht die ganze Kompanie mitnehmen wollen?«
Für einen Augenblick spürte Bent einen Kloß von Panik im Hals. Wieder einmal wurde seine Beurteilung der Lage in Zweifel gezogen. Er ergriff die Flucht nach vorn.
»Vierundzwanzig gegen sechs sollte eigentlich ein sicheres Verhältnis sein, Sir. Besonders wenn es sich um Männer wie die meinigen handelt.«
Der leichte Stolz, mit dem das gesagt wurde, gefiel dem Vorgesetzten. Bent ging rasch weg. Er war zwar nicht sonderlich auf einen Kampf erpicht, aber die Tatsache, daß er eine Truppe, wenn auch eine kleine, gegen Komantschen anführte, würde sich in seiner Akte gut ausnehmen. Vielleicht konnte er damit das Postkutschenfiasko wettmachen.
Er sandte seine Ordonnanz auf die Suche nach O’Dell und Main. Er schilderte ihnen die Lage auf der Lantzman-Farm und erteilte ihnen Befehl, in einer Stunde zwanzig Mann mit Proviant für zwei Tage bereitzuhalten. Ein Proviantwagen würde ihnen nachfolgen.
Die beiden Leutnants salutierten und eilten zur Tür. Gerade als Charles hinausging, warf er Bent einen flüchtigen Blick zu. Wie haßte Bent seine stolze Art, sein Verhältnis zu seinen Männern – alles, was ihn betraf. Doch mit ein bißchen Glück würde Main demnächst ins Gras beißen. Bent öffnete die Truhe in seiner Kammer und entnahm ihr seinen brandneuen Wheelock-Armeerevolver. Er hielt den achteckigen Lauf behutsam in der Hand und streichelte ihn, als er an das Gesicht seines Unterleutnants dachte. Wenn die Komantschen unterdessen nicht von der Lantzman-Farm verschwunden sein sollten, würde sich bestimmt die Gelegenheit zu einem gut gezielten, aber scheinbar verirrten Schuß ergeben.
Bent zitterte vor Vorfreude.
Die Zweierkolonne raste in südwestlicher Richtung auf der Straße dahin. Die Landschaft war ausgetrocknet. Seit drei Wochen war nicht ein Tropfen Regen gefallen. Charles beschlich bei dem Gedanken an die Expedition ein ungutes Gefühl. Das Wetter trug noch dazu bei. Wie auch die Abwesenheit von Sergeant Breedlove, der vor einer Woche auf Urlaub gegangen war. Charles war noch nicht mit seinem neuen Rotschimmel vertraut, und das Pferd scheute etwas. Aber der Hauptgrund für sein Mißbehagen ritt an der Spitze der Kolonne.
Hauptmann Bent war das einzige Mitglied der Abteilung, das die vorschriftsmäßige Uniform trug. Alle andern hatten sich dem Klima und der Landschaft gemäß gekleidet. Charles trug sein leichtestes blaues Flanellhemd sowie weiße – im Augenblick noch saubere – Hosen. An seinem Gürtel hingen Colt und Jagdmesser, am Sattel seine zwei Jahre alte Harpers-Ferry-Muskete. Mit einem Schlapphut schützte er sich vor der Sonne.
Charles zweifelte an Bents Fähigkeiten, diese Expedition zu führen. Die Armee hatte noch keine große Erfahrung im Kampf mit Indianern. Professor Mahan hatte im Lauf seines ganzen Kurses nur eine Stunde auf dieses Thema verwendet. Aber es war nicht bloß Bents Unerfahrenheit, die bei Charles Mißtrauen auslöste, sondern seine Bösartigkeit und Verlogenheit, sein maßloser Geltungstrieb. Aus Gründen, die nur der Himmel kennen mochte, war er offensichtlich Bents Zielscheibe.
Die Landschaft, durch die sie ritten, war monoton; flache, ausgedörrte Hügel, Schluchten, ausgetrocknete Flußbetten. Die Sonne hing wie eine dunstige Scheibe am Himmel.
Doss stieß mehrmals auf Spuren von Indianern. Kleine Gruppen, wie er sagte. Die Spuren waren ein oder zwei Tage alt. Charles fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, daß sich die Leere der Landschaft als Illusion erweisen könnte.
Nachdem sie am späten Nachmittag einen Halt eingelegt hatten, um die Pferde auszuruhen, ritten sie weiter. Bent hoffte, bis Sonnenuntergang in die Nähe der Lantzman-Farm zu gelangen. Charles schwitzte und hatte genug vom Reiten, aber er wußte, daß Geschwindigkeit eine Notwendigkeit war. Die meisten Männer wußten es, denn es handelte sich hier nicht um Drill, sondern um einen Hilfeauftrag. Es gab kaum jemanden, der gemeckert hätte.
Eine Weile ritt O’Dell neben Charles her. Irgendwann sagte er plötzlich: »Verdammt langweilig, nicht wahr? Wenn ich mein Buch mitgenommen hätte, könnte ich eine Weile lesen.«
»Jenes Werk von Mr. Helper?«
Der Oberleutnant versuchte auf gutmütige Art, ihn zu provozieren. Charles hatte von dem Buch gehört: The Impending Crisis of the South – How to Meet It (Die bevorstehende Krise des Südens – wie ihr zu begegnen ist), aber er hatte es noch nicht gelesen. Er wußte, daß Hinton Helper in seinem Buch eine Jeremiade auf die Sklaverei losgelassen hatte, die seiner Meinung nach den Süden ruiniert hatte. Bemerkenswert am ganzen war, daß der Verfasser in North Carolina saß.
»Ich schwöre dir, Charles, der Mann haßt die Schwarzen ebenso sehr wie die Sklaverei. Allerdings wirft er in seinem Buch einige interessante Fragen auf. Wie zum Beispiel, warum ihr Südstaatler euch weigert, eure Sklaven aufzugeben.«
»Die Antwort ist heutzutage einfach: In England und Frankreich erleben die Spinnereien einen rasanten Aufschwung. Das bedeutet, daß die Baumwollpflanzer ihre Ernten nach Europa verkaufen und über Nacht reich werden können. Niemand tötet die Gans, die goldene Eier legt.«