»Glaubst du, das ist der Grund? Ich frage mich?«
»Was sonst könnte es sein?«
»Nun, die Nigger können mit der Sklaverei einfach und elegant unter Kontrolle gehalten werden. Ich mache jede Wette, daß ihr Südstaatler im Grunde eine Höllenangst vor den Niggern habt. Sie sind dunkel und anders. Die Menschen mögen etwas, das zu andersartig ist, nicht. Ich zum Beispiel auch nicht. Ich bin ziemlich sicher, daß ihr nicht nur des Geldes wegen am System hängt, sondern vor allem wegen der Tatsache, daß es Schwarze und Weiße gibt.«
»Und wenn es nach dir ginge, würdest du dann alle Sklaven befreien?«
»Ja, in der Tat.«
»Was würdest du mit ihnen tun?«
»Nun, das, was die meisten Republikaner vorschlagen.«
»Schwarze Republikaner nennt man sie im Süden.«
»Wie auch immer. Ich würde die Nigger wieder exportieren. Sie wieder nach Liberia oder Zentralamerika schicken. Weiß der Himmel, sie sollten wirklich frei sein, aber wir wollen sie nicht hier haben.«
Charles warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Du hast recht, Lafayette. Schwarz und weiß, das ist es. Auch bei dir.«
Leutnant O’Dell freute sich nicht gerade über dieses Kompliment und brummte. Charles hatte sich mittlerweile an die unbewußte Heuchelei der Yankees gewöhnt, die sich jedesmal in Wut verwandelte, wenn man sie ans Tageslicht zerrte.
O’Dell hatte jedoch einen wunden Punkt getroffen. Sowohl im Süden wie auch in andern Landesteilen wußte niemand so genau, wie die Sklaverei abzuschaffen wäre, ohne eine wirtschaftliche und soziale Krise heraufzubeschwören. Dem Kommentar von O’Dell nach zu schließen, schienen sich eine Menge Leute auf beiden Seiten mit diesem Problem herum …
»Kolonne – Halt!«
Charles erblickte jenseits des Mesquitewäldchens zerbröckelnde Schornsteine aus ungebrannten Ziegeln, die in die Abenddämmerung hineinragten. Er und O’Dell trabten weiter. Bent befahl den Späher aus Delaware mit dem runden Gesicht zu sich. Kurz darauf galoppierten O’Dell und der Späher zu den Ruinen von Phantom Hill und über einen dahinterliegenden Hügel.
Die Männer stiegen von ihren Pferden, kramten ihre Feldflaschen hervor und unterhielten sich ruhig. Charles hatte Bent nichts zu sagen, der abrupt etwa fünfzig Meter weiterritt und sich dann aus dem Sattel hievte. Charles trank einige Schlucke brackiges Wasser aus seiner Feldflasche und beobachtete den Hauptmann. Der einsame Kommandant, dachte er. Doch die Ironie vermochte die nagende Angst, die er vor Bent empfand, nicht zu bannen. Was sie noch bedrohlicher machte, war die Tatsache, daß er sich den Grund dafür immer noch nicht erklären konnte. Alles, was ihm zu diesem Thema in den Sinn kam, schien entweder zu banal oder zu unwahrscheinlich.
»Dort kommen sie!«
Auf diesen Ausruf eines Korporals hin wandte Charles sich dem Hügel zu. Doss und Lafayette O’Dell kamen langsam den Hügel hinunter; sie führten ihre Pferde am Zügel, um keinen Staub aufzuwirbeln. Sie gingen geradewegs zu Bent. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen war Charles klar, daß ihr Bericht nicht besonders ermutigend sein konnte. Charles und die Soldaten pirschten sich langsam auf Hörweite heran. Alle konnten hören, wie Doss sagte:
»Eine ganze Menge von Panateka. Anhänger von Sanaco. Auch einige von Häuptling Buffalo Hump. Ziemlich schlecht.«
Schweiß glitzerte auf Bents Wangen. »Wie viele sind es?«
O’Dell sagte: »Ich habe etwa vierzig gezählt.«
»Vierzig!« Der Hauptmann hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. »Beschreiben Sie – « Er schluckte. »Beschreiben Sie die Lage!«
O’Dell zog sein Messer aus der Scheide, kauerte sich nieder und zeichnete ein großes U in den Staub. »Das ist die Flußbiegung. Die Feinde sitzen hier.« Mit der Messerspitze deutete er auf das Gebiet außerhalb des U-Bogens. In das U hinein zeichnete er ein Rechteck mit einem daran angrenzenden Quadrat. Er deutete auf das Rechteck. »Das ist das Haus der Lantzmans.« Dann zeigte er auf das Quadrat. »Ihre Pferdekoppel.«
Er zeichnete zwei kleine Kreise in der Nähe der Koppel in den Sand. »Hier liegt je ein Junge mit einem Gewehr hinter einem Heuballen. Vermutlich die Söhne des Farmers. Sie beschützen etwa ein Dutzend Pferde.«
»Was ist hinter dem Haus?« wollte Charles wissen.
O’Dell kratzte drei parallele Linien am offenen Ende des U hin. »Eine Ebene. Getreide, das von der Sonne so ausgedörrt ist, daß man die Ernte für dieses Jahr vergessen kann. Das Getreide ist niedrig und sehr dünn. Zwei Gewehre reichen aus, um jeden abzuknallen, der sich durch dieses Feld heranschleichen will.«
Bent atmete geräuschvoll. »Was tun die Indianer gerade?«
Langsam erhob sich O’Dell; die untergehende Sonne ließ kleine Feuerpunkte in seinen Augen aufleuchten. »Abendessen. Trinken. Sie lassen ihre Opfer noch eine Weile schmoren.«
»Vierzig«, sagte der Hauptmann erneut. Er schüttelte den Kopf. »Das sind zu viele. Wir sollten umkehren.«
»Umkehren?« explodierte Charles. O’Dell tat seine Verachtung kund, indem er sich räusperte und genau zwischen seine staubigen Stiefel spuckte.
Hastig hob Bent die Hand. »Nur bis wir eine Verstärkung bekommen.«
Stirnrunzeln und Murmeln unter den Soldaten machte den Hauptmann darauf aufmerksam, daß er etwas Falsches gesagt hatte. Die raschen Blicke, die die Männer untereinander austauschten, verrieten ihm, was sie von ihm dachten:
Feigling.
Er schob die Schuld dafür den andern Offizieren zu: Sie hatten mit ihrem Verhalten diese Reaktion provoziert. Main hatte sie dazu ermutigt, dieser verdammte Schuft. Und er ließ nicht locker:
»Wenn wir Verstärkung anforderten, so würde das einen weiteren Tag in Anspruch nehmen. Bis dahin hat man die Lantzmans vielleicht skalpiert und ihre Farm ausgeräuchert.«
Bent schob den Unterkiefer vor: »Und was würden Sie vorschlagen, Leutnant?«
»Daß wir die Familie befreien.«
»Das heißt, daß wir uns dorthinbegeben müssen.«
»Genau. Doss, gibt es eine Möglichkeit?«
Die leichte Brise spielte mit den Fransen am Fellhemd des Burschen aus Delaware. Er deutete mit dem Finger und sagte: »Zwei Meilen, vielleicht knappe drei. Über die Hügel, dann ein Umweg, und wir können durch das Getreidefeld an das Haus herankommen. Wird zwar ‘ne ganze Zeit dauern, aber bis dahin sind die Komantschen betrunken und schlafen. Einige werden zwar das Feld beobachten, aber vielleicht schlafen sie auch.«
Charles wischte sich die feuchten Hände an seinen schmutzigen weißen Hosen ab. Der Wind trug Gesang und schwache Trommelschläge vom Fluß herüber.
Dränge den Hauptmann nicht zu sehr, sagte er zu sich selbst. Sonst würde Bent scheuen, den Rückzug befehlen und den Farmer und seine Familie den Komantschen ausliefern.
Mit ruhiger Stimme sagte Charles: »Ich stelle mich freiwillig zur Verfügung, um einige Männer zur Farm zu führen, Hauptmann. Wir sollten heute abend losziehen, falls die Komantschen bei Tagesanbruch angreifen.«
Bent gab sich große Mühe, um ebenso ruhig wie sein Untergebener zu bleiben. »Sie haben natürlich recht. Was ich sagte, war nicht als letztes Wort gemeint. Ich habe mir die verschiedenen Möglichkeiten bloß laut überlegt.«
Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er die andern. Sie schienen nicht überzeugt zu sein. Aber was konnten sie schon tun? Innerlich meckern, beschloß er schließlich. »Wir werden zwei Mann losschicken, um Verstärkung zu holen. Der Rest wird bei Anbruch der Dunkelheit losziehen.«
»Alle?« erkundigte sich Charles.
Einen Augenblick lang verriet Bents Blick seinen rasenden Zorn. Ich schwöre, daß er noch vor Tagesanbruch tot sein wird.
»Alle.« gab er zurück.
»Schön«, sagte O’Dell und schob endlich sein Messer in die Scheide zurück. Von den Hügeln, die rot in der Abendsonne schimmerten, war das Geschrei der Indianer zu vernehmen.