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Das verkümmerte Getreide raschelte, als die Reiter hindurchgingen. Es bot überhaupt keine Deckung. Die höchsten Halme reichten gerade bis zur Hüfte von Charles’ Schimmel. Er hatte vorgeschlagen, die Soldaten absteigen zu lassen, um das bißchen Schutz, den das Feld bot, auszunützen. Aber Bent hatte Einspruch erhoben.

»Muß ich Sie daran erinnern, daß die neue Kavallerie zu Pferde kämpfen soll, Leutnant?«

Charles fand Bents Konsequenz in dieser Situation völlig fehl am Platz, aber er hielt den Mund. Es mußte ungefähr vier Uhr oder etwas später sein. Der Mond war untergegangen, noch funkelten die Sterne am Himmel, aber am Horizont verschwanden sie bereits im Dunst. Die durch das Kornfeld trottenden Reiter sahen gespenstisch aus. Sie bildeten einen Halbkreis, der sich langsam vorwärtsbewegte; zwischen den einzelnen Reitern war ein Abstand von etwa einem Meter. Bent hielt sich im Zentrum, seine Ordonnanz unmittelbar hinter ihm. Charles ritt ungefähr in der Mitte der rechten Flanke. O’Dell in derselben Position links.

Bent hatte während des langen Umwegs nur ganz wenig Wasser getrunken, aber seine Blase war so voll, daß sie ihn schmerzte. Wahrscheinlich die Angst. Die Angst vor dem Feind; die Angst vor dem Sterben. Angst auch, daß seiner Akte ein weiterer Bericht wegen Fehlbeurteilung der Lage hinzugefügt werden könnte. Er war davon überzeugt, daß jeder einzelne Mann der Abteilung ihm einen Mißerfolg wünschte, allen voran Main.

Vorsichtig, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, blickte Bent nach rechts. Im dunstigen Zwielicht merkte er sich die Position des Unterleutnants. Ein Käuzchen schrie. Bent umfaßte seinen Revolver noch fester und hoffte, daß seine Kugel im richtigen Augenblick ihr Ziel nicht verfehlen würde.

Charles spähte in das Zwielicht hinaus. Wie weit war es noch bis zur Farm? Etwa vierhundert Meter. Es war alles dunkel, aber sicher standen Lantzman und seine Familie Wache.

Würden sie, sobald sie Reiter im Getreidefeld entdeckten, wild drauflos schießen? Bent sollte eigentlich an diese Möglichkeit denken und seiner Ordonnanz den Befehl erteilen, das Signalhorn zu blasen, damit man wußte, daß es sich um Soldaten handelte. War er überhaupt zu einer solchen Überlegung fähig?

Furcht quälte Charles. Er schob seinen Colt in die Sattelhalfter. Den Karabiner in der linken Armbeuge haltend, versuchte er mit der rechten, einen Moskito zu zerquetschen. Zweimal schlug er sich aufs Ohr; das Summen ließ nach, kehrte aber nach einer Weile wieder. Fluchend langte er wieder nach seinem Revolver.

Am äußeren Ende der Farm wieherte ein Pferd. Aus dem Lager der Komantschen war kein Laut zu vernehmen. Falls sie einen Angriff beim Morgengrauen planten, so hatten sie noch nicht mit den Vorbereitungen angefangen.

Plötzlich tauchte eine Schattengestalt etwa zehn Meter vor dem Haus im Getreidefeld auf. Charles sah undeutlich langes Haar und ein Gewehr mit langem Lauf in Schießstellung. Einer der Soldaten stieß einen Warnruf aus. Das Gewehr des Indianers spuckte Feuer.

Ein Soldat, der zwischen Charles und der Mitte geritten war, kippte aus dem Sattel. Plötzlich tauchten weitere Wachen der Komantschen auf, etwa fünf oder sechs, und feuerten. Charles stützte seinen Karabiner gegen die Hüfte und schoß, aber die Kugel flog hoch über das Ziel hinaus. Er steckte den Karabiner in die Halfter zurück, legte den Colt über den linken Ellenbogen und lenkte sein Pferd mit den Knien.

Er zielte auf den nächstbesten Komantschen. Die Pferde scheuten, die Soldaten fingen an zu schreien. Er drückte ab, der Komantsche verschwand aus dem Blickfeld.

Auf der Farm schlug ein Mann Alarm. Von der andern Seite des Flusses waren weitere Schreie zu vernehmen, vermischt mit Gewehr-Schüssen. Ein Schuß aus einem Mauerschlitz des Hauses fällte einen Soldaten. Weshalb um Himmels willen gab der Hauptmann sie nicht als Soldaten zu erkennen, bevor die Lantzmans sie alle abknallten?

Bent versuchte es. Zum drittenmal rief er: »Ordonnanz – blasen! Trott, marsch!«

Die Ordonnanz schwankte im Sattel hin und her, als ob sie zuviel getrunken hätte. Wutentbrannt zog Bent den Säbel und brachte das sich aufbäumende Pferd unter Kontrolle. Er streckte die Hand nach dem Hemd des Signalbläsers aus; es fühlte sich klebrig an. Ohne zu überlegen, gab er dem Mann einen Stoß; er fiel mit einer merkwürdigen Kopfbewegung vom Pferd, und Bent erkannte im schwachen Lichtschein, daß das rechte Auge des Mannes von einer Musketenkugel durchbohrt worden war.

Zwischen den Soldaten und der Farm befanden sich noch zwei oder drei Indianer. Die Kugeln sausten rechts und links an Bent vorbei, als er vom Pferd sprang. Verwirrt und verängstigt konnte er nur eines denken, nämlich daß es unbedingt nötig war, ein Hornsignal abzugeben.

»Aufschließen. Aufschließen und vorwärts!«

Wessen Stimme war das, fragte er sich, als er auf den Bläser zustolperte und das Horn packte. Main! Hinterher würde man sagen, daß Main die Initiative ergriffen habe. Verdammt sollte er sein! Verdammt!

Mit dem blutigen Horn in der Hand schwang er sich wieder in den Sattel und sah Charles von rechts nach links an sich vorbeisausen. Bent schmiß das Horn beiseite, packte seinen Revolver und warf einen raschen prüfenden Blick auf seine Umgebung.

Niemand befand sich in der Nähe, niemand beobachtete ihn. Die Männer hatten die Formation aufgelöst, und jeder einzelne Soldat verteidigte sich selbst, so gut es eben ging. Bent zielte auf Charles, die Lippen zusammengepreßt, den Finger am Abzug gespannt.

Die Kugel eines Indianers streifte sein Pferd an der Flanke. Der Schimmel wieherte und ging hoch, eben als Bent abdrückte. Im allgemeinen Durcheinander war der Schuß kaum zu hören. Charles ritt unverletzt weiter.

Wutentbrannt wollte Bent einen zweiten Schuß abgeben – er hatte jegliche Vorsicht vergessen. Ein Rascheln im Kornfeld erregte jedoch seine Aufmerksamkeit. Sein Kopf flog herum. Keine drei Meter hinter ihm stand ein Reiter.

»O’Dell! Ich hab’ Sie nicht bemerkt – « Entsetzt fühlte Bent, wie seine Blase nachgab.

»Was zum Teufel tun Sie, Sir? Weshalb haben Sie auf einen Ihrer eigenen Männer geschossen?«

Die in ruhigem Tonfall vorgebrachte Anklage hatte eine unerwartete Wirkung. Bent war schlagartig beruhigt und wurde sich der Tragweite der Gefahr bewußt, in die ihn sein Haß geführt hatte. Jetzt halfen ihm keine Worte. Er antwortete O’Dell, indem er seinen Revolver hob.

O’Dell öffnete den Mund, hatte aber nicht mehr genügend Zeit, um einen Schrei auszustoßen. Die Kugel zerfetzte sein Gesicht, und er fiel seitwärts vom Pferd, wobei der linke Stiefel aus dem Steigbügel glitt, nicht aber der rechte. Der Schimmel trabte mit O’Dell, der kopfüber herunterhing, davon. Sein Schädel wurde durch das fortwährende Aufprallen auf dem harten Boden schnell zu einer blutigen Masse geschlagen.

Bent versuchte seiner Panik Herr zu werden und blickte hastig umher. Keiner hatte etwas bemerkt; es war immer noch zu dunkel, abgesehen vom Pulverrauch und Nebel. Bent steckte seinen Revolver in die Halfter zurück und zog wieder seinen Säbel. Mit lauter Stimme befahl er seinen Männern, vorwärtszutraben.

Doch Charles hatte bereits denselben Befehl erteilt. Drei der Soldaten hatten den letzten Indianer eingekreist. Von mehreren Kugeln durchbohrt, sank der Krieger in die Knie. Einer der Männer schlug ihm mit dem Säbel den Kopf ab.

Charles ritt ganz nahe an das Farmhaus heran, damit die Lantzmans ihn wirklich hören würden:

»Dies ist die Zweite Kavallerie. Stellen Sie das Feuer ein!«

Schweigen folgte, und der Rauch verzog sich im Nebel. Bent trabte vorwärts. »Absteigen! Absteigen!«

Die Soldaten kamen seinem Befehl nur langsam nach. Keuchend ließ sich Bent inmitten der unruhigen Pferde aus dem Sattel gleiten. Er hoffte, daß seine feuchte Hose nicht allzusehr auffallen würde.