»Ihr habt gute Arbeit geleistet, Männer! Wir haben’s geschafft.«
»Wir haben drei Männer verloren«, sagte Charles, der immer noch im Sattel saß. Bent hätte am liebsten den Revolver gezogen und Charles vom Pferd geschossen, aber er konnte sich nicht noch einmal eine waghalsige Tat leisten.
»Moment mal«, rief Charles. »Wo ist O’Dell?«
Zweimal rief er laut den Namen des Offiziers. Dann sagte Bent endlich: »Das hilft nicht, Leutnant. Einer der Wilden hat ihn getroffen. Ich hab’ gesehen, wie er vom Pferd gefallen ist. Das Pferd schleifte ihn hinter sich her.«
Bent klopfte das Herz bis zum Hals. Wenn jemand seine Lüge nicht glauben würde, dann würde es jetzt geschehen, jetzt…
»O Gott!« sagte Charles leise flüsternd und stieg vom Pferd. Niemand sagte ein Wort.
Bent atmete aus. Er fühlte sich wieder in Sicherheit und zog die Schultern stramm. »Ich bedaure den Verlust nicht weniger als Sie, aber wir müssen unsern Sieg konsolidieren und unsern nächsten Schritt planen. Wir brauchen einen Wachdienst auf dieser Seite des Hauses, Leutnant. Kümmern Sie sich darum, und ich sehe mal drinnen nach.« Er wandte sich abrupt um, die Hand auf dem Heft seines Säbels. Als er auf das Haus zuschlenderte, fühlte er sich wie ein siegreicher General. »Lantzman?«
Charles kommandierte vier Soldaten dazu ab, die Toten einzusammeln; Bent hatte offensichtlich nicht daran gedacht.
Er wies einen der Soldaten an, vor der Hauswand Zeltleinwand auszubreiten. Langsam stieg die Morgendämmerung am östlichen Himmel auf, und der Nebel löste sich auf. Aus dem Haus drangen Stimmen, Bent unterhielt sich offenbar mit den Lantzmans. Der barsche Tonfall Bents ärgerte ihn. Der Mann mochte als Stabsoffizier vielleicht passabel sein, aber als Frontkommandant war er unbrauchbar. Er hatte den Vormarsch zur Farm verpatzt. Sie hätten sich in Erwartung der Wachen in einer Doppelreihe vorwärtsbewegen sollen, um eine kleinere Zielscheibe abzugeben. Oder noch besser, sie hätten zu Fuß gehen sollen, wie Charles vorgeschlagen hatte.
Die Weigerung des Hauptmanns hatte sie vier Tote gekostet. Ein weiterer Soldat war kampfunfähig, weil er eine Kugel im Fuß hatte. Dazu kamen die beiden Soldaten, die in Camp Cooper Verstärkung anfordern sollten. Es blieben siebzehn Mann – gegen dreißig oder mehr Komantschen.
Zwei der Männer, die Charles abkommandiert hatte, kehrten eben mit einer Last zurück. »Wir haben alle mit Ausnahme von Leutnant O’Dell gefunden, Sir. Keine Spur von ihm.«
Charles nickte abwesend und betrachtete die Hügel auf der andern Seite des unglückseligen Feldes. Der Mann, der sein Freund geworden war, lag dort draußen, ohne daß jemand bei ihm Totenwache hielt. Tränen traten Charles in die Augen. Dann kam der Schock. Seine Beine zitterten, und er mußte sich an die Hauswand lehnen, um nicht hinzufallen. Die Männer wandten ihre Blicke ab, bis das Schlimmste vorbei war.
Plötzlich waren Schreie von der Flußseite des Hauses her zu vernehmen. Charles eilte zur Hausecke und spähte hinaus. Drüben, im Lager der Komantschen, führten die Krieger ihre Pferde im Kreis herum, schwangen ihre Lanzen und stießen ihr Kriegsgeschrei aus. Es waren fast alles junge Männer, die ihr glänzendes Haar in der Mitte gescheitelt und in langen Zöpfen trugen. Ihre Gesichter waren rot bemalt, die Augenbrauen weiß oder gelb. Einer der Krieger hatte sich rund um den Mund riesige schwarze Zähne gemalt.
Ein Wagen holperte den Hügel hinunter ins Indianercamp. Charles erstarrte vor Schreck. Es war der Proviantwagen, der hinter den Soldaten hätte herfahren sollen, jetzt aber von drei Indianerkriegern angeführt wurde. Das Segeltuch auf der linken Seite des Wagens wies einen riesigen Blutfleck auf.
Hinter Charles drängten sich Soldaten heran und zeigten flüsternd auf den Wagen. »Die roten Hurensöhne«, knurrte ein Mann. »Was glauben Sie wohl, was die mit unsern Jungs gemacht haben?«
Charles sagte: »Ich möchte es lieber nicht wissen.«
Er eilte zur Hintertür der Farm. Mit dem Tod von Lafayette O’Dell lastete nun plötzlich eine nicht gewollte Verantwortung auf seinen Schultern. Dazu kam, daß der Hauptmann nicht zugeben wollte, daß er überfordert war. Würde man auch nur eine von Bents Ideen in Frage stellen, so bekäme er todsicher einen Wutanfall. Gott sei Dank mußten nicht sofort Entscheidungen getroffen werden. Es gab nichts zu tun als die Verstärkung abzuwarten. In der vergangenen Stunde hatte Charles seine Vorstellungen über den Krieg geändert. Krieg, das hieß nicht eine fröhliche Parade der strikt geordneten Dienstränge mit auf Hochglanz polierten Uniformknöpfen, flatternden Fahnen und Trommelwirbel. Nein, Krieg, das hieß Unordnung, Dreck, Tod, zermürbender Schrecken.
Seine Beine zitterten immer noch ein wenig, als er die Farm betrat. Sie bestand aus einem länglichen Raum mit einer flachen Decke und Alkoven sowie einem weiteren Zimmer, in dem ein eiserner Herd stand. Daneben lagen zwei Leichen, die bis zum Hals mit Leintüchern zugedeckt waren. Der eine, ein älterer grauhaariger Mann, war vermutlich Lantzman. Der andere wohl sein ältester Sohn Karl, dessen Beinverletzung die Familie an der Flucht gehindert hatte. Er nahm an, daß die beiden Männer draußen umgekommen waren.
Es blieben noch vier Familienmitglieder. Mrs. Lantzman war eine kleine verhärmte Frau mit Leberflecken auf dem Kinn. Zwei blonde Burschen unter zwanzig bewegten sich wie Schlafwandler mit glasigem Blick. Die vierte Überlebende, ein Mädchen, schien weniger unter der Belagerung zu leiden, vielleicht weil sie jünger war. Sie mußte etwa zwölf sein, vermutete Charles. Auf ihrem Gesicht spiegelte noch der Liebreiz eines Kindes, aber sie hatte bereits den Körper einer Frau. Charles bemerkte, wie Bents Blicke immer wieder über den Busen des jungen Mädchens glitten. Das Mädchen war sich der Aufmerksamkeit nicht bewußt. Es war damit beschäftigt, Gewehrkugeln aus einem Lederbeutel herauszuklauben. Das lange Gewehr hatte es gegen die Hüfte gelehnt.
Den Tränen nahe, sagte Mrs. Lantzman: »Wie können wir hierbleiben, Hauptmann? Wir haben keine Lebensmittel mehr. Mein Mann ist getötet worden, als er versuchte, Wasser vom Fluß zu holen.«
»Wir haben Rationen, die wir mit Ihnen teilen können. Und auch Wasser.« Bents Stimme klang sanft und vertrauenerweckend. »Meine Männer können sich um das Haus herum postieren« – Charles hatte den Raum durchquert und blickte jetzt durch eine Mauerritze auf die Flußseite hinaus. Seine rechte Hand ballte sich zur Faust –, »während wir auf die Verstärkung warten. Falls sie nicht durch schlechtes Wetter aufgehalten wird, sollten sie noch vor Einbruch der Nacht hier sein.«
Ohne sich umzudrehen, sagte Charles: »Ich glaube nicht, Sir.«
»Was ist?«
»Schauen Sie sich das hier einmal an! Eben sind etwa sechs Indianerkrieger eingetroffen. Schauen Sie sich diejenigen mit den Lanzen an!«
Bent watschelte zur Mauerritze und spähte hinaus. Jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht. Vier der Neuankömmlinge hielten ihre Lanzen hoch und schüttelten sie. Auf zwei Lanzen waren Trophäen aufgespießt.
Es waren die Köpfe der beiden Soldaten, die man nach Camp Cooper geschickt hatte.
Charles dachte, der Hauptmann würde zusammenbrechen. Bent schritt auf und ab, murmelte vor sich hin, blieb mehrere Male abrupt stehen, als wolle er einen Gedanken äußern, tat es dann aber doch nicht. Seine Augen glimmten bald eindringlich, bald starrten sie ins Leere. Die beiden betäubten Lantzman-Jungen wußten, daß etwas nicht stimmte. Sogar das Mädchen starrte den Hauptmann ängstlich an.
Jetzt zählte jede Sekunde. Charles räusperte sich. »Sir – «
Bent wirbelte herum und schrie: »Was ist?«
»Ich bitte um Erlaubnis, einen Spähtrupp zurück durch das Getreidefeld zu schicken. Das ist unsere einzige Rückzugsmöglichkeit.«
Der Hauptmann machte eine schlaffe Handbewegung und sank auf einen Stuhl. »Einverstanden.« Als Charles hinausstürmte, starrte er in die Ferne.