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Zwanzig Minuten später war Charles mit grimmigem Gesichtsausdruck zurück. »Sie haben bereits Männer in den Abzugsgräben hinter dem Feld postiert. Mindestens fünfzehn, sagte Korporal Ostrander. Wir sind abgeschnitten. Eingekreist.«

Weshalb waren sie nicht früher gegangen, fragte sich Charles in einem stummen Wutanfall. Aber er konnte Bent nicht dafür verantwortlich machen; sie hatten ja alle auf die Verstärkung gewartet. Aber offensichtlich waren die beiden Soldaten in die Hände von jenen umherstreunenden Banden geraten, auf deren Fährten Doss gestoßen war. Charles hatte das Gefühl, daß die ganze Expedition von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war.

Bent wischte sich mit dem Handrücken über die schweißglänzende Stirn. »Eingekreist? Dann müssen wir uns verstecken und auf Hilfe warten.«

»Hilfe woher?« schrie Charles.

»Ich weiß nicht! Irgend jemand wird – « Der Satz blieb unbeendet.

»Aber Hauptmann«, sagte das Mädchen, »haben wir denn genug zu essen?«

Mrs. Lantzman schüttelte den Kopf. »Still, Martha. Stell den Soldaten keine Fragen. Sie wissen besser, was es zu tun gilt, als wir.«

»Ja, genau«, sagte Bent mit abwesendem Blick. Er machte innerlich schon wieder schlapp. Charles konnte es nicht weiterhin zulassen. »Augenblick mal«, sagte er.

Bent warf den Kopf herum; in seinen feuchten Augen schimmerte Groll. Charles wandte sich eher an die andern als an seinen Vorgesetzten: »Wir müssen uns eingestehen, daß wir uns in einer mißlichen Lage befinden. Wir sind in der Minderheit, und es wird uns niemand von Camp Cooper aus zu Hilfe eilen. Die Komantschen können noch mehr Krieger auftreiben und nach Lust und Laune angreifen. Ich glaube nicht, daß irgend jemand von uns hier sitzen bleiben möchte, um darauf zu warten, daß er umgebracht wird. Oder gefangengenommen wird«, fügte er mit einem Blick auf Martha hinzu. Mrs. Lantzman verstand, was er sagen wollte.

»Und was ist Ihr Vorschlag?« fuhr ihn Bent an.

»Abwarten bis es dunkel wird und dann einen Ausbruch versuchen. Ich habe mir etwas ausgedacht, wie wir die Indianer ablenken – «

Bent sprang auf; der Stuhl kippte um; seine Stimme überschlug sich beinahe, als er schrie: »Nein!«

Als der Schrei verklungen war, wurde Charles von einem merkwürdigen Gefühl erfaßt. Das Gefühl, als hätte er eben beschlossen, in einen Abgrund zu stürzen – und irgendwie hatte er das bereits getan. Aber blieb ihm denn eine andere Wahl? Bent hatte die Kontrolle verloren und war außerstande, mit der Situation fertig zu werden.

»Tut mir leid, Sir, aber Flucht ist das einzige, was uns bleibt.«

Die Farbe kehrte wieder in Bents Gesicht zurück. Er packte einen kleinen Tisch, der ihm im Weg stand, schleuderte ihn beiseite und stürzte sich auf Charles. »Stellen Sie mich in Frage? Bezweifeln Sie meine Autorität?«

»Wenn Sie hierbleiben wollen, Hauptmann, so befürchte ich, ja.«

»Leutnant«, Bent holte tief Atem, aber es gelang ihm nicht ganz, seine Stimme unter Kontrolle zu bringen, »Sie werden kein Wort mehr sagen. Das ist ein Befehl. Gehen Sie hinaus, bis ich Sie wieder rufen lasse.«

Charles bedauerte, daß es soweit gekommen war – zu einer Machtprobe. Sie hätten beide am selben Strick ziehen sollen, um die andern zu retten. Aber wie konnte man einen Wahnsinnigen davon überzeugen, fragte er sich müde.

»Ich gehe, Sir«, sagte er, »aber dem Rest des Befehls kann ich nicht Folge leisten. Wenn wir hierbleiben, sind wir erledigt.«

Bent blickte ihn einen Augenblick lang an und sagte dann mit ruhiger Stimme: »Leutnant Main, Sie befolgen meinen Befehl – oder Sie landen vor dem Kriegsgericht.«

»Hauptmann, wir gehen.«

Bent packte Charles am Kragen und zerrte. »Verdammt noch mal! Ich werde dafür besorgt sein, daß man Sie entläßt!«

Charles wischte Bents Hand beiseite. Am liebsten hätte er dem fetten Offizier eine runtergehauen, aber er bewahrte mit großer Mühe die Fassung und sagte mit leiser Stimme: »Wenn wir lebend hier herauskommen, können Sie es gern versuchen.«

Er blickte Mrs. Lantzman an, ihre beiden Söhne und schließlich das Mädchen, das seine Muskete mit beiden Händen festhielt. »Sobald es dunkel wird, gehen wir. Jeder der will, kann mitkommen. Wenn Sie mitkommen möchten, tun Sie besser daran, die beiden dort zu begraben. Wir können sie nicht mitnehmen.«

Mrs. Lantzman kniete neben der Leiche ihres Mannes nieder, fegte die Fliegen mit dem Schuh fort und strich das Leintuch glatt. Plötzlich brach sie in Tränen aus. Charles blickte weg.

Marthas entschlossener Gesichtsausdruck zeigte, daß sie ihre Entscheidung bereits getroffen hatte. Charles wandte sich dem Hauptmann zu und sagte: »Ich werde den Männern dasselbe Angebot machen. Niemand wird zum Gehen gezwungen.«

Bent flüsterte: »Verschwinden Sie mir aus den Augen!«

Wenige Minuten später raste Charles zum Rand des Getreidefeldes. Von den Gräben auf der andern Seite her ertönte ein Schuß. Die Kugel zischte durch die Ähren über seinem Kopf. Er kniete hin, riß einige ab und rollte sie zwischen den Handflächen hin und her. Völlig verdorrt.

Wenn es ihm gelingen würde. Mrs. Lantzman davon zu überzeugen, ihre Pferde davonzujagen – die Komantschen würden sie ja ohnehin bekommen –, hätten sie vielleicht eine kleine Chance.

48

Von Westen fielen die letzten Sonnenstrahlen über die Hügel. Dunkle Schatten breiteten sich über Erde und Himmel aus. Charles hatte sich den Fluchtplan in allen Einzelheiten ein halbes dutzendmal durch den Kopf gehen lassen.

Vor einer Stunde hatten Kavalleristen auf seine Instruktionen hin ein Lagerfeuer zwischen dem Haus und dem Feld angezündet, damit es von den Indianern auch sicher gesehen werden konnte. Mrs. Lantzman und ihre Tochter hatten im Haus Lumpen in Lampenöl getaucht und sie dann um das Ende von Baumwollstaudenästen gewickelt. Die Lantzman-Jungen hatten die Pferde für die ganze Familie gesattelt und lagen nun startbereit hinter den Heuballen, um den gefährlichen Angriff auf die Koppel durchzuführen.

Korporal Ostrander schlich sich an Charles’ Seite: »Sir, es ist alles bereit.«

»Gut, es ist Zeit. Wir – «

Er hielt inne, als er bemerkte, daß Ostrander verwirrt auf etwas hinter ihm blickte. Charles wandte sich um. Bent stand in der Tür der Farm und sagte: »Ich komme mit.«

Der Hauptmann war das einzige Hindernis gewesen. Charles versuchte, ihm einen Friedenszweig hinzuhalten, indem er mit sanfter Stimme sagte: »Fein, Sir.«

Aber es half nichts. »Ich komme hauptsächlich, um dabeisein zu können, wenn Sie mit Schimpf und Schande aus der Armee entlassen werden.«

Charles’ Gesichtsausdruck verhärtete sich. »Wie Sie meinen, Sir. Aber darf ich Sie höflich daran erinnern, daß ich vorübergehend das Kommando übernommen habe.«

Täuschte er sich oder hatte Bent mit den Augen gezwinkert? Ein Schauer lief Charles über den Rücken. Bent lächelte beinahe, als er sich die mit Fransen besetzten Reithandschuhe überzog.

»Darüber haben Sie mich keineswegs im Zweifel gelassen, Leutnant. Ich habe beobachtet, wie Sie sich alle erdenkliche Mühe gegeben haben, meine Autorität zu untergraben und die Männer gegen mich aufzuhetzen. Genießen Sie Ihr Kommando! Es wird Ihr letztes sein.«

Unverwandten Blickes sah er Charles an. Von der andern Seite des Flusses hörte man die Felltrommeln und das Kriegsgeschrei der Belagerer.

Martha Lantzman tauchte mit den noch nicht angezündeten Fackeln auf. Sie hielt sie gegen den Boden gerichtet, damit die Wachen auf der andern Seite des Feldes sie nicht sehen konnten, und überreichte eine nach der andern Ostrander, der sie wiederum den Männern weitergab, die um das Lagerfeuer standen. Pferde wieherten zu beiden Seiten des Hauses in der Dunkelheit. Die übrigen Kavalleristen saßen im Sattel und hielten die Pferde der Männer, die die Fackeln anzünden sollten.