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Charles kommandierte einige Späher ab, und ein Kavallerist bot ihm einen kräftigen Schluck Whiskey an. Charles stellte keine Fragen nach Besitzer oder Herkunft des verbotenen Getränks. Er nahm dankend an und goß dann etwas Schnaps in seine Schulterwunde, die Mrs. Lantzman ihm anschließend mit einem Taschentuch verband. Bent hielt sich abseits von allen.

Bald ging es Charles schon wieder wesentlich besser. Er fühlte sich zwar müde, aber wieder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Er ließ die Kolonne neu formieren und fand nach kurzer Zeit einen idealen Lagerplatz in einer Schlucht, deren offenes Ende gut bewacht werden konnte.

Zum erstenmal, seitdem sie Camp Cooper verlassen hatten, kramten sie ihre Wolldecken hervor. Einige Soldaten hatten Mesquiteholz gesammelt und Feuer angezündet, um die Insekten fernzuhalten. Charles kauerte bei einem der kleinen Feuer und knabberte an einem Zwieback. Er kam ihm ungemein köstlich vor.

Plötzlich fiel ein unförmiger Schatten über das Feuer. Charles blickte auf und zog scharf den Atem ein. Bents Gesichtsausdruck war angespannt, maskengleich. Der Hauptmann hatte das Kommando wieder übernommen, was Charles nur recht sein konnte, denn er verspürte nicht den geringsten Wunsch, Bent noch mehr in Verlegenheit zu bringen. Er hatte den Männern nichts von Bents Verhalten im Farmhaus erzählt und sich sogar bemüht, den Eindruck zu vermitteln, der Hauptmann habe ihm die Verantwortung für die Flucht übertragen.

»Ich möchte Ihnen ein Lob aussprechen für Ihre Haltung während des Ausbruchs, Leutnant. Sie haben einen außergewöhnlichen Mut an den Tag gelegt.«

»Vielen Dank, Sir.«

Charles wunderte sich über das unerwartete Kompliment, und der Grund dafür wurde ihm erst klar, als er fünf Soldaten beim Feuer nebenan bemerkte. Gerade vorhin hatten sie sich über den Kampf auf der Lantzman-Farm unterhalten, doch jetzt hörten sie schweigend zu. Bent hatte darauf geachtet, daß er nicht zu überhören war.

Der Hauptmann warf den Zuhörern einen raschen Blick zu und machte dann ein paar Schritte in die andere Richtung. Er bedeutete Charles, ihm zu folgen. Widerwillig kam Charles der Aufforderung nach.

Bent griff den Faden wieder auf: »Vielleicht sind wir beide auf der Farm etwas zu sehr in Harnisch geraten. Wenn Gefahr droht, kann man schließlich von keinem Menschen erwarten, daß er immer den Überblick über die Situation behält.«

Ich würde meinen, daß man genau das von einem guten Führer erwarten darf, dachte Charles im stillen, aber er schwieg. Es hatte keinen Sinn, Bent gerade jetzt zu provozieren, wo er auf seine tolpatschige Art versuchte, einen Waffenstillstand herzustellen.

Sie traten langsam aus dem Feuerschein heraus und gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Zum erstenmal roch Charles die Whiskeyfahne. Es wunderte ihn nicht, daß Bent über eine Geheimration verfügte.

Als sie sich in sicherer Entfernung von den fünf Soldaten befanden, blieb Bent stehen und blickte Charles an.

»Der Erfolg der ganzen Rettungsaktion tilgt natürlich Ihre Schuld nicht. Sie haben sich einem direkten Befehl widersetzt.«

Charles stieg die Galle hoch. Jetzt verstand er das Manöver des Hauptmanns. Bent hatte absichtlich gewollt, daß die Männer ihn seinen Untergebenen loben hörten. Nachdem das einmal erledigt war, konnte er jetzt, bei einem Gespräch unter vier Augen, mit seiner wirklichen Botschaft herausrücken. Bents Stimme wurde um einige Grad härter, als er sagte:

»Es muß und wird eine Anklage gegen Sie vorgebracht werden.«

Charles ahnte dumpf, was dem Hauptmann schon lange klar war, und begriff dann plötzlich mit einem Schlag. Nur die Lantzmans waren Zeugen des heftigen Wortwechsels zwischen Charles und dem Hauptmann und Bents Nervenkrise gewesen. Sie würden nicht als Zeugen vor das Militärgericht geholt, es sei denn, Charles würde darauf bestehen. Aber auch in diesem Fall wäre es für den Staatsanwalt ein leichtes, ihre Eignung als Zeugen in Frage zu stellen, denn erstens handelte es sich um Zivilpersonen, die von militärischen Angelegenheiten keine Ahnung hatten, und zweitens könnte er geltend machen, daß durch den schweren Schicksalsschlag des Verlustes zweier Familienmitglieder ihre Wahrnehmung getrübt gewesen sei.

Charles fühlte die Falle hinter sich zuschnappen. Niemand würde ihn unterstützen und aussagen, daß er das Kommando in einer absoluten Notsituation übernommen hatte. Niedergeschlagen mußte er feststellen, daß seine eigene Gutmütigkeit ihn in diese Lage gebracht hatte. Beim Versuch, den Hauptmann zu schonen, hatte er nichts über dessen Verhalten bei den Soldaten verlauten lassen. Bent konnte ohne weiteres übertreiben und seine Zeugenaussage nach Belieben modifizieren. Zudem war er Charles’ Vorgesetzter, und das Gericht würde eher einem erfahrenen Hauptmann als einem Brevetunterleutnant Glauben schenken.

Bents Profil leuchtete im Schein des Feuers auf, als er sich abwandte und genüßlich vor sich hinlächelte.

»Ich glaube, Sie – nicht ich – werden das Hauptopfer dieser Expedition gewesen sein, Leutnant! Guten Abend.«

Schlaflos und angespannt lag Charles später da, den Kopf auf dem Sattel. Das Feuer brannte nicht mehr, und seine Knochen waren steif vor Kälte. Seine verletzte Schulter schmerzte ihn.

Was für ein Dummkopf war er doch gewesen, auch nur einen Augenblick lang zu glauben, daß Bent hatte Frieden schließen wollen.

Charles war die Zielscheibe eines Hasses, der so unbegründet und unversöhnlich war, daß er jeder Erklärung spottete. Mit einer Ausnahme: Bent mußte verrückt sein. Er hatte diesen Verdacht schon früher gehabt; die tragischen Ereignisse auf der Lantzman-Farm bestätigten lediglich seinen Eindruck.

Er schüttelte sich und zog sich den Hut über die Augen, um einschlafen zu können. Aber es half nichts. Während Stunden lag er wach und hörte immer wieder die Stimme des Hauptmanns, sah immer wieder dessen Gesicht.

49

Bent hatte vor, den Weg bis zum Camp Cooper in einem Tagesritt zurückzulegen, aber gegen drei Uhr nachmittags wurde der jüngere der Lantzman-Knaben von akuten Magenkrämpfen befallen. Seine Mutter bat den Hauptmann, für eine Weile einen Halt einzulegen, damit der Junge sich etwas ausruhen könne. Aus einigen Minuten wurde schließlich eine Stunde. Im Norden braute sich ein Gewittersturm zusammen. Bent erteilte Befehl, den Lantzmans ein Halbzelt aufzurichten, und beschloß, da keine Gefahr drohte, dort zu übernachten und den Rest des Wegs am folgenden Tag zurückzulegen. Die Männer murrten über den Entscheid, aber Bent kümmerte sich nicht darum, denn er hatte ein wundes Gesäß vom Reiten und war froh um die Gelegenheit, seine Autorität wieder zu festigen.

Der Wind peitschte das Gras, und eine halbe Stunde lang flogen Staub und Äste durch die Luft. Aber es fiel nicht ein Tropfen Regen. Der Sturm entfernte sich, und die Soldaten waren mürrischer denn je. Sie hätten weiterreiten und noch vor dem Zapfenstreich im Camp sein können.

Das Lager wurde auf einer Ebene neben einem ausgetrockneten Flußbett aufgeschlagen. Am Ufer entlang wuchsen einige Baumwollsträucher, und dort hatte Bent seine Decken ausgebreitet und ein Feuer angefacht. Normalerweise hätten sich andere Offiziere ebenfalls um das Feuer geschart, aber Charles ging Bent bewußt aus dem Weg.

Das Halbzelt befand sich in etwa sechs Meter Entfernung von den Baumwollsträuchern, wo Bent im Schatten saß und trank. Nachdem er sich zweimal ausgiebig aus der Feldflasche bedient hatte, fühlte er sich wesentlich ruhiger. Er genoß den Duft des Feuers, das Summen der Insekten und die gedämpften Stimmen der Männer. Wieder griff er zur Flasche. Seine Phantasie gaukelte ihm farbenprächtige Visionen von Alexander dem Großen, Dschingis Khan und Napoleon vor.

Er hatte bereits eine Entschuldigung für sein Benehmen auf der Farm gefunden und andere Faktoren dafür verantwortlich gemacht: der Mangel an Soldaten; der unglückselige Umstand, daß die beiden Männer, die Verstärkung holen sollten, umgekommen waren; die Feindseligkeit der Leutnants.