Nun, den einen der beiden Verräter hatte er ja bereits aus dem Weg geräumt und den andern würde er auch demnächst loswerden. Er stellte sich das Gesicht von Orry Main vor, wenn er vom unehrenhaften Abgang seines Verwandten hörte.
Kichernd stand er auf und setzte die Flasche wieder an. Stimmen, die vom Zelt der Lantzmans herkamen, erweckten seine Aufmerksamkeit. Regungslos verbarg er sich hinter den Sträuchern und hörte zu.
»Weshalb soll ich da liegen, wenn ich nicht schlafen kann, Mama? Laß mich doch einen kleinen Spaziergang machen!«
Mrs. Lantzman folgte ihrer Tochter, die Muskete in den Händen, aus dem Zelt. »Na, einverstanden, aber geh nicht zu weit weg, und nimm das hier mit.«
»Brauch’ ich nicht«, entgegnete Martha. »Es besteht keine Gefahr mehr. Der Delaware-Späher hat es gesagt.«
Ihr älterer Bruder, der im Schneidersitz beim erlöschenden Feuer saß, lachte und breitete die Arme aus. »Bei all den Soldaten, die hier herumsitzen, will Martha unbedingt ohne Schutz ausgehen.«
»Nimm das zurück«, rief sie ihm mit geballter Faust zu.
»Geh, wenn du nicht anders kannst, aber lassen wir diese Art Gespräch«, sagte Mrs. Lantzman ernst. Sie stützte sich auf den Lauf ihrer Waffe und sah ihrer Tochter nach, unter deren Füßen Gras raschelte. Sie ließ Martha einige Meter weit gehen und rief ihr dann mit sanfter Stimme zu:
»Nicht in die Richtung! Du wirst den Hauptmann stören.«
»Ach ja, stimmt. Hab’ ich vergessen.«
Sie änderte die Richtung und schlug einen Bogen um die Baumwollsträucher. Sie war dankbar für die Warnung ihrer Mutter. Sie verabscheute den Hauptmann mit seinem groben, fetten Gesicht und den kleinen Augen, die sie so genau beobachtet hatten. Sie wußte wohl, weshalb er sie so angestarrt hatte. Sie war alt genug, um von seinen Blicken eine vage Erregung zu spüren, aber noch jung genug, um Angst davor zu haben.
Sie kam an einem zweiten kleinen Feuer vorbei. Der junge Leutnant saß dort mit nacktem Oberkörper und versuchte, seine lästige Schulterwunde neu zu verbinden. Martha anerbot sich, ihm zu helfen. Er dankte ihr auf seine galante Art, und sie ging aufgeregt weiter.
Charles stützte sich auf seine Ellbogen und blickte ihr fast wie ein besorgter Vater nach, bis sie in der Dunkelheit verschwand.
Elkanah Bent hatte die Hand zwischen die Oberschenkel gepreßt und wunderte sich über seine unerwartet heftige Reaktion. Das Lantzman-Mädchen, das er von seinem Versteck aus beobachtet hatte, war noch ein Kind. Aber nicht von der Taille an aufwärts, dachte er und fuhr mit der Zunge über die Lippen.
Es war schon lange her, seit er mit einer Frau geschlafen oder auch nur eine berührt hatte. Natürlich würde es kein Offizier wagen, Hand an ein so junges Mädchen zu legen. Aber er hatte dennoch das Bedürfnis, mit ihr zu reden, und mit ein wenig Glück konnte er sie vielleicht berühren.
Nur schon die Tatsache, daß ein solcher Impuls in ihm vorhanden war, schien ihm ein Zeichen dafür, daß das Glück wieder auf seiner Seite stand. Er hob die Feldflasche hoch, schüttelte sie und leerte sie in einem Zug. Immer noch etwas schüchtern, stand er langsam auf und ging geräuschlos durch das Baumwollgestrüpp, weg vom Lichtschein des Lagerfeuers.
Martha hatte die Anweisungen ihrer Mutter befolgt, sich nicht allzu weit zu entfernen, und war am Flußufer auf der andern Seite des Baumwollgestrüpps stehengeblieben. Sie war überrascht, wieviel sie im milden Licht des aufgehenden Mondes zu sehen vermochte. Sie kreuzte die Arme über der Brust, warf den Kopf in den Nacken und seufzte erleichtert.
Die nächtliche Brise hatte eine beruhigende Wirkung auf sie; das Gras raschelte leise. Mit sanfter Stimme begann sie ›Old Folks at Home‹ vor sich hin zu summen, als sie plötzlich durch ein Geräusch aufgeschreckt wurde.
»Ist da jemand?«
»Nur Hauptmann Bent, kleines Fräulein.«
Er schälte sich aus dem Schatten der Bäume hervor, hutlos und etwas wacklig auf den Beinen. Ihr Herz begann zu rasen, doch sie schalt sich selbst einen Angsthasen. Sicherlich hatte sie nichts von einem Armeeoffizier zu befürchten.
»Ich habe ein Geräusch gehört«, sagte er und trat näher. »Es freut mich, daß es kein Feind ist.«
Sein Tonfall falscher Herzlichkeit beunruhigte sie. Er roch nach Whiskey und Schweiß und sah wie ein grotesker, zweibeiniger Elefant aus.
»Eine herrliche Nacht, nicht wahr?«
»Ich weiß nicht, das heißt, ja. Ich muß zurück – «
»So schnell? Ach bitte nicht! Noch nicht.«
Wie sanft und liebenswürdig er doch klang. Mit seiner tiefen Stimme erinnerte er sie eigentlich an einen vertrauenswürdigen Onkel. Und doch schwang etwas in der Stimme mit, das sie verwirrte und für einen Augenblick lähmte.
Er faßte es als Zustimmung auf. »Na, das ist besser. Ich wollte Ihnen bloß meine Hochachtung ausdrücken.«
Betrunken, dachte sie. Er ist betrunken. Sie hatte ihren armen Vater des öfteren betrunken erlebt und kannte die Anzeichen.
»Sie sind ein charmantes Mädchen. Außerordentlich hübsch und noch so jung.«
Sein großer runder Schädel verdeckte den Mond. Er war ja inzwischen dicht an sie herangetreten. »Ich möchte, daß wir Freunde sind.«
Er streckte seine Hand nach ihrem Haar aus und ließ einige ihrer langen glänzenden Strähnen durch seine Finger gleiten. Sie stand reglos vor Schreck.
Er tätschelte ihren Kopf und rieb ihr Haar zwischen Daumen und Fingern. Nach und nach zog er etwas stärker daran, bis er zerrte. Er zerrte sie. Sein Atem ging keuchend wie eine Dampfmaschine.
»Lassen Sie mich los! Bitte!«
Jegliche Freundlichkeit wich aus seinem Tonfalclass="underline" »Reden Sie leise. Wir wollen keine Aufmerksamkeit erregen.« Und mit diesen Worten packte er sie am Unterarm. Sie stieß einen gedämpften Schrei aus.
»Verdammt noch mal, lassen Sie das!« rief Bent in Panik. »Ich warne Sie.« Diesmal schrie sie lauter. Er ebenfalls. »Aufhören! Aufhören, hab’ ich gesagt!«
Er schüttelte sie, bis er plötzlich einen Ausdruck der Erleichterung in ihren Augen bemerkte. Er wirbelte herum, wie ein Mann, der sich plötzlich einem Schießkommando gegenübersieht. Als er Charles Main erkannte, wich er einige Schritte zurück.
Von der andern Seite her näherten sich der ältere der Lantzman-Söhne, gefolgt von seiner Mutter. Die Muskete, die sie in der Hand trug, blitzte im Mondlicht auf.
Als Charles Bents Gesichtsausdruck und dann denjenigen des Mädchens sah, war ihm die Lage vollkommen klar. Mrs. Lantzman eilte auf ihre Tochter zu, und es folgte ein Durcheinander von Stimmen.
»Martha, hat er dir wehgetan?« fragte der Bruder.
»Ich wußte ja, daß es gefährlich für dich sein würde, spazierenzugehen«, sagte die Mutter.
Dazwischen Bents heisere und aufgeregte Stimme: »Ich hab’ ihr nichts getan! Nichts!«
Und das Mädchen: »O doch. Er hat seine Hände auf mich gelegt und mit meinem Haar gespielt. Er wollte nicht aufhören – «
»Ruhe«, befahl Charles. »Seid mal alle ruhig!«
Sie gehorchten. Inzwischen waren mehrere Soldaten herbeigeeilt. Charles machte eine abwehrende Handbewegung.
»Geht ins Lager zurück! Es ist alles in Ordnung.«
Die Männer machten kehrt und gingen zurück. Charles wartete, bis sie hinter den Baumwollsträuchern verschwunden waren, und warf Bent dann einen eindringlichen Blick zu. Der Hauptmann schwitzte heftig und schwankte auf seinen Füßen hin und her. Er wich Charles’ Blick aus.
»Martha, sind Sie verletzt?« fragte Charles.
»N-nein.«
»Bringen Sie sie zurück ins Zelt, Mrs. Lantzman, und behalten Sie sie für den Rest der Nacht dort.«
Die Muskete umklammernd, fixierte die Frau den Hauptmann mit wildem Blick und sagte entschlossen: »Was sind das für Männer, die sie uns nach Texas schicken? Kerle ohne jegliche Moral?«