»Mrs. Lantzman, bitte unterlassen Sie das«, unterbrach sie Charles. »Ihrer Tochter ist nichts geschehen. Der Zwischenfall ist höchst unangenehm, aber wir waren alle einer großen Anspannung ausgesetzt. Ich bin sicher, daß der Hauptmann seine versehentliche Indiskretion bedauert und – «
»Versehentlich?« rief der Bruder des Mädchens verächtlich. »Er ist betrunken. Schnuppern Sie mal!«
»Verdammt noch mal, du unverschämter – «, platzte Bent heraus, aber Charles hatte bereits seinen erhobenen Arm gepackt und hinuntergedrückt. Bent keuchte, öffnete die Faust und ließ den Arm fallen.
Charles packte Martha und ihren Bruder sanft an der Schulter, drehte sie zu den Bäumen herum und sagte: »Bleibt im Zelt und versucht, den Zwischenfall zu vergessen. Ich bin sicher, daß Hauptmann Bent sich bei euch allen entschuldigen wird.«
»Entschuldigen? Unter keinen Umständen werde ich – «
Doch dann hielt er inne und flüsterte: »Doch. Betrachten Sie es bitte als getan.«
Mrs. Lantzman sah aus, als hätte sie ihn am liebsten erschossen. Charles redete sanft auf sie ein. »Bitte, gehen Sie jetzt.«
Die Frau reichte ihrem Sohn die Muskete, legte den Arm um Martha und führte sie weg. Bent preßte beide Handflächen auf sein Gesicht.
»Danke«, sagte er zu Charles.
Charles entgegnete nichts.
»Ich verstehe nicht, weshalb Sie mir geholfen haben, aber ich bin – Ihnen dankbar.«
»Es hätte nichts an der Situation geändert, wenn sie Sie erschossen hätte. Sie hätte es höchstens später bereut. Wenn es eine Strafe für das gibt, was sich vorhin zugetragen hat, dann muß sie von einer andern Instanz kommen.«
»Strafe? Was meinen Sie genau?«
Wiederum schwieg Charles. Er drehte sich um und marschierte durch das windgekrümmte Gras davon.
Wenige Meilen vor Camp Cooper galoppierte Bent an die Spitze der Kolonne neben Charles. Sie waren kurz nach dem Frühstück aufgebrochen und seither durch den Nieselregen geritten. Charles fühlte sich in einer etwa gleich dreckigen Stimmung, wie seine Männer aussahen.
Bent räusperte sich. Charles ahnte, was nun kommen würde.
»Ich schätze das, was Sie gestern abend für mich getan haben. Ich hätte Ihnen gern meine Gefühle mitgeteilt, aber Sie waren nicht in der richtigen Stimmung, um zuzuhören, und so dachte ich mir, es nochmals zu versuchen.«
Charles starrte Bent unter seiner tropfenden Hutkrempe an. Es fiel ihm schwer, seinen Ekel zu verbergen. »Hauptmann, verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe es nicht getan, um Ihnen persönlich zu helfen. Ich tat es um der Uniform willen, die Sie tragen. Ich tat es für das Regiment. Verstehen Sie?«
»Ja natürlich. Ich – ich erwarte nicht, daß Sie mir freundschaftliche Gefühle entgegenbringen. Was ich Sie fragen möchte – ich meine – wir werden ja bald wieder im Camp sein – was glauben Sie, wird Mrs. Lantzman sagen?«
»Nichts.«
»Was?«
Wie ekelerregend hoffnungsvoll Bent doch aussah! Charles lehnte sich auf die andere Seite und spuckte.
»Sie wird nichts sagen. Ich habe mich beim Frühstück mit ihr unterhalten, und sie hat begriffen, daß eine Anklage nichts bringen würde. Vielleicht hat Martha sogar aus der ganzen Angelegenheit eine Lehre gezogen. Mrs. Lantzman ist eine einfache und anständige Frau. Es ist niemandem ein schweres Leid zugefügt worden, und weshalb sollte sie dann Ihr Leben ruinieren?«
Nun kam der schwierigere Teil. Obgleich Charles’ Methode auch nicht ganz makellos war, verfolgte er trotzdem einen lauteren Zweck. Ohne seinen Blick auch nur eine Sekunde von Bent abzuwenden, fuhr er fort:
»Aber ich weiß, daß sie jederzeit bereit wäre, nach Camp Cooper oder sogar nach Fort Mason zu kommen, wenn ich sie darum bitten würde. Sie würde es tun, wenn ich ihre Hilfe vor dem Militärgericht brauchte, um eine Aussage über meinen Charakter und den Charakter von andern zu machen.«
Bent zog die Augenbrauen hoch. Er verstand. Es wurde ihm bewußt, daß er zwar der einen Falle entkommen war, nun aber in einer andern saß, die noch erniedrigender war. Schlagartig verwandelte sich sein Gesicht in eine wutverzerrte Maske.
»Ihre Taktik steht derjenigen eines Verbrechers in nichts nach!«
»Quatsch, Hauptmann. Ich rette meine Karriere und gebe Ihnen eine Chance, Ihre zu retten. Es ist ganz einfach: Sie halten den Mund. Sollten Sie sich nicht mit diesem Gedanken anfreunden können, dann bringen wir die ganze Angelegenheit vor Major Thomas. Er hat Erfahrung mit Militärgerichten, und ich werde gerne seinem Urteilsvermögen vertrauen.«
»Nein, nein – « Bent hob beschwichtigend seine Arme. »Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden. Es wird keine Klage erhoben werden.«
Charles konnte sich ein kühles Lächeln nicht verkneifen.
»Ich war sicher, daß Ihre Entscheidung so ausfallen würde.«
Er tippte an die Hutkrempe, schwenkte nach links ab und galoppierte an der Kolonne vorbei zurück; Schlamm wirbelte hinter ihm auf. Ein dicker Klumpen klatschte auf Bents Schulter.
50
Die Lantzmans übernachteten in Camp Cooper und machten sich dann mit einer Begleitmannschaft auf den Weg zurück zur Farm. Bent verschwand in seinem Quartier; erneut hatte ihn ein heftiger Ruhranfall gepackt. Charles verstand wenig von Medizin, aber er vermutete, daß die Aufregung der letzten Tage an Bents Krankheit schuld war.
Charles und der Hauptmann wurden vom Hauptquartier in Washington für ihre Rettungsaktion gelobt. Lafayette O’Dell wurde posthum geehrt. Seine Leiche wurde nie gefunden.
Bent beantragte einen Urlaub aus gesundheitlichen Gründen, der ihm auch gewährt wurde. Somit fiel Charles die Aufgabe zu, die Familienangehörigen von O’Dell und den drei andern Männern, die bei der Expedition ums Leben gekommen waren, zu benachrichtigen. Es mangelte ihm an Talent für derartige Pflichten, und er machte sich mit Widerwillen daran, erledigte dann aber doch alles an einem Abend.
Als er mit dem letzten Brief zu Ende war, konnte er endlich im stillen über Gefühle nachdenken, die ihn in den letzten Tagen immer wieder bedrängt hatten. Er war nicht mehr derselbe Offizier, nicht mehr derselbe Mensch, der sich mit der Rettungstruppe zur Lantzman-Farm aufgemacht hatte.
Oberflächlich schien sich nichts verändert zu haben. Er war immer noch voller Tatendrang und lachte genauso viel wie früher, aber in seinem tiefsten Innern hatte sich eine große Änderung vollzogen, eine Wandlung auf Grund all dessen, was er während der Expedition erlebt und getan hatte. Die Kadettenzeit in West Point war zu einer angenehmen Erinnerung verblaßt. Der romantische Abenteurer hatte sich in einen abgehärteten Berufssoldaten verwandelt.
Der junge Charles war gestorben, und wie der Phönix aus der Asche war ein Mann geboren worden.
»Ich habe gehört, daß heute morgen eine Postsendung eingetroffen ist«, sagte Charles am vierten Tag nach seiner Rückkehr ins Camp.
»Ja, Sir. Das ist für Sie gekommen.« Der Unteroffizier überreichte ihm ein Bündel von drei Briefen und fügte entschuldigend hinzu: »Der Postsack lag sechs Wochen in einem Camp in San Antonio.«
»Weshalb?« fragte Charles ärgerlich und sah das Päckchen rasch durch. Der oberste Brief war mehr als zentimeterdick; Charles erkannte Orrys Handschrift auf allen dreien. »Weiß ich nicht, Sir. Das ist wohl so bei der Armee.«
»Bei der Armee in Texas zumindest.«
Charles begab sich in sein Quartier zurück und riß schon unterwegs den dicken Brief auf. Der Brief war im April abgeschickt worden: Deine Frage in bezug auf Deinen Kommandanten veranlaßt mich zu einer unverzüglichen und besorgten Antwort. Falls es sich um denselben Elkanah Bent handeln sollte, den ich von der Akademie und von Mexiko her kenne, muß ich Dich dringend vor ihm warnen: Du könntest Dich in großer Gefahr befinden.