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Charles hielt abrupt inne. Obwohl es brennend heiß war, fror er plötzlich:

Ich will versuchen, es Dir zu erklären – obwohl, wie Du zweifellos selbst durch Deine Zusammenkünfte mit dem fraglichen Herrn festgestellt haben wirst, sein Verhalten weder logisch noch sonstwie zu erklären ist. Dies war auch schon so, als George Hazard und ich das Unglück hatten, ihm zum erstenmal zu begegnen. – Hastig faltete Charles den Brief wieder zusammen, warf einen prüfenden Blick nach allen Seiten und ging auf sein Zimmer, wo er sich hinsetzte und die eng beschriebenen Seiten las, die ihm die merkwürdige Geschichte von zwei West-Point-Kadetten erzählten, die sich die ewige Feindschaft eines dritten zugezogen hatten. Als er mit dem Brief zu Ende war, legte er ihn auf seinen Schoß und starrte durch das Rechteck des geöffneten Fensters in die sonnenhelle Ferne. Orry hatte recht: Es war schlichtweg unmöglich, einen Haß zu verstehen, der so tief und verzehrend war, daß Bent sich weitere Mitglieder der Hazard- und Main-Familie als Opfer suchte. Aber der Haß war Wirklichkeit und hatte ihn in den vergangenen Wochen immer wieder auf eine harte Probe gestellt.

Er las den Brief mehrmals durch und schenkte Orrys Bericht über die Ereignisse in Mexiko besondere Aufmerksamkeit. Doch der Schock ließ kaum nach, ganz im Gegenteil.

Er war dankbar dafür, daß sein Vetter ihn gewarnt hatte. Und doch kam ihm das, was er nun wußte, irgendwie schlimmer vor als seine frühere Unwissenheit. Bent hatte seine Haßgefühle während mehr als fünfzehn Jahren genährt, was Charles zeigte, wie verrückt der Mann tatsächlich sein mußte. Ein völlig neues Gefühl, das ihn beschämte, dessen er sich aber nicht erwehren konnte, beschlich ihn: Todesangst.

Wenn er in der Folge mit Bent zusammentraf oder mit ihm reden mußte, hatte er die größten Schwierigkeiten. Immer wieder wurde er sich der Wahrheit bewußt, die er nun kannte und die hinter dem listigen Blick des Hauptmanns verborgen lag.

Bent seinerseits wirkte beträchtlich lockerer. Er redete kaum mit seinem Unterleutnant, außer wenn es der Dienst verlangte. Das war eine Erleichterung. Vielleicht hatte sich die Gefahr verringert, weil Charles immer noch die Trumpfkarte Mrs. Lantzman gegen Bent ausspielen konnte. Im Lauf der Wochen ließ Charles’ Furcht etwas nach, und er wartete gespannt auf den Tag, an dem er und Bent zu anderen Einheiten versetzt und getrennte Wege gehen würden.

Bis dahin mußte er wachsam bleiben.

Während der Zeit des Nichtstuns, die auf die Rettungsaktion auf der Lantzman-Farm folgte, diskutierten die Männer aus Ohio der K-Kompanie heftig über die Ereignisse im Osten. Der um seine Wiederwahl in den Senat kämpfende Stephen Douglas hatte mit dem Republikaner Lincoln in verschiedenen Städten in Illinois öffentlich debattiert. Experten waren der Meinung, Douglas werde wahrscheinlich im Januar nach Washington zurückkehren, seinen Sieg jedoch teuer erkaufen. Bei ihrem Treffen in Freeport hatte Lincoln seinem Gegner während einer hitzigen Debatte über den Missouri-Kompromiß von 1820 und den Fall Dred Scott ein schwerwiegendes Zugeständnis abgerungen. Das Oberste Bundesgericht war bei seiner Dred-Scott-Entscheidung für die Unverletzbarkeit der Eigentumsrechte der Sklavenbesitzer eingetreten und hatte den Missouri-Kompromiß, der ein Sklavereiverbot nördlich einer Demarkationslinie vorgesehen hatte, für ungesetzlich erklärt. Die Theorie der Volkssouveränität war somit wirksam negiert worden. In seiner Antwort auf Lincolns scharfsinnige Fragen meinte Douglas, daß es – Bundesgericht hin oder her – für die Territorien immer noch einen einfachen, verfassungsmäßigen und äußerst praktischen Weg gebe, die Sklaverei zu verhindern, und zwar indem die Regierung sich weigere, Gesetze zum Schutz der Rechte der Sklavenbesitzer zu erlassen. Kein vernünftiger Mann würde sich Neger leisten, wenn er Gefahr lief, sie wieder zu verlieren. »Die Sklaverei kann nirgends für einen Tag oder für eine Stunde bestehen«, meinte Douglas, »es sei denn, sie wird durch lokale polizeiliche Maßnahmen unterstützt.«

Douglas’ Ansicht fand ihren Niederschlag in der sogenannten Freeport-Doktrin. Ein Offizier aus dem Süden, der der Ersten Infanterie angehörte, sagte in Camp Cooper zu Charles:

»Der Mann hat sich selbst zu Fall gebracht. Die Demokraten in unserm Landesteil werden ihm nie wieder ihre Stimme geben.«

Im Oktober hielt Senator Seward im Norden des Staats New York eine Ansprache, die allgemeinen Anklang fand. Er sagte, daß der Norden und der Süden in bezug auf die Sklaverei in einem ›offenen Konflikt‹ zueinander stünden, eine Aussage, die den Süden erneut in Harnisch brachte. Sogar eifrige Verfechter der Republikaner im Camp waren der Ansicht, daß Seward mit seinen Worten das Land einen Schritt weiter in Richtung Bürgerkrieg getrieben habe.

Und doch konnten es sich nur wenige vorstellen, daß eines Tages Amerikaner gegen andere Amerikaner die Waffen erheben würden. Es blieb vorderhand bei Wortgefechten.

Bei all diesen Diskussionen gab auch Elkanah Bent gelegentlich seinen Kommentar zum besten. Er war von seinem langen Urlaub zurückgekehrt, hatte gut vier Kilo abgenommen, seine höchst eigenartigen Ansichten aber nicht geändert. Seiner Meinung nach war ein bewaffneter Konflikt durchaus vorstellbar, und er ließ keinen Zweifel daran, daß er dies genießen würde.

»Mit einem Krieg könnten wir endlich die Theorie in die Praxis umsetzen. Wozu werden wir schließlich ausgebildet? Was ist denn Ziel und Zweck unseres Berufs? Wir sind nicht zur Erhaltung des Friedens da, sondern um den Krieg zu gewinnen, wenn das Blut einmal fließt. Das ist unsere einzige Berufung. Ein heiliger Auftrag, meine Herren.«

Mehreren Offizieren einschließlich Charles fiel Bents überschwenglicher Gesichtsausdruck auf. Einige schüttelten den Kopf; Charles nicht. Nichts von alledem, was der Mann sagte, konnte ihn noch überraschen.

Während des Winters redete Charles nur mit Bent, wenn es die Pflicht gebot, und war deshalb eines Abends im April 1859 ziemlich überrascht, als es an seiner Tür klopfte und der Hauptmann in der milden Dämmerung stand.

Bent lächelte. »Guten Abend, Leutnant. Sind Sie bereit, einen Gast zu empfangen?«

»Natürlich, Sir. Treten Sie ein.«

Er trat zurück; die Anwesenheit des Hauptmanns spannte seine Nerven aufs äußerste. Bent stolzierte herein, und Charles schloß die Tür. Es roch nach Whiskey.

Bents Erscheinen verblüffte ihn. Der Hauptmann hatte sich in volle Uniform gestürzt, mit Säbel und allem, was dazugehörte. Er nahm den Hut ab. Er trug einen Mittelscheitel, sein pomadisiertes Haar glänzte. Er warf einen flüchtigen Blick auf einige große braune Fotos, die auf einem Stuhl lagen.

»Bilder von zu Hause?«

»Ja, Sir. Sie wurden bei einem Fest zum Jahrestag der Hochzeit meiner Kusine Ashton aufgenommen. Die meisten Leute stammen von benachbarten Plantagen.«

Er reichte Bent eine der Fotografien, um ihn auf die Probe zu stellen, deutete auf ein finsteres, bärtiges Gesicht und sagte vorsichtig: »Das ist mein Vetter, Orry Main. Er hat mich dazu ermutigt, die Akademie zu besuchen. Er selbst hat auch dort abgeschlossen. Ich glaube, etwa zu Ihrer Zeit.«

Bent preßte die Lippen zusammen, betrachtete das bärtige Gesicht, aber Charles bemerkte nicht die geringste Reaktion. Der Mann war ein guter Schauspieler; auch das machte ihn gefährlich.

»Ich erinnere mich vage an einen Kadetten namens Orry«, sagte Bent. »Ich habe ihn kaum gekannt. Sogar in jenen Tagen haben sich Yankees und Südstaatler nicht viel miteinander abgegeben.«

Der Hauptmann wollte das Bild eben zurückreichen, als etwas seine Aufmerksamkeit erneut erregte. Er klopfte mit dem Zeigefinger auf eine dunkelhaarige Frau, die am Rand der Gruppe stand. Ihrem starren Blick haftete etwas Lebloses an, und doch fand er sie atemberaubend schön.

»Welch schönes Geschöpf. Sie sieht irgendwie exotisch aus.«

Weshalb zum Teufel war der Hauptmann an Madeline LaMotte interessiert? Weshalb kam er überhaupt hierher?