»Sie ist Kreolin und stammt aus New Orleans.«
»Aha, deswegen.«
Bent fragte sich, in welchem Zusammenhang die Frau wohl mit den Mains stehen könnte. War sie durch Heirat mit ihnen verwandt oder handelte es sich lediglich um eine Nachbarin? Aber er mußte seine Neugier zügeln, denn wenn er Charles weiter Fragen stellte, könnten am Ende seine wahren Gefühle für Orry Main zutage treten. Er starrte noch einige Sekunden auf das hübsche Gesicht und gab Charles das Bild zurück.
Charles nahm die andern Fotografien vom Stuhl, und Bent setzte sich. Sein Blick ruhte auf dem jungen Mann. »Ich wollte Sie schon seit einiger Zeit besuchen, Leutnant, um Ihnen meinen Dank für Ihre Diskretion in den vergangenen Monaten abzustatten.«
Charles zuckte die Achseln, wie um zu sagen, daß der Hauptmann nichts anderes zu erwarten hatte.
»Aber Schweigen ist im wesentlichen negativ«, fuhr Bent fort. »Ich habe mich bemüht, unser Verhältnis auf ein Niveau der Freundschaft zu heben. Ich möchte in Zukunft mit Ihrer Freundschaft rechnen können.«
Mein Schweigen, dachte Charles; er macht sich also Sorgen. Er möchte eine Zusicherung, daß ich ihn weiterhin decke. Aber Charles fragte sich, ob damit alles erklärt sei.
Bent blickte ihn merkwürdig eindringlich an. Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die Oberlippe und fügte hinzu: »Selbstverständlich können Sie auch auf meine Freundschaft zählen.«
Charles fühlte bei diesen Worten ein Unbehagen in sich aufsteigen, und auch der Tonfall kam ihm höchst befremdlich vor. Welche Falle verbarg sich hinter Bents schmeichlerischer Herzlichkeit? Er wußte es nicht, und diese Ungewißheit machte ihn nervös, als er entgegnete:
»Die Vergangenheit existiert nicht mehr, Hauptmann, und ich habe nicht die Absicht, sie wieder hervorzukramen.«
»Na sehr schön! Dann können wir wirklich Freunde werden. Ich habe einflußreiche Bekannte im Kriegsministerium, ja, eigentlich in ganz Washington. Sie waren meiner Laufbahn förderlich und könnten auch etwas für Ihre Karriere tun.«
Orry hatte Charles erklärt, weshalb Bent trotz seines schlechten Rufs immer wieder erfolgreich gewesen war. Charles nahm dem Hauptmann diesen plumpen Annäherungsversuch übel.
»Vielen Dank, Sir. Aber ich ziehe es vor, selbständig weiterzukommen.«
Bent sprang auf. Farbflecke traten auf seine Wangen. »Ein Mann kann immer Hilfe gebrauchen, Charles – « Er riß sich zusammen: Das war ihm eine Spur zu wütend herausgerutscht, aber er konnte nichts dafür. Einerseits stieß ihn der große, schlanke junge Offizier ab, weil er ein Main und ein Südstaatler war, andererseits fühlte er sich stark von ihm angezogen. So stark, daß er nach Wochen der Unentschlossenheit schließlich genügend Whiskey getrunken hatte, um den Mut für diesen Vorstoß aufzubringen.
Hatte Charles etwas davon bemerkt? Er hoffte es nicht und versuchte zu lächeln.
»Ich würde meinen, daß Sie weniger Hilfe nötig haben als die meisten. Sie sind wirklich ein Soldat, wie er im Buch steht.« Plötzlich ließ er trunken vor Erregung seinen Gefühlen freien Lauf und berührte Charles’ Unterarm. »Sie sind ein außerordentlich gut aussehender junger Mann.«
Sanft aber bestimmt zog Charles seinen Arm zurück.
»Sir, ich glaube, es ist besser, wenn Sie gehen.«
»Bitte, schlagen Sie nicht diesen Tonfall an! Waffenbrüder sollten einander helfen und Trost spenden, besonders an einem so einsamen und gottverlassenen Ort wie – «
»Hauptmann, gehen Sie, bevor ich Sie rausschmeiße!«
Leichenblaß setzte Bent seinen Hut auf und knallte die Tür hinter sich zu. Sein Gesicht brannte.
Ein Koyote jaulte, als er in die Dunkelheit davonhastete, zum Mord entschlossen. Eines Tages würde er es tun, bei Gott.
Charles hatte geglaubt, daß Bent ihn nicht mehr schockieren könne. Welch fataler Irrtum!
Dieser Zwischenfall war mehr als eine bloße Bestätigung der Gerüchte über die sexuellen Neigungen des Hauptmanns. Es war ein Beweis dafür, daß Bents eigenartige Triebe mit seinen Haßgefühlen koexistierten, und je nach Stimmung und Alkoholmenge überwog der eine oder der andere Aspekt. Mit dieser Erkenntnis setzte Charles dem Bild, das er sich von Bents Wahnsinn machte, einen letzten widerlichen Klecks hinzu.
Sein Zimmer kam ihm plötzlich eng vor. Er zog sein bestes Hemd über, stopfte es in die Hose und stapfte zum Stall, um nach seinem Pferd zu sehen. Die nächtlichen Geräusche des Camps – die Rufe der Wachposten, ein Käuzchen im Frühlingswind – beruhigten seine Nerven wieder.
Vor dem Stall blieb er stehen und betrachtete den Sternenhimmel. Dabei atmete er den kräftigen Geruch von Heu, Stallmist und Pferden ein und fühlte sich wie gereinigt. Immer wieder würde ihn dieser Geruch an Texas und an die Armee erinnern; er liebte beide.
Er dachte wieder an Bent und wurde von einem unerwarteten Gefühl des Mitleids gepackt. Was mußte das für ein Gefühl sein, in diesem elefantösen Körper gefangen zu sein mit Würmern, die dauernd an der geistigen Gesundheit nagten? Das Mitleid verstärkte sich, doch dann gewann eine klare und stille Warnung die Oberhand:
Besser nicht zuviel Mitleid mit einem Mann, der dich im nüchternen Zustand liebend gerne ermorden würde.
Damit rückten die Dinge wieder in die richtige Perspektive. Charles war sich darüber im klaren, daß er weiterhin wachsam sein mußte, bis zum Tag, da sich ihre Wege trennen würden. Und dieser Tag mußte kommen! Er holte erneut tief Atem und erfreute sich an den süßen Düften dieser Nacht in Texas. Pfeifend betrat er den Stall.
51
In jenem Sommer und Herbst 1859 konnte Orry beobachten, wie sich das Sezessionsfieber seuchenartig ausbreitete. Huntoon bereiste ganz Südkarolina sowie einige Nachbarstaaten und hielt Ansprachen in Kirchen, bei Privatfesten und in öffentlichen Gebäuden. Er bewarb sich um die Mitgliedschaft bei der ›African Labor Supply Association‹, die sich für die Wiederherstellung des Sklavenhandels einsetzte. Huntoon befürwortete weiterhin eine eigene Regierung für den Süden, wobei er alle möglichen Begründungen vorbrachte, angefangen bei Sewards ›offenem Konflikt‹ bis zu Argumenten, die er Hinton Helpers Buch entnahm, ohne natürlich jemals seine Quelle zu verraten.
Orry bewunderte die unermüdliche Energie seines Schwagers, wenn auch nicht unbedingt dessen Ansichten. Er bewunderte auch Ashton, die ihren Gatten überallhin begleitete.
Im Herbst fiel Orry eine interessante und vielleicht nicht unbedeutende Entwicklung auf. In Columbia wandte sich Senator Wade Hampton in einer Ansprache an den Staat und plädierte für die Erhaltung der Union und gegen die Wiederaufnahme des Sklavenhandels. Seine Äußerungen wurden überall bekanntgemacht und beinahe einmütig von der Pflanzeraristokratie verworfen. Er fiel sozusagen über Nacht in Ungnade, während Huntoon immer beliebter wurde.
Cooper, der die eine Hälfte seiner Zeit in seiner Werft auf James Island und die andere in den Räumlichkeiten der Demokratischen Partei verbrachte, übermittelte die Frohbotschaft, daß zu Beginn des nächsten Jahres mit dem Bau der riesigen Star of Carolina begonnen würde. Orry beschloß, George diese Nachricht persönlich zu überbringen. Er vermißte seinen besten Freund und freute sich unbändig darauf, ihn wiederzusehen.
Als Brett von seiner Reise hörte, bat sie ihn, mitkommen zu dürfen. Sie hatte vor, von Pennsylvania aus nach St. Louis weiterzufahren, wo sie Billy – in Begleitung ihres Bruders – einen Besuch abstatten könnte. Orry war über die Aussicht einer solch langen Reise nicht gerade begeistert, aber er konnte verstehen, daß Brett Sehnsucht nach ihrem Billy hatte, und gab deshalb ohne lange Diskussion nach.
Sie waren noch nicht sehr weit gekommen, als er seine Entscheidung, eine Reise zu unternehmen, bereits bedauerte. In North Carolina, wo sie zum erstenmal umsteigen mußten, bat er den Bahnhofsvorstand um einen Fahrplan.