»Haben wir nicht«, sagte der Mann mit dem für den Staat typischen Nasalakzent.
»Können Sie mir dann bitte sagen, wann unser Zug in…?« Er brauchte den Satz nicht mehr zu beenden, denn der Mann hatte einfach kehrtgemacht und war weggegangen.
Mißmutig schlenderte Orry zur Bank zurück, wo Brett sich niedergelassen hatte. »Man scheint hier etwas gegen Fragen zu haben. Oder gegen Leute aus South Carolina.« In North Carolina waren viele gegen die Sklaverei, und wahrscheinlich hatte der Mann Orrys Akzent erkannt.
Auf der nächsten Etappe ihrer Reise schaffte es ein schwarzer Gepäckträger – ein befreiter Sklave –, einen von Bretts Koffern fallenzulassen, es war genau jener, bei dem sie ihn um besondere Sorgfalt gebeten hatte. Er enthielt nämlich einige zerbrechliche Geschenke für Lehigh Station. Das Mißgeschick ereignete sich, als der Neger das Gepäckstück vom Gepäcknetz herunternahm. Den Tränen nahe, wickelte Brett einen gläsernen Pelikan aus, den sie für Constance gekauft hatte. Das dekorative Stück war in drei Teile zerbrochen.
»Es tut mir wirklich leid, Ma’am«, sagte der Gepäckträger, aber Orry bemerkte ein böswilliges Funkeln in den Augen des Mannes.
In Petersburg, Virginia, kam ein neuer Schaffner an Bord. Orry zeigte die Fahrkarten vor, die den Stempel der Ausgabestation in Charleston trugen. Der Schaffner schlug plötzlich einen sehr amtlichen Ton an. »In Washington und dann in Baltimore umsteigen«, sagte er mit einem Akzent, der auf Neu-England schließen ließ.
»Danke«, sagte Orry. »Wir haben sieben Gepäckstücke. Werde ich in Washington einen Gepäckträger auftreiben können?«
»Tut mir leid, das weiß ich nicht. Ich habe nichts mit Gepäckträgern zu tun. Vielleicht hätten Sie einen Ihrer Niggersklaven mitnehmen sollen.«
Orry stand langsam auf; er war gut einen halben Kopf größer als der Schaffner, der sofort eine etwas manierlichere Haltung einnahm. »Ich bin empört über Ihre Unverschämtheit«, sagte Orry. »Meines Erachtens habe ich nichts getan, das eine solche Unhöflichkeit rechtfertigen könnte«, er schwenkte die Fahrkarten, »es sei denn, daß Sie es als Ärgernis betrachten, wenn man aus dem Süden kommt.«
»Bitte Orry«, flüsterte Brett, »wir wollen kein Aufsehen.«
Der Schaffner benützte die Gelegenheit und verschwand. »Ich schicke Ihnen den für diesen Wagen zuständigen Dienstmann«, rief er ihnen zu, als er in der Tür am Ende des Erstklaßwagens verschwand.
Sie sahen ihn nicht wieder. Den Dienstmann natürlich auch nicht.
Der Zug ratterte in der herbstlichen Abendsonne in Richtung Richmond. Orry starrte durch das schmutzige Fenster hinaus. »Weshalb zum Teufel haben wir soviel Schwierigkeiten? Liegt es an mir? Fordere ich sie heraus?«
Brett klappte ihr Buch zu. Mit einem traurigen Blick auf ihren Bruder sagte sie: »Nein – es sei denn, dein Carolina-Akzent.«
»Bist du sicher, daß ich nicht an irgendeinem Verfolgungswahn leide?«
Sie schüttelte den Kopf. »Es ist mir aufgefallen, daß man uns ganz anders behandelt als früher. Ganz anders als zum Beispiel in Newport. Damals waren die Leute freundlich. Jetzt nicht mehr.«
»Aber in Virginia und North Carolina sind wir doch noch im Süden!«
»Nicht im tiefen Süden; nicht im Baumwoll-Süden. In beiden Staaten gibt es viele Männer und Frauen, die eher Yankees als Südstaatler sind. Das ist der Unterschied.«
Dann widmete sie sich wieder ihrer Lektüre. Orry reagierte auf die feindselige Haltung, die ihnen entgegenschlug. Als sie in Baltimore ankamen, hatte sich seine düstere Stimmung mitnichten gelegt.
Von der Camden Street mußten sie sich zum Bahnhof der Philadelphia-Wilmington-Baltimore-Linie begeben. Brett freute sich über die Fahrt mit der Pferdekutsche, aber Orry war viel zu hungrig. Er mußte unbedingt etwas essen, bevor ihr nächster Zug ging.
Die Eisenbahnverwaltungen ließen zwar immer wieder verlauten, daß demnächst alle Züge mit Speisewagen ausgerüstet sein würden, aber bis dahin war dies nur bei wenigen Zügen der Fall. Die Alternative war nicht sonderlich attraktiv. Man konnte entweder etwas von den fliegenden Händlern kaufen, die den Zug entlang liefen und ihre Ware feilboten, oder mit stoischer Gelassenheit in eines der schäbigen Bahnhofrestaurants eintreten und sich mit einer schlechten Mahlzeit zufriedengeben. Orry entschied sich in Baltimore für die letztere Variante.
Er hielt Brett die Tür zum Eßsaal offen. Sie hob ihre Röcke hoch, wollte über die Schwelle treten und warf rasch einen Blick auf die Theke und die darum herum stehenden Tische. Lauter Männer, die ihr kühne, fast beleidigende Blicke zuwarfen. In Orry stieg bereits Zorn hoch. Brett schüttelte den Kopf.
»Ich hab’ eigentlich keinen Hunger, Orry. Ich werde hier draußen auf der Bank auf dich warten. Mach dir keine Sorgen.«
Er half ihr, sich auf der Bank niederzulassen, und betrat dann das Restaurant. Überall unterhielt man sich lärmend. Er spähte durch den Saal, bemerkte einen leeren Tisch und setzte sich hin.
Er bestellte geräuchertes Schweinefleisch mit weißen Rüben und Maiskuchen. Dann zog er die kleine Bibel aus der Tasche, die er in letzter Zeit fast immer bei sich trug; wieder und wieder las er das Hohelied von Salomo, weil ihn so viele Verse an Madeline erinnerten. Seit dem Fest zum Jahrestag der Hochzeit von Ashton hatte er nicht mehr mit ihr reden können. Sie hatten sich damals kurz und förmlich unterhalten; sie war nicht sie selbst und wirkte irgendwie der Realität entrückt. Er hatte sich bei Justin erkundigt, ob sie krank gewesen sei, aber Justin hatte bloß gelächelt.
Orry beugte sich über die offene Bibel. Wenige Minuten später knallte der Kellner ihm einen Teller auf den Tisch. Er brachte es ebenfalls fertig, etwas von dem Kaffee, den Orry bestellt hatte, zu verschütten. Orry hielt sich unter Kontrolle.
Er versuchte während des Essens zu lesen, aber er konnte sich nicht konzentrieren; die Stimmen am Nachbartisch waren zu laut. Schließlich lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und hörte dem Gespräch zu.
»Das ist alles, worüber die verdammten Südstaatler reden können, eine eigene Regierung.« Der Redner war der älteste Mann einer Dreiergruppe, ein hohlwangiger Typ mit Kinnbart. »Von mir aus, sollen sie sie haben! Sollen sie doch in das Boot mit dem Leck einsteigen und untergehen.«
»Verdammt noch mal, nein!« schrie ein Mann mit einer Hakennase, der tölpelhafte Typ des Handlungsreisenden. »Jeder, der so etwas sagt oder sich damit einverstanden erklärt, sollte gehängt werden, und zwar hoch genug, damit alle sehen können, wie ein Verräter aussieht.«
»Das stimmt«, sagte ein unscheinbarer Mann in mittleren Jahren.
Orry war klar, daß es sich bei den drei Männern um Grobiane handelte, die untereinander Bestätigung suchten. Er wußte, daß er sich ruhig verhalten und keinen Ärger erregen sollte. Doch all die Böswilligkeiten, denen er im Lauf des Tages ausgesetzt gewesen war, ließen ihn seine Vorsicht über Bord werfen. Er setzte seine Kaffeetasse gerade laut genug auf dem Tisch auf, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
»Aber meine Herren«, sagte er mit einem kühlen Lächeln, »das klingt ja so, als ob Sie persönlich durch eine friedliche Regierung des Südens bedroht wären. Ich habe zwar auch nicht viel für die Idee übrig, aber ich würde es doch nicht Verrat nennen. Es ist bloß Blödheit – die man zwar begreifen kann. Der Süden hat während einer ganzen Generation unter Beleidigungen und Verleumdungen gelitten.«
Wenn jemand mit Orry einverstanden war, ließ er sich nichts anmerken. Der Kerl mit dem Kinnbart fragte: »Aus welchem Staat kommen Sie, Sir?«
»South Carolina.«
Der Mann lehnte sich auf den Silberknauf seines Spazierstocks und lächelte selbstgefällig. »Das hab’ ich mir gedacht.«
Der Mann mit der Hakennase fügte scharf hinzu: »Lesen Sie die Verfassung – und dann werden Sie wissen, daß Sezession Verrat ist. Ihr Burschen aus den Baumwollstaaten bedroht uns ja schon seit Jahren damit! Macht nur weiter so. Nur weiter! Aber wenn Ihr nicht aufhören könnt, steht es Buck Buchanan rechtmäßig zu, Euch in Ketten zu legen. Oder aufzuhängen!«