Ein Mann in der Nähe sagte: »Amen.«
Orry fielen die feindseligen Gesichter an der Theke auf. Zwei stämmige Burschen in schmutzigen Überkleidern. Offensichtlich Weichensteller, den dicken Knüppeln nach zu schließen, die auf ihren Knien lagen.
»Hol’s der Teufel«, kicherte einer der beiden, »das würde Old Buck nie tun, dieser Gimpel.«
Der Mann, der Amen gesagt hatte, pflichtete ihm bei. »Dann soll sie die Armee hängen«, schlug ein anderer vor. Draußen wurden die Passagiere für den Zug nach Philadelphia aufgerufen.
»Das funktioniert nicht«, sagte die Hakennase. »Die Armee wird ja vom West-Point-Pöbel regiert. Die meisten sind Südstaatler. Und wenn sie vor die Wahl gestellt werden, ihrem Eid, das Land zu verteidigen, treu zu bleiben oder eine Regierung zum Schutz ihrer Nigger aufzustellen, dann ist ja klar, wofür sie sich entscheiden werden.«
Orry hämmerte das Blut in den Schläfen. Sein Hemd fühlte sich unter seinem Mantel schweißdurchnäßt an. Er legte die Hand auf die Bibel.
»Passen Sie auf, was Sie sagen, Sir.«
»He, was soll das?« rief die Hakennase und sprang derart heftig auf, daß der Stuhl umkippte. Die beiden Weichensteller traten mit ihren Knüppeln in der Hand hinter ihn. Zwei Kunden schmissen ihr Geld auf den Tisch und verschwanden eilends.
Orry stand ganz langsam auf. Als die Hakennase sah, wie groß er war und wie wild er dreinblickte, trat er zurück.
»Ich habe gesagt, daß Sie aufpassen sollten, was Sie über die Militärakademie sagen. Ich habe in West Point abgeschlossen, und ich habe in Mexiko gekämpft.« Er neigte den Kopf zu seinem leeren linken Ärmel hinunter. »Ich habe für das ganze Land gekämpft. Auch für die Yankees.«
»Stimmt das wirklich?« sagte der Hakennasige aufgebracht. »Nun, Sir, ich behaupte immer noch, daß Ihr West-Point-Aristokraten eine sezessionistische Ader habt, die mindestens einen Kilometer lang ist.«
Zwischenrufe und Beifall. Einer der Weichensteller spähte über die Schulter des Hakennasigen. »Vielleicht verpaßt dieser Gentleman aus dem Süden seinen Zug? Vielleicht muß er sich in Baltimore einen neuen Mantel kaufen!«
Die Hakennase fing an zu grinsen. Orry warf einen hastigen Blick auf die ihn umringenden Gesichter. Alle feindselig. Sein Magen schmerzte. Die Weichensteller kamen langsam auf ihn zu.
Ein Geräusch, das hinter der Theke herkam, gebot ihnen Einhalt. An der Küchentür stand ein Mann mit einem Gewehr im Anschlag.
»Falls hier jemand neue Mäntel austeilen will, muß er mich auch mit einem versehen.« Er wandte sich an Orry. »Ich stamme aus Baltimore. Bin hier geboren und aufgewachsen. Es tut mir leid, daß man Sie in unsrer Stadt so schlecht empfangen hat.«
»Orry?«
Bretts Stimme kam von der Tür her. Sie rannte auf ihn zu. Der Bahnhof Vorsteher rief erneut die Passagiere für den Philadelphia-Expreß auf.
»Orry, ich möchte den Zug nicht verpassen. Komm!«
Der Hakennasige brüllte: »Aha, das kleine Fräulein kämpft wohl für Sie? Wie kommen Sie überhaupt zu ihr? Ich hab’ immer geglaubt, daß Ihr Jungs aus den Baumwollstaaten eine Vorliebe für schwarze Haut habt!«
Da schlug Orry zu. Ein heftiger, aber ungezielter Schlag direkt in die Magengrube des Hakennasigen. Einer der Weichensteller hielt ihn, damit er nicht zusammenklappte, der andere hob seinen Knüppel, aber der Mann mit dem Gewehr rief ihm eine Warnung zu.
Der Mann mit der Hakennase gab einige stöhnende Laute von sich, krümmte sich zusammen, torkelte rückwärts und fiel dann über seinen umgekippten Stuhl. Orry hielt die Faust so fest geballt, daß die Knöchel weiß hervortraten. Er warf dem Pöbel einen zornentbrannten Blick zu.
»Orry, so komm doch!« Brett zupfte ihn am Ärmel.
»Der Philadelphia-Expreß – letzter Aufruf!« Die Stentorstimme hallte durch den ganzen Bahnhof.
Damit war die Spannung gebrochen, und alles eilte zur Tür. Orry nickte dem Mann mit dem Gewehr dankend zu, drehte sich um und ging dann widerwillig auf den Bahnsteig hinaus.
Der Expreß ratterte in Richtung Wilmington. Orry sagte mit einer Mischung aus Wut und Traurigkeit:
»Ich wußte nicht, daß die Feindschaft schon solche Ausmaße angenommen hat. Männer sind bereit, in der Öffentlichkeit aufeinander loszugehen. Unglaublich.«
Er war bestürzt über seine frühere Naivität. Die Situation im ganzen Land war weitaus schlimmer, als er es sich je vorgestellt hatte. Nur Idioten konnten behaupten, eine friedliche Trennung der Staaten sei möglich.
»Ich bin froh, daß wir rechtzeitig gegangen sind«, sagte Brett. »Du hättest schwer verletzt werden können. Und das für nichts und wieder nichts.«
Seine Hand fühlte sich immer noch etwas flau an von dem Schlag, den er dem Mann im karierten Anzug versetzt hatte. Er betrachtete seine Knöchel. »Ja, vermutlich hast du recht. Aber ich renne nicht gern vor einem Kampf davon.«
Sie versuchte, seine düstere Stimmung etwas zu heben, indem sie sagte: »Ja, aber du ranntest, um den Zug zu erwischen.«
Mißmutig brummte er vor sich hin: »Verdammtes Yankee-Pack.«
»Orry, wenn du so redest, bist du keinen Deut besser als diese Esel im Restaurant.«
»Ich weiß. Aber komisch – es ist mir eigentlich egal.« Er holte tief Atem. »Ich hab’ etwas dagegen, mich wie ein Gentleman benehmen zu müssen. Ich hasse es, Fersengeld geben zu müssen. Ich werde es nie wieder tun.«
In Belvedere wurden die Gäste aus dem Süden herzlich empfangen. Sie überreichten ihre Geschenke – Brett versprach Constance einen Ersatz für den zerbrochenen Pelikan –, wunderten sich darüber, wie sehr die Kinder gewachsen waren, und gingen schließlich nach einem herrlichen Entenschmaus dankbar zu Bett. Orry schlief während neun Stunden, fühlte sich aber nicht ausgeruht, als er aufwachte.
»Ich kann es kaum erwarten, dir den Bessemer-Konverter zu zeigen«, sagte George beim Frühstück. Er war voller Energie und Begeisterung, was merkwürdigerweise Orrys trübe Stimmung nur verstärkte. Aber George hatte nichts Falsches getan. Der ganze Norden hatte Orry beleidigt. Er hoffte, daß die Stimmung verfliegen würde und nicht das ganze Treffen verderben würde.
George zündete sich seine zweite Vormittagszigarre an. »Sobald du fertig bist, sehen wir uns das Ding an. Ich zahle zwar eine recht hohe Lizenzgebühr, aber ich vermute, daß sich die Investition, langfristig gesehen, lohnen wird.«
»Das klingt nicht sehr überzeugend«, sagte Orry.
»O doch – bis zu einem gewissen Grad. Die Zeiteinsparung ist enorm, aber wir haben noch ein Problem mit dem ganzen Verfahren. Ich werd’s dir zeigen.«
Orry hatte keine Lust, durch das ganze rauchende und stinkende Hazard-Werk zu fahren, sich in eine Fabrikhalle zu begeben und dort ein eiförmiges, sich um eine Achse drehendes Gebilde zu betrachten. Aber er tat es seinem Freund zuliebe.
Die Arbeiter waren eben mit einem Guß fertig geworden und ließen den Konverter in eine Rinne im Boden hinunter. Der Stahl floß wie ein Lichtband dahin.
Wie ein stolzer Vater sagte George: »Ein Kerl in Wales hat das schwierigste Problem von Bessemer gelöst. Hat Cooper dir schon davon erzählt?«
»Ja, aber ich habe das meiste nicht begriffen.« Dem Tonfall nach war es ihm offensichtlich egal.
George reagierte erst enttäuscht, dann leicht verärgert, aber nur während wenigen Sekunden. »Bessemer stellte Roheisen her, das er entkohlte. Somit war aber kein Kohlenstoff mehr für die Umwandlung in Stahl vorhanden, und er wußte nicht, wie er den Kohlenstoff wieder zusetzen könnte. Der Waliser experimentierte mit Kohle und Manganoxid. Dann versuchte er es mit einer Mischung, die die Deutschen Spiegeleisen nennen – Eisen, Kohlenstoff und etwas Mangan. Damit klappte es. Während nun Bessemer und der Waliser sich darüber in den Haaren liegen, wer wem was schuldet, experimentiere ich mit dem Spiegeleisen und zahle gleichzeitig eine Gebühr an Bessemer, obwohl er sein amerikanisches Patent immer noch nicht hat. Ich bin aber noch nicht ganz davon überzeugt, daß das Verfahren wirklich zweckmäßig ist.«