Выбрать главу

»Das weiß ich auch«, entgegnete George. »Ich schreibe ihm eine aufrichtig gemeinte Entschuldigung, und dafür muß ich mich von dem gemeinen Hund beleidigen lassen!«

Die Fenster von Belvedere standen offen und ließen die frische Herbstbrise herein. Bei kühlem Wetter kuschelte sich George gerne an seine Frau. Doch sie zweifelte daran, daß sie beide heute nacht viel schlafen würden. Seit der Diener vom Station House zurückgekehrt war, hatte er nur noch geflucht und getobt.

»Du bist auch nicht zimperlich mit Orry umgesprungen, Liebling.« Sie stützte sich gegen das Kopfende des Bettes; ihr loses Haar fiel in seiner ganzen Fülle über ihr Musselinnachthemd. »Beide Seiten haben sich schuldig gemacht – und eigentlich hat Virgilia das ganze ausgelöst. Ich werde es nicht mehr zulassen, daß sie weiterhin Zwietracht in diesem Haus sät.«

Er fuhr sich wild mit der Hand durchs Haar. »Mach dir keine Sorgen, sie sitzt bereits im Zug nach Chambersburg.«

»Auf ihre eigene Initiative hin?«

»Nein, ich hab’ darauf bestanden, daß sie geht.«

»Nun, das ist schon mal etwas.« Constance rückte ein Kissen in ihrem Rücken zurecht. Das Nachthemd spannte sich über ihren Brüsten. Mit langsamen, trägen Bewegungen begann sie ihr Haar zu bürsten. Sie hatte sich widerwillig zur Überzeugung durchgerungen, daß das schmähliche Benehmen von Virgilia offensichtlich nicht mehr zu korrigieren war und die Grenze dessen, was man noch hätte tolerieren können, überschritten hatte. Sie hätte George eigentlich gerne gesagt, daß er das Problem nicht gelöst hatte, sondern daß es erst dann aus dem Weg geräumt wäre, wenn er seiner Schwester für immer die Tür wies, aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um auf ein solch heikles Thema zu sprechen zu kommen.

»Und Orry? Hat er Lehigh Station bereits verlassen?«

»Ich habe keine Ahnung, und es ist mir auch vollkommen egal. Ich habe das Gefühl, daß ich Cooper einen Brief schreiben und mein Darlehen zurückverlangen sollte. Ich weiß Gescheiteres mit zwei Millionen Dollar anzufangen. Die Schufte! Die wollen wahrscheinlich das Flaggschiff einer sezessionistischen Marine vom Stapel lassen!«

»Würdest du Cooper Main das wirklich vorwerfen?« Sie lächelte sanft. »Jetzt klingst du aber genauso unvernünftig wie deine Schwester.«

George schmiß die kalte Zigarre zum Fenster hinaus. Vom Bahnhof her kam das Pfeifen einer Lokomotive – düster und traurig. »Er hat sich nicht einmal die Mühe genommen, eine Antwort zu schreiben.« Seine Stimme klang eher traurig als wütend.

»Liebling, komm hierher.«

Er wandte sich um; sein Gesicht sah hilflos, fast knabenhaft aus. Er kam langsam zum Bett herüber und setzte sich, den Rücken an ihre Hüfte gelehnt. Seine Beine hingen über dem Bettrand in der Luft.

Sie sah, wie verletzt er war, und begann seine Schläfe zu streicheln. »Wir alle haben uns heute erbärmlich benommen. Gib Orry eine Woche Zeit, um sich etwas zu beruhigen. Auch du brauchst etwas Zeit. Bis dahin wollt ihr beide bestimmt wieder Frieden schließen. Ihr seid zu lange miteinander befreundet gewesen, als daß jetzt alles zu Ende sein könnte.«

»Ich weiß, aber er – «

Sie legte ihm ihre Finger auf die Lippen, und sein Protest verstummte. »Heute nachmittag hast du dich mit deinem allerbesten Freund wegen einer politischen Frage zerstritten. Kannst du nicht sehen, wie unsinnig das ist? Wie schrecklich? Wie soll die Nation überleben, wenn Freunde sich nicht über einen Streit hinwegsetzen können? Wenn Männer wie du und Orry – gute, vernünftige Männer – ein solches Problem nicht lösen können, wie stellst du dir dann die Alternative vor? Die Zukunft wird in die Hände der südstaatlichen Extremisten und der John Browns geraten.«

Der sanfte liebevolle Druck ihrer Finger schien ihn schließlich zu beruhigen. »Du hast recht. Bis zu einem gewissen Grad. Ich bin mir nicht ganz sicher, daß Worte wie Streit und Problem das beschreiben, was in diesem Land geschieht.«

»Ich weiß nicht, ob ich dich richtig verstehe?«

»Diese Worte klingen für mich – na ja, irgendwie trivial. Sie erwecken bei mir den Eindruck, daß die Menschen wegen, wegen – « er suchte mit der Hand in der Luft nach dem Rest – »einer bestimmten Haartracht oder dem Schnitt von Rockaufschlägen übereinander herfallen. Aber die Auseinandersetzung geht doch sehr viel tiefer. Der Konflikt reicht bis zu den Anfängen unserer Nation zurück. Hat man ein Recht, einen Menschen in Knechtschaft zu halten, bloß weil er schwarze Haut hat? Kann man die Union nach Belieben spalten? Ich weiß, wie ich persönlich diese beiden Fragen beantworte, aber ich weiß keine Antwort auf die nächste Frage: Wie kann man in Anbetracht solcher Umstände gleichzeitig für seine Überzeugungen geradestehen und einen Freund nicht verlieren?«

Constance blickte ihn liebevoll an. »Mit Geduld«, sagte sie. »Geduld, Vernunft und gutem Willen.«

Er seufzte. »Ich hoffe, du hast recht. Aber sicher bin ich nicht.«

Aber er war dankbar für ihren Rat und ihre Hilfe. Zum Zeichen dafür lehnte er sich zu ihr hinüber und küßte sie lange und zärtlich.

Es dauerte nicht lange, bis sich der Druck ihrer Lippen verstärkte. Er ließ seine Hand zwischen das Kissen und ihren Rücken gleiten. Sie hatte ihre Arme um seinen Hals geschlungen und küßte ihn leidenschaftlich. Der Herbstwind blähte die Vorhänge auf, während sie einander liebten, Trost spendeten und für eine Weile ihre Sorgen vergaßen.

Als sie später mit verschlungenen Armen entspannt beisammen lagen, ging ihnen beiden derselbe unausgesprochene Gedanke durch den Kopf: Geduld, Vernunft und guter Wille – alles schön und gut, aber würde es genügen? Vielleicht hatte die Nation ihre Angelegenheiten schon nicht mehr unter Kontrolle? Vielleicht lag das Schicksal bereits in den Händen der Extremisten und der John Browns?

Ja, und auch der Virgilias?

52

Der Landauer von Simon Cameron krachte durch die Pennsylvania Avenue. Stanley, der mit seinem Mentor eine kleine Ausfahrt machte, räkelte sich im angenehmen Sonnenschein.

Langsam verklang hinter ihnen die Musik der Marinekapelle, die eben das Lied ›Listen to the Mocking Bird‹ gespielt hatte. Der Komponist hatte es Harriet Lane, Präsident Buchanans Nichte und Gastgeberin im Präsidentenhaus, gewidmet. Zweifellos befanden sich die beiden – der Präsident war schon beinahe siebzig und ein eingefleischter Junggeselle – eben auf dem Rasen hinter dem Haus und begrüßten das beim Konzert anwesende Publikum. Der Präsident zeigte sich überall in Washington herum. Erst gestern war Stanley nach einem opulenten Diner mit Austern, Schildkrötensuppe und französischem Weißwein auf dieser Avenue spazierengegangen und dem Präsidenten begegnet, der seinen täglichen, einstündigen Spaziergang absolvierte.

Dank dem Weingenuß war Stanley kühn genug gewesen, um auf den Präsidenten loszugehen und sich mit ihm zu unterhalten. Die beiden waren einander natürlich bereits früher in Pennsylvania begegnet. Der Präsident hatte Stanley nicht nur wiedererkannt, sondern er hatte mit seiner leicht frostigen Stimme auch durchblicken lassen, daß er über Stanleys Koalition mit Boss Cameron auf dem laufenden war. In Erinnerung an die Begegnung bemerkte Stanley:

»Ich weiß, daß der Präsident nicht zu Ihren Freunden gehört, Simon, aber er kommt immerhin aus unserem Staat. Und als ich ihm gestern wieder begegnet bin, hat er mich wirklich beeindruckt.«

»Ja, aber Sie haben mir auch gesagt, daß Washington Sie beeindruckt.«

Der Sarkasmus brachte Stanley zum Erröten. Er hatte offensichtlich etwas Falsches gesagt.

»Aber das kann Sie doch nicht wirklich beeindrucken«, sagte Cameron mit einer verächtlichen Bewegung Richtung Kapitol, dessen unfertige Kuppel immer noch mit einem Gerüst umgeben war. Cameron seufzte und schüttelte den Kopf. »Wie kann ich Sie zu meinem vertrauenswürdigen Partner machen, wenn Sie weiterhin solchen Fehleinschätzungen unterliegen? Wann endlich begreifen Sie, daß es in dieser Stadt nichts gibt, was auch nur einen Penny wert ist – außer Macht?«