Die Wahlkampagne des Jahres 1844 ging anfangs Dezember ihren letzten Tagen entgegen. Doch George und Orry schenkten den heftigen politischen Debatten und den heißen Wahlkampfthemen keinerlei Beachtung. Sie waren ganz mit ihrem Studium und den Plänen, die Bents Sturz herbeiführen sollten, beschäftigt. Das Ganze blieb jedoch verschwommenes Wunschdenken, bis George Benny Haven seinen nächsten Besuch abstattete. Dort erfuhr er, daß einer der regelmäßigen Kunden von Alice Peet Armeeleutnant Casimir de Jong war, jener Offizier, der in der Isham-Affäre Klage gegen Bent erhoben hatte. George berichtete Orry etwas später:
»Jeden Mittwochabend um zehn holt der alte Jongie seine Wäsche ab. Man sagt, daß die ganze Transaktion mindestens eine Stunde daure. Ich mache jede Wette, daß er nicht nur die Wäsche bei Alice holt.«
Orry war mittlerweile voll und ganz für ein Vorgehen gegen Bent. »Dann würde ich sagen, daß wir unsere Strategie seinen Gewohnheiten anpassen müssen. Wir sollten Bent an einem der kommenden Mittwochabende ungefähr gegen halb zehn in die Arme von Alice treiben.«
George grinste. »Du wirst eine großartige Karriere auf dem Schlachtfeld machen, aber du solltest deinen Verbündeten ebenso gut kennen wie deinen Feind.«
»Was soll das heißen?«
»Die gute Alice ist zwar ein nettes Wesen, aber sie ist auch eine Hure. Sie wird Bent nicht gratis unterhalten, vor allem nicht, wenn sie ihn sich angesehen hat.«
Die Tatsache war nicht zu umgehen. Während drei Wochen wurde das Pläneschmieden aufs Eis gelegt; unterdessen beschafften sich einige der Kadetten Leintücher und Küchengeräte. Darüber, wie sie in ihre Hände geraten waren, schwieg man sich aus. Schließlich begab sich die Schmugglerbande zum Flußposten und kam mit Bargeld zurück.
Am Abend vor den Wahlen stattete George Alice einen Besuch ab. Er hatte viel Geld dabei. Nach dem Abendessen des folgenden Tages lief die Maschinerie, die Bents Fall herbeiführen sollte, auf Hochtouren.
George und Pickett inszenierten vor Zeugen einen Streit über die aktuellen politischen Fragen. George vertrat den konservativen Standpunkt. Pickett wurde vor Ärger ganz rot im Gesicht und gab laute und zänkische Antworten. Die zufälligen Zeugen sowie diejenigen, die in das Spiel eingeweiht waren, waren davon überzeugt, daß seine Wut echt war.
In wenigen Tagen war allgemein bekannt geworden, daß die beiden Georges sich miteinander überworfen hatten, und Pickett hatte somit Gelegenheit, sich bei Bent einzuschmeicheln und ihn mit Charme und Köpfchen erfolgreich hinters Licht zu führen. Als es am nächsten Mittwochabend leicht zu schneien anfing, lud Pickett Bent zu Benny Haven ein, um dort mit ihm ein Gespräch unter Männern führen zu können. Als sie sich auf den Weg gemacht hatten, meinte Pickett plötzlich, daß ein Besuch bei Alice Peet sicher stimulierend auf ihr Gespräch wirken würde.
George und Orry sowie die offiziellen Beobachter des Korps verfolgten den Weg der beiden durch den Schnee. Zitternd beobachteten sie hinter dem Fenster, wie Alice ihren Auftritt gestaltete. Sie konnte es in bezug auf schauspielerische Fähigkeiten zwar nicht mit Pickett aufnehmen, aber das machte nichts. Als sie sich Bent näherte, hatte er gerade seine Mütze über die Stuhllehne gehängt, den Kragenknopf geöffnet und sich drei Drinks genehmigt. Sein Blick war bereits glasig.
Alice trat ganz nah an ihn heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Bent wischte sich einige Speicheltropfen von den Lippen. Durch das halbgeöffnete Fenster konnten die beiden Freunde hören, wie er Alice nach dem Preis fragte. George umklammerte Orrys Oberarm: Dies war der kritische Moment. Der ganze Erfolg des Manövers hing davon ab, ob Bent Alice glauben würde, daß sie kein Geld von ihm haben wollte, weil sie ihn mochte. Als sie den Plan ausheckten, hatte Pickett bemerkt: »Das ist, als ob man jemanden glauben machen wollte, daß die Niagarafälle aufwärts fließen.«
Doch Bent war betrunken, und Orry glaubte in seinen Triefaugen den Blick eines unterwürfigen, fetten, kleinen Jungen zu entdecken, der geliebt werden wollte. Bent gab Pickett ein Zeichen, und dieser stand auf, grinste und wünschte gute Nacht. Pickett kam heraus und schloß die Tür hinter sich. Als er an den andern beiden Verschworenen vorbeimarschierte, flüsterte er, ohne den Kopf zu wenden: »Ich verlasse mich darauf, daß ihr genauestens Bericht erstattet.« Ohne aus dem Schritt zu fallen, ging er durch den knirschenden Schnee davon. George und Orry konnten durchs Fenster beobachten, wie Alice Bents Hand ergriff und ihn durch die offene Tür ins Schlafzimmer geleitete. Der Köder hatte seine Wirkung getan, die Falle war dabei, sich zu schließen.
Genau um zehn Uhr hörte man Leutnant Casimir de Jong durch den Schnee stapfen. Er war bis an die Ohren eingemummt und summte ein fröhliches Lied. Er ging geradewegs auf Alice’ Haustüre zu, klopfte kurz und trat ein.
Die Beobachter hörten, wie Alice einen offensichtlich unechten Schreckensschrei ausstieß. Sie stürzte ins Wohnzimmer, wobei sie mit der einen Hand ihr Hemd glattstrich und mit der andern ihr Haar in Ordnung zu bringen versuchte. Aus dem dunklen angrenzenden Zimmer war ein Schnaufen und das Rascheln von Bettüchern zu vernehmen. Old Jongie griff mit spitzen Fingern nach der Kadettenmütze und betrachtete sie kurz. Dann zerknautschte er sie mit einem Faustschlag und pflanzte sich im Türrahmen auf. Wie alle guten Offiziere beherrschte er die Technik des einschüchternden Gebrülls und brachte sie nun zur praktischen Anwendung.
»Wer ist da drin? Kommen Sie sofort heraus, Sir!«
Einen Augenblick später trat Bent keuchend und mit flatternden Augenlidern heraus. De Jongs Unterkiefer fiel herunter. »Um Himmels willen, Sir – ich traue meinen Augen nicht.«
»Es ist nicht, was Sie glauben«, schrie Bent, »ich bin lediglich hier, um – um meine Wäsche abzuholen.«
»Mit Hosen auf halbmast? Im Namen der Anständigkeit, bedecken Sie Ihre Blöße, Sir!«
In gebeugter Haltung gingen George und Orry zur halboffenen Tür der Hütte. George konnte sein Lachen fast nicht unterdrücken. Orry sah im Licht einer Öllampe, wie Bent in frenetischer Hast seine Hosen hochzog. Alice stand händeringend daneben.
»Oh, Herr Bent, Sir, ich war so hingerissen, daß ich glattweg vergessen habe, daß der Leutnant jede Woche um diese Zeit seine Wäsche abholt. Das Bündel, das dort drüben …«
Sie bückte sich, um Bents Faust auszuweichen. »Hure, halt den Mund!«
»Genug, Sir«, schrie de Jong. »Benehmen Sie sich wie ein Gentleman, solange Sie noch Gelegenheit dazu haben.«
Bents Gesicht glühte. Es war totenstill, und aus dem nahen Wald hörte man das Knacken eines Zweigs. Es nahm sich in der Stille wie ein Schuß aus.
»Solange Sie noch Gelegenheit dazu haben?« flüsterte Bent. »Was meinen Sie damit?«
»Ist das nicht offensichtlich, Sir? Es liegt eine Meldung über Sie vor – über mehr Vergehen, als ich jetzt aufzählen möchte. Aber seien Sie versichert, daß ich keins auslassen werde. Besonders nicht diejenigen, die mit Entlassung geahndet werden.«
Bent sah plötzlich krank aus. »Sir, dies ist alles ein Mißverständnis. Wenn Sie mir gestatten, eine Erklärung – «
»Die Art Erklärung wie in der Sache Isham? Lügen?« De Jong verstand es glänzend, stellvertretend den Zorn einer Behörde zu spielen. Orry tat der fette Kadett beinahe leid.
De Jong ging mit wütenden, schnellen Schritten zur Tür. Bent sah seine ganze Karriere wegen eines Stabsoffiziers davonschwimmen. Er packte de Jong an der Schulter.
»Nehmen Sie Ihre Hände weg, Sie Trunkenbold«, sagte de Jong mit eiskalter, ruhiger Stimme. »Ich erwarte Sie in meinem Büro, sobald Sie sich zurückgemeldet haben – und Sie tun dies besser in den nächsten zehn Minuten, sonst wird man die Hallorufe bis nach New York hören.«
Mit souveräner Verachtung stieg Leutnant de Jong die Treppe hinunter und ging in den fallenden Schnee hinaus. Er bemerkte die beiden im Schatten kauernden Kadetten nicht.