Bent ließ seinen Ärger an Alice aus. »Du blöde, ungeschickte Hure!«
Er schob den wackligen Tisch beiseite. Alice rannte zum Herd und grapschte ein Fleischmesser. »Raus hier! Stumpf sagte mir, daß du verrückt bist, aber leider habe ich ihm nicht geglaubt, ich Idiotin. Raus! Raus!«
Das Messer blitzte im Licht auf. George und Orry tauschten besorgte Blicke aus, als Bent schwankend und verblüfft stehenblieb.
»Stumpf? Du meinst, Hazard hat mit dieser Sache etwas zu tun gehabt? Es war Picketts Idee hierherzukommen und deine Idee, mit mir – das heißt…«
Er war unfähig weiterzufahren. Seine Wut verwandelte sich in einen solch rasenden und blinden Zorn, daß Orry glaubte, er werde nie mehr einen solchen Ausdruck auf einem menschlichen Gesicht sehen.
Alice nahm die verletzende Bemerkung mit einem schrillen Lachen zur Kenntnis. »Meine Idee? Ich würde ein Schwein wie dich niemals an mich herankommen lassen, es sei denn, man bezahle mich dafür, und man bezahlte mich gut. Aber auch so war es mir fast unmöglich.«
Bent zitterte. »Ich hätte es wissen sollen. Ein Trick. Ein Täuschungsmanöver. Alle gegen mich – das ist es doch, nicht wahr?«
Alice wurde sich ihres Patzers bewußt und versuchte ihn auszubügeln. »Nein, ich meinte nicht – «
»Keine Lügen!« sagte Bent. Die beiden Kadetten draußen konnten nicht sehen, was jetzt geschah. Offenbar bedrohte Bent die Wäscherin, denn sie fing an zu schreien. Es war nicht mehr gespielt.
»Ruhe, das ganze Dorf wacht ja auf!«
Das war genau die Absicht von Alice, und sie schrie um so lauter. Bent stürzte aus der Hütte. Er rannte davon und hielt mit der einen Hand seine Hose hoch. George und Orry starrten einander an. Keiner von beiden fühlte die Freude der Erleichterung, die sie so lange herbeigesehnt hatten.
Knapp drei Tage später war Bent entlassen.
Die meisten Kadetten sagten, sie seien froh, daß er entlassen worden sei. Orry und George waren auf jeden Fall froh darüber. Beide hatten sie jedoch Schuldgefühle wegen der Art und Weise, in der man Bent in die Falle gelockt hatte. Doch mit der Zeit vergaßen sie es. Als Orry wieder erotische Träume von Madeline hatte, wußte er, daß die Zeit seiner Gewissenskonflikte um war.
An Weihnachten diskutierte man immer noch über den Wahlsieg von James Knox Polk. Da der neugewählte Präsident nach wie vor die Absicht kundtat, Texas zu annektieren, fragte sich Orry, ob er unmittelbar nach seinem Abschluß, der im Juni in einem Jahr stattfinden sollte, wohl gegen eine Armee von Mexikanern kämpfen müßte. Und würde es im Nordwesten eine zweite Front geben, als Folge der mit den Briten laufenden Auseinandersetzung über die Oregongrenze? Die Zukunft kam ihm spannend, aber auch erschreckend vor.
Als am letzten Samstagabend im Dezember in Picketts Zimmer wiederum ein Hackfleischessen stattfand, war plötzlich ein schüchternes Klopfen an der Tür zu vernehmen. Orry öffnete. Tom Jackson stand da. Jackson war es gelungen, sich mit gezielten Bemühungen in einen ausgezeichneten Studenten zu verwandeln. Auch wenn man ihn, weil er etwas eigenartig war, nicht besonders gut mochte, hatte er doch etwas Respekteinflößendes an sich, eine Kraft, eine stille Wildheit. Bei den toleranteren Kadettengruppen, wie jener hier, schätzte man ihn.
»Willkommen, General«, rief George, als Jackson die Tür hinter sich schloß. »Einen Bissen?«
»Nein, danke.« Jackson deutete auf seinen Magen, um anzuzeigen, daß er Verdauungsschwierigkeiten hatte. Er sah noch bekümmerter aus als üblich, richtig traurig.
»Was ist los?« fragte Orry.
»Ich bringe schlechte Nachrichten, besonders für euch beide«, antwortete Jackson mit einem Blick auf George und Orry. »Kadett Bent hat doch mit Beziehungen in Washington geprahlt. Nun, sie sind offensichtlich keine Ausgeburt seiner Phantasie gewesen. Wie ich aus verläßlicher Quelle vom Adjutanten weiß, hat Kriegssekretär Wilkins als eine seiner letzten Amtshandlungen in der Angelegenheit interveniert.«
George fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Lippen. »Wie interveniert?«
»Die Entlassung wurde rückgängig gemacht. In zwei Wochen wird Mr. Bent wieder hier sein.«
Es war nicht neu, daß die Akademie eine Entlassung widerrief, sie hatte sich schon oft damit unbeliebt gemacht, weil sie den Familien von Kadetten gestattete, ihre politischen Beziehungen auszunutzen. Es handelte sich um einen Mißbrauch, dem auch der gewissenhafteste Superintendent keinen Einhalt gebieten konnte, da die oberste Instanz für West Point Washington war.
Es dauerte bloß sechs Tage, bis Bent wieder auftauchte. Er hatte seinen früheren Rang verloren. George und Orry machten sich auf irgendeine Form von Rache gefaßt, aber es geschah nichts. Die beiden gingen Bent so gut sie konnten aus dem Weg, aber ganz konnten sie ihm nicht ausweichen. Wenn einer von ihnen Bent begegnete, reagierte er immer gleich: Er verzog keine Miene, sein Gesicht blieb steinern. George und Orry hätten für ihn genausogut Fremde sein können.
»Das macht mir bedeutend mehr Angst, als wenn er schreien und toben würde«, sagte Orry. »Was hat er bloß vor?«
»Ich habe gehört, daß er hart büffelt«, sagte George. »Verlorene Mühe, wenn du mich fragst. Nach dem, was er getan hat, kann er von Glück reden, wenn er es in die Infanterie schafft, auch mit den besten Noten.«
Als es langsam Juni wurde und Bent sich weiterhin absonderte, sprach man immer weniger von der widerrufenen Entlassung, und schließlich wurde sie überhaupt nicht mehr erwähnt. Es gab wichtigere Dinge zu besprechen. Die Nation hatte einen höchst bedeutsamen Frühling hinter sich.
Am ersten März, drei Tage vor dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Polk, hatte der abtretende Präsident Tyler gemeinsam mit dem Kongreß eine Resolution unterzeichnet, wonach Texas der Union als Staat beitreten sollte. Polk mußte nun die Konsequenzen dieser Amtshandlung übernehmen, und zwar als erstes die Reaktion der mexikanischen Regierung. Ende des Monats wurde der US-Botschafter in Mexico City davon unterrichtet, daß die diplomatischen Beziehungen abgebrochen würden.
Einzelne Landesteile, namentlich der Süden, wurden vom Kriegsfieber erfaßt. In einem langen Brief beklagte Cooper sich darüber, wie Tillet vehement für einen militärischen Kreuzzug eintrat. Er war der Meinung, dies sei zum Schutz des neuen Sklavenstaats wichtig, sofern die Regierung von Texas sich mit der Annexion einverstanden erklärte, was sie zweifellos tun würde. Im Norden war man sich über einen Krieg uneinig. In der Gegend um Boston, der Hochburg der Sklavereigegner, war die Opposition am schärfsten.
Bent und seine Kommilitonen bereiteten sich auf die Abschlußprüfung vor und unterhielten sich zudem mit den Armeeschneidern, die jedes Jahr um diese Zeit eintrafen. In Bents Klasse, die typisch war, würde etwa die Hälfte der Studenten abschließen. Jeder ausscheidende Kadett würde auf seinem Gebiet ein Titularunteroffizier werden. Da diese nicht den gleichen Sold wie die Offiziere erhielten, waren die meisten Diplomanden darauf bedacht, während des ersten aktiven Dienstjahres die Beförderung zum Offizier zu erlangen.
George hatte in bezug auf Bent recht behalten. Der Mann aus Ohio schaffte es gerade bis zum Titularinfanteristen.
Als zum Schluß des Schuljahrs die Militärparade abgehalten wurde, redete Bent schließlich wieder mit George und Orry. Es war an einem kühlen Juniabend bei Sonnenuntergang. Die sanften Hügel waren halb in rotes Licht getaucht, halb schimmerten sie bläulich. Unten im Tal nahmen die Diplomanden die Glückwünsche von strahlenden Müttern, stolzen Vätern, überschwenglichen Geschwistern und Verehrerinnen entgegen. George war aufgefallen, daß Bent zu den wenigen gehörte, zu denen praktisch keine Familienangehörigen gekommen waren.
Bent sah in seiner Kadettenuniform, die er nun zum letztenmal trug, schmuck aus. Er hatte sich einen großzügigen Backenbart wachsen lassen. In etwa einer Stunde würde er unten am Hafen sein, um nach New York zu reisen, wo immer am Tag nach der Abschlußfeier das Klassenessen in einem eleganten Hotel stattfand. Der Urlaub würde für Bent und die andern Diplomanden am letzten Septembertag zu Ende gehen.