Orry war verwirrt über Bents Lächeln, doch dann sah er in der Abenddämmerung seine Augen. Und er entdeckte Haß darin.
»Meine Herren, ich habe Ihnen kurz und ohne Umschweife etwas zu sagen.« Bent sprach in knappen Sätzen, er keuchte, und es schien, als ob er starke Emotionen im Zaum halten müsse. »Sie haben mir eine militärische Laufbahn fast unmöglich gemacht, eine Tatsache, die ich nie vergessen werde. Eines Tages werde ich einen hohen Rang einnehmen – einen sehr hohen Rang –, merken Sie sich das. Ich werde die Namen derjenigen, die meine Karriere mit einem unauslöschlichen Makel versehen haben nicht vergessen.« Er wandte sich so abrupt ab, daß George zur Seite trat – eine nervöse Reaktion. Bents Augen schienen rot im Licht der untergehenden Sonne. Schwerfällig marschierte er in Richtung Kaserne. Mit seinem Gewicht hatte er es schwer, eine stramme militärische Haltung einzunehmen.
George warf seinem Freund einen verblüfften Blick zu, als wollte er sagen, daß er den melodramatischen Auftritt, den er eben erlebt hatte, nicht ernst nehmen könnte. Orry hoffte inständig, daß sein Freund das Ganze nicht auf die leichte Schulter nehmen und lachen würde, denn Verrückte sagten die Wahrheit, und man mußte ihnen glauben. Man mußte ihnen glauben und vor ihnen auf der Hut sein.
9
Während des Sommercamps wurde George zum Kadettenleutnant befördert. Orry war der einzige unter den Soldaten, dem kein Rang zugesprochen wurde. Es war entmutigend, denn es zeigte, wie wenig seine Vorgesetzten von ihm hielten. Sie schätzten ihn zwar als Person, doch zweifelten sie an seinen militärischen Fähigkeiten. Der Unterricht in der letzten Klasse schien dies zu bestätigen. George strengte sich weiterhin nicht im geringsten an, doch Orry tat sich schwer mit seinem Kurs: Grundsätze des konstitutionellen Rechts und praktische Anwendung des Kriegsrechts. In den Kursen beim berüchtigten Professor Mahan hatte er noch größere Schwierigkeiten.
Mahan sah in seinem dunkelblauen Mantel, seiner blauen Hose und der Lederweste wie ein perfekter Akademieprofessor aus. Trug ein Kadett etwas vor, so erlaubte er nicht die geringste Abweichung, weder von dem, was er gelehrt noch wie er es gelehrt hatte. War ein Kadett je unvorsichtig genug, mit Mahan nicht einverstanden zu sein – wie schüchtern er seinen Einwand auch immer vortragen mochte –, so sah er sich sofort mit dessen gefürchtetem Sarkasmus konfrontiert und konnte von Glück reden, wenn die intellektuelle Niederlage nicht zu brutal ausfiel. In Mahans Kopf hatten alle Kadetten einen Rang, und aufgrund dieser Rangordnung, ob sie nun zutraf oder nicht, wurden alle Urteile gefällt. Es gab kein Erbarmen. Aber die Kadetten mochten Mahan, ja, sie verehrten ihn sogar.
Mahan unterrichtete auch Militärwissenschaften. Hier flößte er seinen Schülern Ehrfurcht ein, indem er für das industrielle Zeitalter einen neuen, apokalyptischen Krieg voraussagte. Sie alle würden in dieser neuen Art von Krieg das Kommando übernehmen müssen, sagte er. Und vielleicht würde dieser Krieg schon früher stattfinden, als sie sich das überhaupt vorstellen konnten. Im Juli 1845 war General Zachary Taylor mit 1.500 Mann an den Nueces River geschickt worden. Mexiko behauptete immer noch, daß dieser Fluß die nördliche Landesgrenze bilde. In Corpus Christi, einer Stadt an diesem Fluß, bezog Taylor einen bewaffneten Posten, um einem möglichen Angriff der Mexikaner vorzubeugen.
Im Herbst hatte Taylor bereits 4.500 Mann um sich geschart. Am 29. Dezember trat Texas der Union als 28. Staat bei und erhob weiterhin die Forderung, daß aufgrund des Friedensvertrages am Ende des Unabhängigkeitskrieges der Rio Grande die Südgrenze des Landes bilde.
Der Protest aus Mexiko wurde zusehends bedrohlicher. Der Vertrag sei wertlos und die Republik Texas ein Betrug – nicht existent. Wie aber könnte ein illegales politisches Gebilde den Vereinigten Staaten beitreten? Die Antwort war klar: Es war unmöglich.
Im Winter 1845/46 schlugen die Bemühungen um Friedensverhandlungen des amerikanischen Botschafters in Mexiko, John Slidell, fehl. Auf Befehl seiner Vorgesetzten in Washington drang General Taylor wieder vor, diesmal südwärts durch die dünn besiedelte Wildnis, auf die sowohl Texas als auch Mexiko Anspruch erhoben – bis zum Rio Grande. Die Bevölkerung faßte den Krieg als reale Möglichkeit ins Auge. ›Mr. Polks Krieg‹, nannte ihn die Opposition.
In jenem unruhigen Frühjahr des Jahres 1846 sah sich George Hazard um, blinzelte und stellte fest, daß in den vier Jahren, in denen er sich mit Zigarren, Mädchen und gelegentlichem Studium beschäftigt hatte, tiefgreifende Veränderungen stattgefunden hatten. Knaben waren zu jungen Männern herangewachsen, junge Männer hatten sich zu lebensfähigen Menschen entwickelt, die wiederum Titularoffiziere würden.
Orry kam in die Infanterie, und so bemühte sich George auch darum. Einige der Professoren und Stabsoffiziere waren nicht damit einverstanden. Sie sagten, daß George mit seinen guten Noten in die Artillerie oder zu den Pioniertruppen kommen könne. Orry beschwor seinen Freund, die Ratschläge zu beherzigen, aber George blieb fest.
»Lieber diene ich in der Infanterie mit einem Freund, als mit lauter Fremden in der Artillerie. Abgesehen davon habe ich immer noch die Absicht, nach vier Jahren auszutreten. Es ist mir gleichgültig, wo ich diese Zeit verbringe, sofern man nicht zu oft auf mich schießt.«
War George nicht unbedingt begeistert über den Gedanken, in den Krieg zu ziehen, so wollte Orry wirklich die Gefahr auf irgendeinem weit entfernten Schlachtfeld in Mexiko kennenlernen. Manchmal hatte er wegen dieses Wunsches Schuldgefühle, aber ein Mann, der Militärkarriere machen wollte, brauchte unbedingt Kriegserfahrung. Obwohl Orrys Vorgesetzte ihn nicht hatten befördern wollen, änderte sich seine Zielsetzung nicht.
Genau wie Orry waren die meisten Senioren hinsichtlich der Möglichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung ganz nervös, ja sogar erregt. Endlich würde das Aristokratenkorps von West Point Gelegenheit bekommen, zu beweisen, was es wert war. Ja, die ganze Armee konnte dies zeigen. Viele Amerikaner verachteten ihre Armeesoldaten und sagten ihnen nur ein Talent nach, die Kunst der Drückebergerei.
Die Frage, ob Krieg ausbrechen würde oder nicht, wurde noch vor Georges und Orrys Examen entschieden. Am 12. April hatte der mexikanische Befehlshaber in Matamaros General Taylor befohlen, sich zurückzuziehen. Die Warnung wurde nicht beachtet, und am Letzten des Monats überquerten mexikanische Soldaten den Rio Grande. Anfang Mai schlugen Taylors Truppen in Palo Alto eine dreimal stärkere feindliche Armee zurück, und einige Tage später ereignete sich dasselbe in Resaca de la Palma. Der Streit hatte begonnen, und der Kongreß beantwortete am 12. Mai die Invasion auf amerikanisches Territorium mit einer Kriegserklärung.
Der Krieg führte zu heißen Kontroversen. George konnte sich für keinen der beiden Gegner begeistern, und nachdem er sich auf vier faule Jahre in der Armee gefreut hatte, kam der Krieg ihm jetzt sehr ungelegen und ärgerte ihn.
Als er sich für den Dienst in der Infanterie entschieden hatte, schrieb George seinem Vater einen Brief und bat ihn, einige Hebel in Bewegung zu setzen. Jetzt erhielt er endlich seinen Befehclass="underline" Er sollte in die Achte Infanterie. Orry stellte mit Erstaunen fest, daß er zum selben Regiment abkommandiert worden sei. George gab vor, über diesen Zufall höchst überrascht zu sein.
Während des herrlichen Juniwetters nahmen die Absolventen die Glückwünsche ihrer Professoren entgegen und hielten ihre letzte Parade ab. George und Orry erschienen zum erstenmal in den typischen armeeblauen Kleidern: dem dunkelblauen Mantel, der hellblauen Hose mit dem schmalen, weißen Streifen der Infanterie.
Georges Vater sowie sein Bruder Stanley wohnten der letzten Parade bei. Von Orrys Familie war niemand gekommen. Gleich nach der Parade nahmen die Hazards ein Schiff nach Albany, wo sie Geschäfte zu erledigen hatten. Etwa eine Stunde später waren George und Orry startbereit.