Als der Dampfer sich vom Landungssteg entfernte, lehnte sich Orry an die Reling und betrachtete noch einmal den steilen Weg, den sie vor vier Jahren zum erstenmal hinaufgegangen waren.
»Ich werde den Ort vermissen. Wahrscheinlich wirst du jetzt lachen, aber am meisten werde ich die Trommel vermissen. Nach einer Weile geht sie dir in Fleisch und Blut über.«
George lachte nicht, aber schüttelte den Kopf. »Du willst eine Trommel vermissen, die dein Leben in Segmente eingeteilt hat?«
»Ja, sie verlieh den Tagen einen bestimmten Rhythmus, eine Ordnung und ein Muster, auf das man sich verlassen konnte.«
»Nun, keine Sorgen, Mr. Stiel. In Mexiko werden wir viele Trommeln zu hören bekommen.«
Die Nacht brach herein, während sie an Constitution Island vorbeifuhren, und als sie auf dem Hudson waren, war es bereits dunkel. Sie meldeten sich in der City im American House und sahen sich am nächsten Tag New York an. Auf dem Broadway stießen sie auf einige einfache Soldaten, und man salutierte ihnen zum erstenmal in ihrem Leben.
Bevor George in den Zug nach Philadelphia stieg, nahm ihm Orry das Versprechen ab, daß er gegen Urlaubsende nach Mont Royal kommen würde, um mit ihm zusammen zu ihrem Regiment zu reisen. George war einverstanden. In den vergangenen vier Jahren hatte er fast alle Südstaatler, denen er begegnet war, sympathisch gefunden. Abgesehen davon hatte er niemals vergessen, daß Cooper Main ihm gesagt hatte, die Mädchen im Süden seien besonders hübsch.
Als er in Lehigh Station ankam, packte George als erstes den Meteoriten aus, den er in den Hügeln bei West Point gefunden hatte. Er legte ihn in seinem Zimmer sorgfältig auf einen Fenstersims, wo ihn keiner der Dienstboten versehentlich für Trödel halten und wegwerfen würde. Dann setzte er sich hin und versenkte sich in die Trophäe.
Zehn Minuten vergingen. Zwanzig Minuten. Das rauhe, eisenhaltige Fragment schien in der Stille stumm und doch mit mächtiger Stimme zu ihm zu sprechen und ihm zu erzählen, mit welcher Macht Eisen alles, was der Mensch erbaute oder erfand, zerstören konnte. Als er schließlich aufstand und sich zum Gehen wandte, liefen ihm Schauer über den Rücken, obwohl es an diesem Sommernachmittag sehr heiß im Haus war.
Es gab wenige Dinge, die George ernst nahm, und es gab noch wenigere, die ihn nachhaltig beeindruckten. Doch jener Meteorit, der aus demselben Stoff bestand, welcher das Kernstück des Hazard-Vermögens bildete, war eine seltene Ausnahme. Er hatte nicht die geringste Absicht, in Mexiko einen Heldentod zu sterben, den man schnell vergessen würde; er hatte in den kommenden Jahren Wichtiges zu tun. Sollte Orry sein Leben damit verbringen, Grenzstreitigkeiten auf dem Schlachtfeld auszutragen. George wollte im Eisengeschäft dazu beitragen, daß die Welt sich veränderte.
Mitte September packte er seine Sachen und verabschiedete sich von seiner Familie. Taylor marschierte während eines achtwöchigen Waffenstillstands mit seiner Armee nach Monterrey in Mexiko. George verfolgte den Weg jener Armee, weil sein Regiment zu Taylors zweiter Division gehörte. Das Kommando führte General Worth. Das achte Infanterieregiment hatte bereits harte Kämpfe hinter sich und wohl noch einige vor sich.
Während der langen Bahnfahrt nach South Carolina versuchte George, seine Vorstellungen über die Nord- und Südstaaten zu ordnen. In West Point waren sich die Kadetten beider Lager darüber einig gewesen, daß die Yankees besser vorbereitet waren, weil es im Norden bessere Schulen gab. Die Südstaatler jedoch schränkten arrogant ein, daß dies keine Rolle spiele; der mutige und nicht der kluge Feldherr gewann normalerweise die Schlacht.
Hätte man George über regionale Unterschiede ausgefragt, würde er die Yankees als praktisch und als rastlos beschreiben, als neugierig auf den Alltag und darauf aus, alles zu verbessern. Im Gegensatz dazu schienen ihm die Südstaatler mit ihrem Hang zum Theoretisieren und Argumentieren sehr abstrakte Menschen zu sein, besonders in bezug auf Themen wie Politik, Sklaven und Verfassung, um nur drei zu nennen.
Die Sklaverei wurde immer als Positivum verstanden. Interessanterweise erinnerte sich George daran, daß Orry gesagt hatte, dies sei nicht immer so gewesen. Als Junge hatte Orry manchmal Gespräche seines Vaters mit fremden Herren mitangehört. Oftmals hatten sie sich über das merkwürdige System unterhalten, und einmal hatte er von Tillet die Bemerkung gehört, daß einige Aspekte der Sklaverei weder von Gott noch von den Menschen geduldet werden könnten. Doch Orry stellte fest, daß man sich nach dem Vesey- und dem Turner-Aufstand in Mont Royal nie mehr so freimütig geäußert hatte. Tillet sagte, solche Äußerungen könnten einem neuen Aufstand Vorschub leisten. George hatte keine feste Meinung in bezug auf das Sklavensystem. Er beschloß, das Thema in South Carolina nicht aufzuwerfen, und ganz sicher würde er den Mains nicht sagen, was die andern Hazards zu dieser Frage dachten. Seine Eltern waren zwar keine fanatischen Gegner der Sklaverei, aber sie waren überzeugt, daß das System völlig falsch war.
Orry holte George bei einer kleinen Waldstation der Eisenbahnlinie mit einer Kutsche ab. Auf der Fahrt zur Plantage unterhielten sich die beiden Freunde angeregt über den Krieg und die Ereignisse des vergangenen Monats. Orry teilte ihm mit, daß seine Familie zwei Wochen früher als üblich von ihrer Sommerresidenz zurückgekommen sei, um George begrüßen zu können.
George war von der üppigen Vegetation des Südens fasziniert. Mont Royal überwältigte ihn durch seine Größe und Pracht, und Orrys Familie fand er äußerst sympathisch. Dies galt zumindest für die meisten Familienmitglieder. Tillet Main machte auf ihn den Eindruck eines strengen Mannes, der Fremde scheute. Dann gab es noch Vetter Charles, einen liederlichen, hübschen Jungen, dessen Hauptbeschäftigung wohl darin bestand, trotzig zu lächeln und mit einem großen Messer Scheinangriffe abzuwehren.
Orrys Schwestern waren für George natürlich viel zu jung. Die knapp neunjährige Brett war zwar hübsch und intelligent, wurde aber von der elfjährigen Ashton in den Hintergrund gedrängt. Ashton war eines der hübschesten kleinen Mädchen, die George je gesehen hatte. Mit zwanzig würde sie eine richtige Schönheit sein.
Er verbrachte den ersten Tag in Mont Royal mit einem Besuch auf der Plantage, wo er sich über den Reisanbau informierte. Am späten Nachmittag kam er in die Obhut von Clarissa und ihren Töchtern, die ihn in eine reizvolle Laube in einer Ecke des Gartens mitnahmen. Als sie es sich alle in Korbstühlen bequem gemacht hatten, trugen zwei Negermädchen Limonade und Kuchen auf. Nach einer Weile entschuldigte Clarissa sich, sie mußte in der Küche zum Rechten sehen. Ashton faltete die Hände in ihrem Schoß und sah George mit ihren großen, dunklen Augen an.
»Orry sagt, daß Ihr Spitzname Stumpf ist. Sie sehen aber gar nicht wie ein Stumpf aus.« Sie lächelte, ihre Augen blitzten.
George fuhr sich mit dem Zeigefinger unter den engen Hemdkragen. Für einmal war er um eine Antwort verlegen. Brett kam ihm zu Hilfe: »Das ist die hübscheste Uniform, die ich kenne, obwohl ich ja noch nicht viele gesehen habe.«
»Nicht so hübsch wie das, was drin steckt«, sagte Ashton, und diesmal errötete George. Die Schwestern kamen ihm nicht wie kleine Mädchen, sondern wie Frauen vor. Er fühlte sich höchst unwohl bei diesem kleinen Flirt von Ashton.
Es mußte ihr Alter sein, dachte er. Sie war zu jung, um zu kokettieren – und doch tat sie es. Von hübschen Frauen fühlte sich George angezogen, aber schöne Frauen mied er. Meistens waren sie sich ihres guten Aussehens zu sehr bewußt und waren deshalb oft launisch oder schwierig. Dies würde wahrscheinlich auch Ashton Main so ergehen, dachte er. Ashton beobachtete ihn über den Rand ihres Glases hinweg. Er fühlte sich erleichtert, als er sich später wieder in Männergesellschaft befand.