Выбрать главу

Zwei Tage später kündigte Clarissa Main beim Abendessen an, daß sie ein Picknick organisieren würde, um George den Nachbarn und Verwandten vorzustellen.

»Wenn wir Glück haben, wird uns auch Senator Calhoun mit seiner Anwesenheit beehren. Er ist für einige Wochen zu Hause in Fort Hill gewesen. Er leidet nämlich an einer Lungenkrankheit, die in der Potomac-Gegend durch das dort herrschende Klima nur verschlimmert wird. Auf dem Land ist die Luft klar und rein; das verschafft ihm Erleichterung und deshalb – Tillet, warum um Himmels willen ziehst du ein solches Gesicht?«

Alle Blicke wandten sich dem Tischende zu. Man hörte ein fernes Donnergrollen. Ashton und Brett tauschten ängstliche Blicke aus. Dies war die Jahreszeit der Hurrikane, die mit zerstörerischer Gewalt vom Ozean her über das Land fegten.

»John benimmt sich kaum noch wie unsereiner«, sagte Tillet und wischte mit einer ärgerlichen Handbewegung ein Insekt beiseite, das auf seiner Stirn landen wollte.

In einer Ecke des Raumes stand ein kleiner Negerjunge mit einem Fliegentöter. Auf Tillets Handbewegung hin sprang der Junge vor und wedelte mit dem Instrument in der Luft, aber er wußte, daß er zu spät war. Er hatte seinen Herrn verärgert. Die Angst, die George in den Augen des Knaben lesen konnte, sagte ihm mehr über die Beziehung zwischen Herrn und Sklaven, als er in langen Gesprächen erfahren hätte.

»Bei jedem öffentlichen Anlaß erweisen wir John die Ehre«, fuhr Tillet fort. »Wir lassen Statuen errichten, die ihn als den größten lebenden Bürger des Staats, ja vielleicht sogar der Nation preisen. Doch dann bummelt er nach Washington und vergißt den Willen seiner Wähler.«

Cooper räusperte sich kurz, was seinen Vater ärgerte. »Aber«, sagte Cooper, »du willst doch nicht sagen, daß Mr. Calhoun nur dann als guter Patriot angesehen werden kann, wenn er mit dir einverstanden ist? Er mag zwar nicht beliebt sein, weil er gegen den Krieg ist, aber er ist aufrichtig. Und die meisten deiner andern Ansichten teilt und unterstützt er ja.«

»Was man von dir nicht behaupten kann. Eine Tatsache, die mir allerdings nicht besonders viel ausmacht.« George fühlte sich bei dem Sarkasmus nicht wohl und vermutete, daß es Tillet wohl sehr viel ausmachte.

»Schön«, gab Cooper zurück und machte eine Handbewegung mit dem Weinglas. Die bittenden Blicke seiner Mutter beachtete er nicht. »Mach dir keine Sorgen über meine Ansichten. Aber die Meinung der Nation läßt du zu deinem Nachteil außer acht.«

Tillet umschloß die Serviette mit hartem Griff. Er blickte verstohlen auf George und zwang sich zu einem Lächeln. »Mein Sohn hat sich selber zum Fachmann für Staatsangelegenheiten erklärt. Manchmal habe ich das Gefühl, daß er sich im Norden wohler fühlen würde.«

Cooper saß steif in seinem Stuhl. »Unsinn«, sagte er; er lächelte nicht mehr. »Ich verachte die verdammten Sklavengegner mit ihrem selbstgerechten Getue, doch ihre Heuchelei blendet mich nicht so sehr, daß ich die Wahrheit in einigen ihrer Argumente nicht sehen könnte. Sobald jemand uns im Süden kritisiert, benehmen wir uns wie bedrohte Stachelschweine. Die Yankees sagen, daß die Sklaverei ein Übel ist, und wir betrachten sie als Segen. Sie zeigen auf die Narben auf den Rücken der Neger – «

»In Mont Royal hat niemand Narben«, unterbrach ihn Tillet, indem er sich George zuwandte. Cooper kümmerte sich nicht darum.

»– und wir reagieren mit der Pauschalbehauptung, die Sklaven seien glücklich. Kein Mensch, der seine Freiheit nicht mehr hat, ist glücklich.«

»Paß auf, was du vor den Kindern sagst!« schrie Tillet. Doch der junge Mann war ebenso wütend wie der ältere. »Statt der Wahrheit aus dem Weg zu gehen, täten wir besser daran, etwas daraus zu lernen. Wir geben uns mit dem zufrieden, was wir seit hundertfünfzig Jahren gewesen sind: Bauern, deren Ernte vom Schweiß schwarzer Leibeigener abhängig ist. Männer wie Georges Vater ignorieren wir einfach, obwohl es ihrer im Norden immer mehr werden. Georges Vater stellt Eisen her: mit freien Arbeitern. Das Eisen wandert in Maschinen. Und die Maschinen sind die Zukunft. Die Yankees haben verstanden, was es mit diesem Jahrhundert auf sich hat, aber wir begreifen bloß das letzte Jahrhundert. Wenn Senator Calhoun nicht länger wie ein Papagei die institutionalisierten Weisheiten des Staats nachplappert, um so besser. Wir brauchen mehr Männer seines Kalibers.«

Clarissas Stimme war von ungewöhnlicher Schärfe, als sie sagte: »Es ist unhöflich von dir, so zügellos vor unserm Gast zu reden.«

»Ja, zum Teufel mit der Wahrheit! Gute Manieren über alles!« Cooper hob sein Weinglas, als wolle er einen Trinkspruch ausbringen. Tillet schlug ihm das Glas aus der Hand.

Der schwarze Junge mit dem Fliegentöter duckte sich. Das Glas zerschellte an der Wand. Brett stieß einen gellenden Schrei aus und drückte sich in ihren Stuhl, wobei sie ihre Augen mit der Hand bedeckte. Orry blickte seinen Gast an und zuckte die Achseln. Mit einem etwas verzerrten Lächeln bat er um Entschuldigung. Tillet schäumte vor Wut.

»Du hast zuviel Wein getrunken, Cooper. Es wäre besser, wenn du dich zurückziehen würdest, bis du dich wieder unter Kontrolle hast.«

»Ja, in der Tat«, sagte Clarissa. Obwohl sie dies mit sanfter Stimme gesagt hatte, war es ein Befehl.

Cooper schien wirklich ein bißchen angetrunken, dachte George. Der ältere Bruder stand auf, lachte und eilte aus dem Zimmer. Tillet war weiß im Gesicht; offensichtlich brachte ihn Spott noch mehr in Harnisch als ketzerische Worte.

Der Rest der Mahlzeit wurde schweigend eingenommen. George war deprimiert. Der Main-Haushalt war eindeutig gespalten. Wie der Norden und der Süden des Landes es nach Meinung seines Vaters wohl bald sein würden.

10

Obwohl das Picknick in der ›schlimmen‹ Jahreszeit stattfand, kamen mehr als zweihundert Menschen. Viele kamen direkt aus ihrer Sommerresidenz, einige sogar aus Columbia. George war zwar davon beeindruckt, aber nicht so stark wie von John Calhouns Ankunft am späten Vormittag.

Senator Calhoun und seine Frau Floride fuhren in einer alten, aber eleganten Kalesche vor. Freunde und Neugierige umringten das Vehikel. George hatte gehört, daß die Calhouns in Begleitung ihres Kutschers und dreier weiterer Neger, die der Kalesche in einem Eselskarren folgten, in Charleston übernachtet hatten.

In den letzten dreißig Jahren hatte niemand im öffentlichen Leben Amerikas mehr Rollen mit größerer Souveränität gespielt als der großgewachsene, hagere Mann, der behende der Kalesche entstieg und die ersten Willkommensgrüße entgegennahm. George konnte sich nicht mehr an alle Ämter erinnern, die Calhoun innegehabt hatte. Auf jeden Fall war er Kriegssekretär und Vizepräsident gewesen. Zu Beginn seiner Laufbahn war Calhoun ein eifriger Verfechter der Union und der Militärakademie gewesen. Hatten andere sich gegen das ehrgeizige Reformprogramm von Sylvanus Thayer ausgesprochen, so hatte Calhoun es unterstützt, weil er der Ansicht war, daß Amerika ohne starke Armee nicht wirklich stark sein konnte. Doch wenn man jetzt im Norden von Calhoun sprach, dachte man vor allem an eines: an seine Doktrin. Der Senator hatte mit seiner Doktrin in den 1830er Jahren für viel Aufregung gesorgt. Es ging damals um einen in South Carolina unbeliebten Schutzzoll. Calhoun vertrat die Meinung, daß jeder Staat das souveräne Recht habe, den Zoll aufzuheben, was in Tat und Wahrheit bedeutete, daß jeder Staat sich irgendeinem Bundesgesetz widersetzen konnte.

George wurde den Calhouns vorgestellt. Er vermutete, daß der Senator in den Sechzigern war. Alter und Krankheit hatten Calhouns Aussehen und Statur stark beeinträchtigt. Doch der volle graue Haarschopf und die leuchtend dunkelblauen Augen erinnerten an sein früheres gutes Aussehen.

Calhoun machte einige höfliche Bemerkungen über West Point und ging dann weiter; George machte der Mann einen erschöpften, verbitterten Eindruck. Sein Lächeln wirkte falsch, seine Bewegungen affektiert.