George wurde so vielen Leuten vorgestellt, daß ihm ganz schwindlig wurde, wenn er an all die Namen dachte: Main und Bull und Smith und Rhett und Huger und Boykins und LaMotte und Ravenel… Ein Mitglied der Smith-Familie, weiblich, etwa in seinem Alter, schien ebenso begeistert von seiner Uniform wie George von ihrem Dekolleté. Sie versprachen einander, sich in zwanzig Minuten beim Punschausschank zu treffen.
Herr Nagel, der Hauslehrer der Main-Schwestern, war bereits stockbetrunken. George half ihm zu einer Bank. Dann verbrachte er einige unangenehme Minuten im Gespräch mit Tillets Aufseher, einem kurzgeratenen Yankee namens Salem Jones. Jones’ engelhaftes Gesicht konnte über den gemeinen Ausdruck in den Augen nicht hinwegtäuschen. Er blickte seinen Gesprächspartner nicht direkt an, sondern starrte unentwegt auf einen Fixpunkt auf dem Rasen.
Einige der beliebtesten Sklaven des Hauses hatten einige Tische auf den Rasen stellen dürfen, wo sie unter sich ihr eigenes Essen einnahmen. Sie warteten auf den Befehl für ihren Chorauftritt. Calhouns schwarze Diener hatten sich sofort zu ihnen gesellt, und die Gesellschaft wurde langsam laut. Jones kniff die Lippen zusammen und beobachtete scharf.
Gewitterwolken verdüsterten den Himmel. Ein leichter Regenschauer ließ alle Schutz suchen. Als es fünf Minuten später zu regnen aufgehört hatte und die Gäste wieder zueinander gefunden hatten, konnte George das Smith-Mädchen nicht mehr finden. Er stieß plötzlich auf Orry und bemerkte dessen geistesabwesenden Blick.
»Welche Medusa ist denn dir über den Weg gelaufen, Stiel? Aha – klar.« Sein fröhliches Lächeln erlosch. »Ich sehe große Ringe an ihren Fingern, einer davon ein Ehering. Ist sie diejenige, in die du dich vor zwei Jahren verliebt hast?«
Mit weicher Stimme sagte Orry: »Sie ist sehr hübsch, nicht wahr?«
»Hübsch ist kein Ausdruck. Sie ist entzückend. Das also ist Madeline. Sie sieht erschöpft aus.« Und doch konnte er sich ihren merkwürdig starren Gesichtsausdruck nicht mit Müdigkeit erklären.
Orry sagte erklärend: »Sie ist eben aus New Orleans zurück. Ihr Vater hat einen weiteren Schlaganfall erlitten. Zwei Tage, nachdem sie ihn aufgesucht hatte, starb er. Sie mußte die Beerdigung ganz allein organisieren. Kein Wunder, ist sie abgekämpft.«
George bemerkte die Erregung in der Stimme seines Freundes. In den vergangenen Monaten hatte er nicht viel über die sagenhafte Madeline gehört und war zum Schluß gekommen, daß Orry seine Verliebtheit überwunden hatte. Er hatte sich getäuscht. Er betrachtete sie genauer. Trotz der Schatten unter ihren Augen war sie wirklich eine der schönsten Frauen, denen er in seinem Leben begegnet war. Sie hatte einen vollen roten Mund, und die helle Haut stand in verblüffendem Gegensatz zu ihrem glatten schwarzen Haar. Er trat näher an Orry heran.
»Kenne ich ihren Ehemann?«
»Ja. Der Kerl dort.«
Orry deutete mit dem Kopf auf einen der LaMottes. Dann erinnerte sich George. Justin war sein Name. Ein arroganter Kerl. Genau wie sein Bruder Francis, der mit seiner schlampigen Frau und seinem hübschen Sohn ganz in der Nähe stand. Der Sohn, mit seinem eleganten Mantel und passender Krawatte, schien genauso eingebildet wie sein Vater und sein Onkel. Sie benahmen sich, als ob sie nicht amerikanische Farmer wären, sondern aus einem europäischen Königshaus kämen.
»Wie kann sie es bloß mit diesen Menschen aushalten?« flüsterte er.
»Sie wird sehr gut damit fertig. Madeline könnte sogar den Teufel für sich gewinnen. Und meine Mutter sagte mir, daß sie ihre Pflichten auf der Plantage zur vollsten Zufriedenheit aller erfüllt. Dies ist außergewöhnlich, denn Madeline ist ja nicht dazu erzogen worden, Hebamme zu spielen oder eine Küche zu führen. Ich bin sicher, daß Justin ihre Fähigkeiten gar nicht zu schätzen weiß. Komm, ich stelle dich vor.«
Die beiden gingen auf Madeline zu. Für einen Augenblick belebte eine spontane Freude ihre Gesichtszüge und ihre Augen, dann erstarrte sie wieder. Auf George machte sie den Eindruck von jemandem, der eben etwas Fürchterliches entdeckt hat. Sicher hatte es etwas mit ihrem Ehemann zu tun, dachte er zynisch. Madeline entfernte sich von Justin. Bevor jedoch Orry mit ihr reden konnte, schlenderten Calhoun und Tillet Main mit weiteren Gästen im Schlepptau auf sie zu. Alle hingen an den Lippen des Senators.
»Manche behaupten, Tillet, daß meine Doktrin falsch gewesen sei. Ich bin nicht damit einverstanden. Von der Verfassung her ist sie korrekt, nur die Art und Weise, in der wir sie zur Anwendung bringen wollten, war tollkühn. Zum Scheitern verurteilt. Ein einzelner Staat kann sich nicht gegen die Macht der Bundesregierung durchsetzen. Doch mehrere Staaten zusammen, vereint und entschlossen – das wäre etwas anderes.«
Tillet räusperte sich. »Reden Sie von Sezession?«
Calhoun zuckte kurz und heftig die Achseln. »Nun, das ist ein Ausdruck, den man in letzter Zeit oft hier im Süden hört. Gerade neulich, in Charleston, sagte ein Herr, den ich sehr achte, die Sezession sei die einzig richtige Antwort auf Wilmots Antrag.« Er meinte damit den Vorschlag des Kongreßabgeordneten Wilmot, die Sklaverei auf jeglichem Territorium, das im Laufe der Friedensverhandlungen mit Mexiko erworben werden würde, ausdrücklich zu verbieten. Die Argumente dafür und dagegen hatten im ganzen Land heftige Kontroversen ausgelöst. Der Gesetzesentwurf war vom Kongreß verabschiedet worden, doch der Senat hatte ihn vor seiner Sommerpause zurückgewiesen.
»Der Mann hat recht«, sagte jemand. »Der Antrag ist eine wahre Provokation, eine Beleidigung für den Süden.«
»Was erwarten Sie denn anderes von einem Demokraten aus Pennsylvania?« fragte Tillet. »Im Norden kennt die Selbstgerechtigkeit keine Grenzen.«
Calhoun nickte. »Genau deshalb sind Gespräche über Sezession so aktuell. Vielleicht gibt es keinen andern Weg, um den Beschwerden und Klagen dieser Region Gehör zu verschaffen.«
»Ich würde sagen, weitermachen«, warf Justin LaMotte ein. Er ging an seiner Frau vorbei und warf ihr einen finsteren Blick zu. George konnte sich nicht vorstellen weshalb, es sei denn, sie wäre an der Diskussion interessiert gewesen – eine Frau unter einem Dutzend Männer. Die Frau des andern LaMotte war verschwunden.
Tillet sagte zu Justin: »So sehr ich auch einige dieser Yankee-Politiker verabscheue, so würde ich doch nach all den Kämpfen, die zum Aufbau dieser Nation geführt worden sind, auf keinen Fall eine Spaltung wollen.«
Calhoun verzog das Gesicht. »Das Wort wollen setzt einen falschen Akzent. Wenn es zur Spaltung kommt, dann wird man uns hineintreiben. Wir werden von jenen Nordstaatlern, deren einziges Vergnügen darin besteht, uns zu verspotten, mit Gewalt dazu gezwungen werden.«
»Es ginge uns besser, wenn wir selber eine Nation wären«, sagte Francis LaMotte.
»Wie kommst du dazu, so was zu sagen, Francis?«
Die weibliche Stimme ließ alle verstummen, und manchen stand der Mund offen. Justin sah aus, als ob er im Erdboden versinken wollte. Orry sah, wie schockiert er war und wie seine Scham sich zur Wut steigerte. Madeline schien sich nicht darum zu kümmern. Ihr merkwürdiger, starrer Gesichtsausdruck verschwand, und Leben kehrte in ihre Augen zurück. Nachdem sie einmal angefangen hatte, wollte sie auch weiterreden. Sie ging auf Calhoun zu.
»Senator, ich bin eine waschechte Südstaatlerin. Vor Jahren habe ich zum erstenmal Männer über die Abspaltung von der Union reden gehört. Mein Vater sagte, es sei bösartiges Gewäsch, denn so etwas sei unmöglich. Ich habe mir das seither überlegt und bin mit ihm einverstanden.«
Calhoun reagierte höflicher als die andern Männer, die finstere Gesichter machten und murrten. Aber auch er war offensichtlich verblüfft, daß eine Frau sich in das Revier der Männer vorwagte. Mit einem leichten Hochziehen der grauen Augenbrauen sagte er: »Tatsächlich, Madam?«
Madeline gelang es, ein entwaffnendes Lächeln aufzusetzen. »Aber ja, denken Sie nur an die praktische, konkrete Seite. Was würde denn, wenn wir souverän wären, passieren, falls der Baumwoll- und der Reismarkt zusammenkrachten? Das hat es ja schon mal gegeben. Wieviel Sympathie, wieviel Hilfe könnten wir dann von der andern Nation im Norden erwarten? Und wenn dort oben eine höchst unfreundliche Regierung an der Macht wäre? Wenn sie Gesetze erlassen würde, um uns daran zu hindern, Güter für den Alltagsbedarf zu kaufen? Wir sind vom Norden abhängig, Senator. Wir haben keine eigenen Fabriken. Keine wesentlichen Bodenschätze außer – «