Es dauerte nicht lange, und die Gesellschaft der an den Extratischen versammelten Haussklaven fing an, ihn zu langweilen. Greene genoß bestimmte Vorrechte und wußte genau, wie weit die Toleranz seines Herrn ging. Er genehmigte sich rasch zwei Schlucke Whisky aus einer Flasche, die er in seinem eleganten Ledermantel verborgen hielt. Dann suchte er eine Ablenkung.
In der Nähe des Küchengebäudes sah er, wie ein stämmiger Feldsklave Holz für den Herd stapelte. Die Luft neben der Küche war heiß wie die Hölle. Greene grinste und wartete.
Bald kam der Feldsklave wieder aus der Küche heraus. Greene winkte ihm zu und zeigte ihm flüchtig die Flasche unter seinem Mantel. Dann sagte er mit einem unschuldigen Lächeln: »Du scheinst großen Durst zu haben, Nigger. Komm her in den Schatten und kühl dich mit einem Schluck Schnaps ab.«
Das Angebot war verlockend, aber der Feldarbeiter widerstand. »Nigger dürfen nicht trinken. Das weißt du.«
»Natürlich weiß ich das, aber heute ist ein Fest, und Mr. Calhoun sieht uns nicht.«
Der Feldsklave blickte verstohlen auf die Schwarzen an den Extratischen. Sie aßen und plauderten und tranken alkoholfreien Punsch. Von Zeit zu Zeit stand einer auf, um einen Befehl auszuführen, während andere von Botengängen zurückkehrten.
»Ich darf mich auch nicht bei den Hausniggern aufhalten«, sagte der Feldsklave. »Das wollen sie nicht.«
»Laß das meine Sorge sein, Nigger. Ich bin Hausnigger von Mr. Calhoun; wenn ich dich also einlade, ist das okay.« Er dirigierte den Feldsklaven zu der Gruppe. »Wie nennt man dich?«
»Priam.«
»Toller Name. Nimm einen Schluck.«
Priam schwitzte und war durstig. Das und die überzeugende Art von Nathanael Greene ließen ihn seine Vorsicht vergessen. Greene führte ihn zu den andern. Natürlich erkannten sie Priam sofort und warfen ihm verächtliche Blicke zu, bis ihnen Greenes Absicht klarwurde: Er gestikulierte wild hinter Priams Rücken. Die Verachtung schwand aus ihren Blicken, Priams Gesichtszüge entspannten sich. In Abständen von drei bis vier Minuten zog Greene die Flasche hervor und schirmte Priam beim Trinken mit seinem Mantel ab. Es dauerte nicht lange, bis Priam zu kichern und sogar laut zu lachen anfing. Die übrigen Sklaven, außer zwei Frauen, die mit dem Spaß nicht einverstanden waren, grinsten und stießen einander an.
»N-noch einen Schluck«, sagte Priam.
»Klar«, grinste Greene, »da.«
Er hielt die Flasche mit ausgestrecktem Arm. Priam stolperte vorwärts, um nach der Flasche zu greifen. In letzter Sekunde zog Greene die Flasche weg. Priam strauchelte geradewegs gegen den Tisch und fegte mit der ausgestreckten Hand eine Schüssel Bohnen vom Tisch.
Greene lachte. »Gott, bist du ein Trampel.«
»Er ist eben ein dummer Feldnigger«, sagte jemand.
In Priams benebeltem Blick glimmte plötzlich Mißtrauen auf. »Gib mir die Flasche«, knurrte er.
Greene wedelte mit der Flasche. »Hier ist sie, Nigger. Sie ist dein, falls du sie überhaupt noch sehen kannst.«
Lautes Gelächter.
»Die Flasche!« brüllte Priam:
»Hoppla, der Herr«, sagte Greene und schwenkte die Flasche immer noch, »er erteilt seinen Vorgesetzten Befehle.«
»Wie eingebildet«, sagte ein anderer Sklave verachtungsvoll.
Priam blinzelte und wischte sich mit der Hand den Schweiß vom Nacken. Er sah zu, wie Greene die Flasche boshaft vor ihm hin und her schwenkte. Plötzlich schnellte er vor und versuchte die Flasche mit beiden Händen zu grapschen. Greene tänzelte zurück. Priam griff ins Leere und erntete schallendes Gelächter. Er senkte den Kopf und ging mit geballten Fäusten auf die andern los. Die Frauen kreischten, und die Männer stoben auseinander. Der Tumult brachte Tillet und einige Gäste auf den Plan. Tillet war wegen der Hitze schlecht gelaunt und hatte den Streit mit Cooper noch nicht verdaut. Seine Laune besserte sich auch nicht gerade, als er Vetter Charles mit einem zerrissenen Hosenbein unter einem der Tische entdeckte. In heller Begeisterung feuerte Charles die beiden Streithähne an.
Tillet erschien, als Priam gerade wieder Nathanael Greene packen wollte. Calhouns Sklave versteckte sich schnell hinter drei riesigen Haussklaven, und gerade als der Senator selbst kam, erkannte Greene den Besitzer von Mont Royal und schrie:
»Der Nigger dort ist auf mich losgegangen, er ist stockbetrunken.«
Tillet war dies mehr als klar. »Priam, geh in deine Hütte, wir besprechen dies später.«
Angst spiegelte sich auf Priams Gesicht. Ihm war klar, daß alle Haussklaven Greenes Partei ergreifen würden, und das machte ihn erneut wütend. Er ging auf Tillet zu und deutete auf die am Boden liegende Flasche.
»Ich habe einen Schluck daraus getrunken, weil Mr. Calhouns Nigger es mir angeboten hat. Er war freundlich, aber dann fing er an, mich zu beschimpfen.«
Tillet war so beleidigt, daß er kaum reden konnte. »Deine Erklärungen interessieren mich nicht.«
Greene lachte verwundert. »Was sagt der Nigger? Jeder weiß doch, daß Nigger keinen Alkohol trinken dürfen. Keinen Tropfen hat er von mir bekommen. Nein, Sir«, schloß er mit unschuldigem Blick auf seinen Besitzer.
»Er hat recht«, sagte eine schwarze Frau. »Der Nigger war bereits betrunken, als er hier ankam.«
Andere Haussklaven nickten und murmelten zustimmend. Einen Augenblick lang wollte Priam nicht glauben, daß seine eigenen Leute ihm dies antun könnten. Er sah aus, als hätte ihm jemand einen Dolch in die Brust gestoßen.
In selbstgerechtem Zorn hob Greene den Finger: »Hör auf, Lügen über mich zu erzählen und mich damit in Schwierigkeiten zu bringen, Nigger.«
»Nein«, sagte Tillet und packte seinen Sklaven am Arm. »Laß das, du sitzt bereits tief genug in der Tinte.«
Priam entzog sich Tillets Hand. Die Zuschauer hielten den Atem an. Die Luft knisterte vor Spannung. Tillet senkte den Blick und starrte seine Hand an, als könne er nicht glauben, was Priam eben getan hatte.
Dann kam Salem Jones. Er schlängelte sich neben seinen Besitzer und konnte ein Lächeln kaum unterdrücken. Priam stand leicht gebeugt, mit geballten Fäusten und schweißtriefenden Wangen da. Orry und George gesellten sich zu den Zuschauern. Wenn Tillet auch nicht sehen konnte, daß Priam die Kontrolle völlig verloren hatte, ihnen war es vollkommen klar.
»Am besten, wir gehen«, sagte Calhoun zu Nathanael. »Wenn du – «
»Nein«, sagte Tillet. »Das ist nicht nötig, John. Die Schuld liegt bei Priam.« Orry sah Anzeichen ungewöhnlicher Wut bei seinem Vater. »Du gehst in deine Hütte, Priam. Und zwar sofort, sonst ergeht es dir schlecht.«
Priam schüttelte den Kopf. Tillet erstarrte wie unter einem Schlag. »Ich befehle es dir zum letztenmal.«
Der Sklave schüttelte wiederum langsam den Kopf. Tillet wurde rot im Gesicht. In der Hoffnung, weiterem Unheil vorzubeugen, wollte Orry etwas zu seinem Vater sagen, doch bevor er den Mund aufmachen konnte, gab Tillet ein Zeichen. Jones verstand. Er zog seinen Knüppel unter dem Mantel hervor und winkte mehrere Hausnigger heran. »Jim, Aristoteles, packt ihn.«
Priam schrie und schwankte. Die Männer rücken näher und näher. Priam ging drei Schritte zurück und fiel rücklings über den Tisch. Schüsseln und Teller fielen zu Boden.
Jones sah zu, wie seine beiden schwarzen Helfer Priam überwältigten. Dann lehnte er sich über die Schultern von Jim und Aristotle und schlug Priam mit dem Knüppel. Er schlug ihn mehrmals. Mit dem letzten Schlag sank Priam in die Knie. Ein Blutfaden rann aus einer klaffenden Stirnwunde. Mit haßerfülltem Blick starrte er seinen Herrn an, der vor ihn getreten war.
»Ich habe dir ja gesagt, daß es dir schlecht ergehen würde, Priam. Ich wünschte wirklich, du hättest auf mich gehört.«