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Orry, der direkt neben seinem Vater stand, sagte: »Glaubst du nicht, daß er seine Strafe gehabt hat?«

Tillet war immer noch rot im Gesicht und keuchte. »Nein, Priam hat das Fest unterbrochen und mich vor meinen Gästen in Verlegenheit gebracht. Ich behandle meine Leute gut, aber Undankbarkeit oder Ungehorsam dulde ich nicht. Ich werde an diesem Nigger ein Exempel statuieren.«

Tillet gebrauchte den Ausdruck Nigger nie, wenn er von seinen Sklaven sprach, und Orry war sich im klaren darüber, daß er besser daran tat, seinen Vater nicht von seinen Plänen abzuhalten, welcher Art sie auch immer sein mochten.

Auch Priam nahm die außergewöhnliche Wut seines Herrn wahr. Als er im eisernen Griff der beiden andern Sklaven davonhumpelte, weinte er still vor sich hin.

In Resolute drehte sich Madeline zum zwanzigstenmal im Bett herum. Als sie vor einer Stunde das Nachthemd angezogen und die Kerze ausgelöscht hatte, wußte sie, daß sie lange nicht einschlafen würde. Zu vieles hatte sich ereignet, vieles würde noch geschehen, wenn sie mutig und tollkühn genug war, es zuzulassen.

Die offenen Schlafzimmerfenster ließen die Dunkelheit herein, aber kein Lüftchen regte sich. Unmittelbar unter ihrem Zimmer hörte sie jemanden durch das Haus tappen, um es für die Nacht abzusichern. Ihr Atem hob sich von den leisen Geräuschen der Nacht ab.

Justin war Gott sei Dank nicht im Hause. Er war mit seinem Bruder nach Charleston geritten; wahrscheinlich hatte er angenommen, daß sie allein sein mußte, um in der Stille über die Ungeheuerlichkeit ihrer Sünden und über deren mögliche Bestrafung nachzudenken.

Schweinehund, dachte sie, als sein selbstgerechter Gesichtsausdruck in ihrer Phantasie aufstieg. Es fiel ihr erstaunlicherweise immer weniger schwer, ihn in Gedanken mit Schimpfworten zu bedenken. Ach, wenn sie doch bloß mehr tun könnte! Wenn sie doch bloß den Mut hätte, ihn mit dem Geständnis zu konfrontieren, das ihr Vater, bevor er für immer die Augen schloß, abgelegt hatte. Sie sehnte sich danach, Justin anzulächeln und zu sagen:

»Liebling, ich habe die schmerzliche Pflicht, dir mitzuteilen, daß du mit einer Frau, die Negerblut in ihren Adern hat, verheiratet bist.«

Justin hatte ihr in der Zeit, in der er ihr den Hof machte, etwas vorgemacht, und so war es nur ausgleichende Gerechtigkeit, wenn sie ihm – wenn auch verspätet – ebenfalls sagen würde, daß auch sie ihm etwas vorgemacht hatte. Natürlich war dies nicht mit Absicht geschehen, denn die Wahrheit, die über die blassen Lippen ihres Vaters gekommen war, als sie im dunkel verhängten, schwach nach Kerzenwachs, Schweiß und Tod riechenden Zimmer an seinem Sterbebett saß, hatte sie weder wissen noch ahnen können.

Sein ganzes Leben lang war Nicholas Fabray besorgt gewesen, seiner Tochter den Weg zu ebnen, und er wollte dies auch in seiner letzten Stunde noch tun. Er versuchte, den Schock so gut wie möglich zu dämpfen, sprach bedächtig, aber gewandt von Madelines Mutter. Feinfühlig war sie gewesen, taktvoll und liebenswürdig. Erst dann offenbarte er ihr, daß ihre Mutter, obwohl sie wie eine Weiße aussah, in Tat und Wahrheit eine Viertel-Negerin war. Madeline hatte also ein Achtel Negerblut in sich.

»Warum«, sagte sie mit zitternden Händen, »warum sagst du mir dies jetzt?«

»Weil du mich verfluchen würdest, wenn du die Wahrheit jemals von einem andern erfahren würdest.« Unausgesprochen blieb sein etwas härterer Gedanke: Weil diese Wahrheit – ungeachtet meiner Bemühungen, sie zu verbergen – dich verletzlich macht, obwohl sie höchstwahrscheinlich kaum je ans Tageslicht kommt.

Er und seine Frau hatten es zu verheimlichen gewußt, daß Madeline ein Mischling war. Viertel- und Achtelnegerinnen konnten, wenn sie Glück hatten, die Gunst weißer Männer genießen und sogar von deren Reichtum profitieren. Aber solcher Segen war immer nur von kurzer Dauer, denn ein Mischling war nie etwas Besseres als die Mätresse eines weißen Mannes, seine elegante Geliebte.

Nicholas Fabray hatte sich geweigert, in diesem in New Orleans so beliebten Drama mitzuspielen. Er hatte die Frau, die er liebte, geheiratet, etwas, das sehr viel Mut brauchte. Das sagte er natürlich nicht. Doch Madeline verstand es und beugte sich über das Bett, um den gebrechlichen, halbgelähmten Körper ihres Vaters zu umarmen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Nein, fuhr Fabray fort, es gab nichts zu verlieren, indem er gewisse Tatsachen verbergen würde, es gab höchstens alles zu gewinnen. Es würde nicht schwierig sein, die Täuschung aufrechtzuerhalten, sagte er, denn Madelines Mutter war in der Halbwelt der Mischlinge der Stadt nicht bekannt. Und die Zeit hatte ein Ihriges dazu beigetragen, um das Geheimnis zu wahren. Madeline mußte nun ebenfalls schweigen können und die Sicherheit, die er so lange für sie gesucht hatte, bewahren. Schließlich erklärte er, weshalb er gewollt hatte, daß Madeline Justin LaMotte heiratete. Justin war nicht nur ein liebenswürdiger, anständiger Mann – Madeline wandte ihren Kopf ab, ein sardonisches Lächeln umspielte ihren Mund –, sondern er wohnte auch weit von Louisiana weg. In South Carolina würde sie kaum jemals mit der Wahrheit über ihre Herkunft konfrontiert werden. In New Orleans hingegen war diese, wenn auch sehr geringe, Gefahr vorhanden. Mit ersterbender Stimme murmelte Fabray etwas von einem Bild von Madelines Mutter.

»Ein Bild, Papa? Meinst du ein Porträt?«

»Ja, ein Porträt.« Er hatte seine Augen wieder geschlossen, und das Sprechen schien ihm schwerzufallen.

»Irgendwo gibt es also ein Porträt von ihr?«

»Gab es.« Er fuhr sich mit der Zungenspitze über die ausgedörrten Lippen. Dann öffnete er die Augen und versuchte seine Antwort etwas klarer zu gestalten, doch seine Stimme war so schwach, seine Worte so vage, daß sich daraus nicht viel Sinn für Madeline ergab. Sie hatte den Eindruck, daß das Bild verschwunden war. Über die Umstände sagte ihr Vater nichts.

Er verlor den Faden seines Gedankengangs, als sein Körper von leichten Krämpfen geschüttelt wurde. Sie hielt seine Hand und preßte die andere an ihre eigene Wange, als ob sie so ihren Kummer zurückzuhalten vermöchte. Sie rief nach einem Diener und befahl ihm, sofort einen Arzt zu rufen. Zehn Minuten, bevor er kam, starb Nicholas Fabray.

Der Schock kam erst am darauffolgenden Tag, nachdem sie sich um die letzten Einzelheiten des Begräbnisses gekümmert hatte. Dann brach sie zusammen und weinte beinahe eine Stunde lang über den Tod ihres Vaters und das schreckliche Geheimnis, das er ihr aufgebürdet hatte. Einen Augenblick lang haßte sie ihn dafür; wenn jemand im Süden auch nur einen Tropfen schwarzen Bluts hatte, war das genau so schlimm, wie wenn man pechschwarze Haut hatte.

Eine große Anzahl der führenden Politiker und Geschäftsleute der Stadt, Katholiken wie Protestanten, nahmen am Begräbnis teil. Sie waren in Begleitung ihrer weißen Gattinnen, und als Madeline das bemerkte, bewunderte sie das Geschick, mit dem ihr Vater die Täuschung durchgeführt hatte. Die letzten Reste jeglichen Ressentiments verschwanden; sie trauerte um ihn und segnete ihn.

Madeline, die in der Dunkelheit in ihrem Bett lag, wunderte sich, wie sie auf Orrys Wunsch nach einem geheimen Rendezvous hatte ja sagen können. Sie hatte jetzt schon Gewissensbisse, und doch war ihr klar, daß sie auf jeden Fall zu diesem einen Treffen gehen würde. Es war eine natürliche Reaktion auf Justins Grausamkeiten – aber auch eine klare Verletzung der Verhaltensregeln, an die sie sich bis jetzt in ihrem Leben gehalten hatte. Justin hatte zwar einen schlechten Charakter, und doch fragte sie sich, wie sie so etwas tun konnte. Viele Frauen hatten bis zu ihrem Tod ähnliche oder sogar noch schlimmere Mißhandlungen zu erdulden. War ihr Fall denn anders?

Die Antwort auf diese Frage war nicht rein logisch zu erklären. Etwas in den Augen des jungen Kadetten, in seiner höflichen Art, in seinem schüchternen Benehmen sprach sie auf einer tiefen und primitiven Ebene an. Dies stimmte, aber sie hatte Angst, daß er aufgrund seines Alters nicht sein konnte, was er zu sein schien.