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Sie legte einen Handrücken auf die Wange und gab einen kurzen traurigen Laut von sich. Ihr Leben, das ihr verstorbener Vater so sorgfältig und gewissenhaft in Ordnung gebracht hatte, schien hoffnungslos in Verwirrung zu geraten. Sie war dankbar dafür, daß Nicholas Fabray es nicht wußte.

Sie stellte sich Orrys Gesicht vor. Er war jung; das war ein großes Risiko, eines von vielen, das sie einzugehen bereit war. Eine weitere Gefahr würde auftauchen, wenn sie Resolute für das Rendez-vous verlassen würde. Sie schloß die Augen und konzentrierte sich auf einen Plan, um jeglichem Verdacht vorzubeugen, wenn sie morgen davonritt. Mit diesem Gedanken schlief sie ein und träumte, wie Orry sie küßte.

Genau wie Madeline konnte das Sklavenmädchen Semiramis an diesem Abend fast nicht einschlafen. Jones wollte ihrem Bruder etwas Schreckliches antun. Wahrscheinlich wollte er ihn auspeitschen. Priam hatte beim Picknick großes Aufsehen erregt. Die Sklaven von Mont Royal unterhielten sich für den Rest des Tages über nichts anderes. Die meisten waren der Ansicht, daß ihr Bruder das bekommen würde, was er verdient hatte. Sie sagten gemeine Dinge über ihn, weil sie ihn um seinen Mut beneideten. Er sprach immer vom Norden, von der Flucht in die Freiheit. Man nannte ihn einen Aufschneider. Sie sagten, er würde es nie tun, weil sie wußten, er könnte es wagen und sie nicht. Semiramis wollte schlafen, sie wollte vergessen, daß man ihren Bruder schlagen würde. Sie warf sich auf der dünnen, säuerlich riechenden Drillichmatratze hin und her; sie konnte nicht still liegen, sie war zu angespannt.

Durch die Ritzen der geschlossenen Tür hindurch sah man flackerndes Licht. Im Hof hinter dem Haus von Old Jones hatte man Fackeln angezündet. Bald würde die Bestrafung vollzogen werden, wie sie an den Fackeln und an der außerordentlichen Stille der Nacht erkennen konnte. Niemand in der ganzen Sklavensiedlung sprach oder lachte.

Ein flüchtiges Klopfen an der Tür. Sie richtete sich erschrocken auf.

»Wer da?«

Ein Schatten verdeckte das flackernde Licht. »Cuffey.«

»O Gott, nein«, schrie sie, »heute nacht nicht.« Sie hatte vor mehreren Monaten damit begonnen, sich mit Cuffey zu vergnügen, obwohl er noch sehr jung war, zu jung, wie einige der eifersüchtigen alten Frauen sagten. Aber sie hatten ihn nie nackt gesehen und hatten keine Ahnung, was er alles mit seinem prächtigen –

Bevor sie den Gedanken zu Ende denken konnte, war der Junge schon hereingekommen und neben die Matratze niedergekniet.

»Ich bin nicht deswegen gekommen. Ich bin wegen Priam gekommen.«

»Jones wird ihn auspeitschen.«

»Hm, hm, schlimmer. Jones hat den alten Mäusefänger von Kater aus dem Herrenhaus mitgebracht. Sie werden ihn mit der Katze auspeitschen.«

Entsetztes Schweigen. Dann sagte Semiramis: »O Jesus, lieber Jesus. Das wird ihn umbringen.« Sie hielt sich die Hände auf den Magen. Ihr Bruder hatte Mr. Tillet größeren Ärger bereitet, als sie angenommen hatte. Priam mußte wohl sehr stolz gewesen sein und sich verteidigt haben. Sie war nicht dabei gewesen, sie hatte bloß davon gehört; sie hatte zu der Zeit anderswo gearbeitet. Jetzt wollte sie am liebsten zum Herrenhaus rennen und um Gnade bitten. Cuffey brachte sie davon ab. Er blieb bei ihr und murmelte, während sie auf den ersten Schrei warteten, leere Trostworte.

Der Hof war durch die in den Boden gesteckten Fackeln hell erleuchtet. Priam lag mit ausgestreckten Gliedern bäuchlings auf dem Boden. Jones hatte eine Mannschaft von etwa zwanzig Sklaven um sich versammelt, denn wenn die Arbeit dieser Nacht anständig erledigt wurde, so konnte die Plantage während Jahren Nutzen daraus ziehen. Für viele andere Nigger, die vielleicht etwas rebellisch waren, würde es eine nachhaltige und abschreckende Lektion sein. Man hatte Priam gezwungen, sich auszuziehen, niederzuknien und seinen Kopf zu senken, während man Taue um seine Hand- und Fußgelenke knüpfte. Mit diesen Tauen wurden seine Glieder in gespreizte Haltung gebracht.

In der Dunkelheit waren Vogel- und Tierlaute zu vernehmen. In den Sklavenhütten herrschte ungewöhnliche Stille. Gut, dachte Jones. Viele hörten oder sahen zu. Sie würden sich die Lektion sicherlich zu Herzen nehmen, und die Berichte der Zeugen würden noch eine bekräftigendere Wirkung haben.

Ein großer Neger namens Harmony hielt einen groben Leinentuchsack mit ausgestrecktem Arm. Der Sack zuckte und wand sich, als ob er ein Eigenleben hätte. Jones betrachtete ihn genüßlich, während er sich Zeit nahm, dick gepolsterte Reithandschuhe überzuziehen. Er hatte in Mont Royal noch nie Gelegenheit gehabt, diese Handschuhe zu benützen, aber er hatte sie für alle Fälle in seinem Koffer aufbewahrt. Er war sowohl überrascht als auch erfreut, daß Tillet Main, den er im geheimen verachtete, fähig war, ein Auspeitschen mit der Katze anzuordnen. Jones schritt an Priams Kopf vorbei, damit dieser einen Blick auf die gepolsterten Handschuhe werfen konnte. Dann rückte er an den drei Eimern mit Salzwasser herum, das er auf Priams Wunden gießen wollte. Er hatte die Salzwasserlösung aus eigenem Antrieb als Zugabe hinzugefügt.

Er machte eine Bewegung in Richtung des Sacks und streckte dann seine rechte Hand darüber aus.

»Okay, Harmony – jetzt.«

Der Sklave öffnete nervös den Sack. Jones fuhr mit seiner behandschuhten Hand hinein. Tastend bekam er den Kater an den Hinterbeinen zu fassen und zerrte das wütende Tier ans Licht.

Die Sklaven schluckten leer und traten zurück. Aus Angst, eine der scharfen Vorderkrallen könnte ihm ins Auge geraten, hielt Jones den Kopf halb abgewendet. Schließlich kriegte er die Hinterläufe des Katers fest in den Griff.

Keuchend vor Aufregung stellte Jones sich auf die rechte Seite von Priam, wobei er einen Stiefel neben dessen Hüfte und einen auf die Höhe der Rippen setzte. Dann schwang er die sich windende Katze wie einen Golfschläger an den Hinterbeinen durch die Luft. Das Tier krallte sich zwischen Priams Schultern fest und riß ihm das Fleisch bis ans untere Ende der Wirbelsäule auf, bevor Jones die Katze wieder in die Höhe schwang. Er lächelte, als er die blutüberströmten Krallen sah.

Priam hatte nicht geschrien, aber er hatte seine Unterlippe beinahe durchgebissen, wie Jones feststellte. In fast freundlichem Ton sagte er: »Wir sind noch nicht fertig. Noch nicht.«

George lag schlaflos im Gästezimmer des zweiten Stockwerks. Er hatte sich bis auf seine baumwollene Unterhose ausgezogen, aber er war immer noch in Schweiß gebadet. Er hatte Magen- und Kopfschmerzen.

Es war kein erfreulicher Tag gewesen. Der Ärger mit jenem Sklaven Priam hatte Orry aufgeregt und in Verlegenheit gebracht. Er hatte sich George gegenüber plötzlich befangen gefühlt und nur noch das Nötigste gesprochen. Der Zwischenfall hatte auch George nicht gleichgültig gelassen. Zum erstenmal seit seiner Ankunft mußte er über alles, was er gesehen hatte, nachdenken. Er machte sich besonders über die Sklaven und über das, was er in ihren Gesichtern und in ihren Augen gelesen hatte, Gedanken. Es widerstrebte ihm, Böses von Menschen zu denken, die ihn so liebenswürdig aufgenommen und behandelt hatten. Doch was er in Mont Royal gesehen hatte – nun, die Schlußfolgerungen drängten sich geradezu auf. Es erschütterte ihn. Jetzt endlich verstand er die Kommentare von zu Hause, besonders diejenigen von Virgilia.

»Mein Gott«, sagte er plötzlich, schoß aus dem Bett auf und rannte zum Fenster. Weit weg, irgendwo in der Nacht, hörte er jemanden schreien. Er war sicher, daß es der Sklave war, der bestraft wurde. Während etwa fünf Minuten hörte er ununterbrochenes Schreien. Als es aufgehört hatte, lag er wieder im Bett und starrte die Decke an. Er hatte Zweifel, ob er den Rest der Nacht würde schlafen können. Er wußte, daß er dieses Schreien nie mehr vergessen würde.

Cooper war auf die Schreie hin mit flatterndem, verschwitztem Nachthemd die Treppe hinuntergerannt. Seit Wochen hatte er das Gefühl gehabt, daß sich eine Krise in seinem Leben zusammenbraute, daß der Status quo unerträglich geworden war. Aber irgendein wichtiges Ereignis war nötig gewesen, um ihn zur Tat anzuspornen. Heute nacht war es soweit. Die Sklaven wohnten etwa einen halben Kilometer vom Herrenhaus entfernt. Wenn man die Schreie so weit hören konnte, so besagte dies einiges. Zuviel. Ohne anzuklopfen, stürmte er in die Bibliothek. »Was in Teufels Namen tun sie mit Priam?« Tillet blickte seinen Sohn durch eine dicke Tabakwolke hindurch an. Auf seinem kahlen Kopf glitzerte Schweiß. Alle Fenster waren geschlossen. Um unangenehme Geräusche fernzuhalten?