»Ich habe angeordnet, daß er mit der Katze ausgepeitscht wird.«
Coopers Züge verhärteten sich. »Mein Gott, das ist barbarisch.«
Tillet sprang auf. »Ich bin nicht an deinen frommen Äußerungen interessiert.«
»Und wie steht es mit deinen Äußerungen?«
»Wovon redest du?«
»Neulich abends hast du Orrys Freund selbstgefällig mitgeteilt, daß man in Mont Royal keine vernarbten Rücken findet. Kannst du mir die Narben von Priam erklären?«
»Ich brauche nichts zu erklären, du sarkastische Rotznase. Priam ist mein Eigentum, und ich kann mit ihm tun, was ich will.«
Die beiden Männer standen sich Auge in Auge gegenüber. Cooper spürte plötzlich Übelkeit in sich hochsteigen.
»Er ist ein Mann. Du nennst ihn Eigentum. Dieser Staat und der ganze verdammte Süden werden sich wegen dieser unmenschlichen Idee ruinieren.«
»Die Lektion ist mir bekannt.« Tillet schwenkte seine Pfeife, die eine Rauchspur in der stickigen Luft hinterließ. Er wandte seinem Sohn den Rücken zu. »Sei so nett und laß mich allein.«
Beim Hinausgehen schlug Cooper die Tür hinter sich zu.
Das Frühstück am nächsten Morgen war eine düstere Angelegenheit. George erkundigte sich bei Orry nach Priams Befinden. Orry schien die Frage zu ärgern, er teilte seinem Freund höflich mit, daß der Sklave in der Krankenstation liege. Wenige Minuten später sagte Orry, daß er für den Rest des Vormittags sowie am frühen Nachmittag weg sein würde. Er gab keine Erklärung dafür und entschuldigte sich auch nicht, daß er seinen Gast allein ließ; er war äußerst nervös. George wunderte sich darüber.
Clarissa kam herunter, offensichtlich hatte sie eine schlechte Nacht hinter sich. Schweigend stocherte sie in ihrem Essen herum und sah fast dankbar aus, als sie plötzlich wegrennen mußte, um einen Streit zwischen Orrys Schwestern zu schlichten.
Cooper kam. Sein Haar war zerzaust, sein Hemd hing aus seiner zerknitterten Hose heraus. Er ließ sich in den Stuhl neben George fallen, schenkte seinem Frühstück keinerlei Aufmerksamkeit und murmelte mit belegter Stimme etwas vor sich hin. Nur einmal konnte George verstehen, was er sagte:
»Hier kann ich nicht bleiben. Kann nicht hierbleiben und so was leiten helfen. Das ganze System ist nicht nur ein Verbrechen, es ist Blödsinn. Blöd und zum Scheitern verurteilt.«
Cooper schlurfte bald aus dem Zimmer hinaus. Orry hob eine Augenbraue hoch. »Ich frage mich, was um Himmels willen mit ihm los ist.« Es war als rhetorische Frage gemeint, aber George gab zur Antwort: »Er roch nach Wein. Ich sage so was zwar nur ungern über deinen Bruder, Stiel, aber ich glaube, er ist betrunken.«
Mont Royal und Salvation Chapel waren in der Luftlinie nur zwei Meilen voneinander entfernt. Doch die kleine, ausgebrannte Kirche war bestens im Wald versteckt und konnte nur auf einem sich durch Wald und Sumpf schlängelnden Weg erreicht werden. Der Ritt dauerte beinahe eine Stunde. Als die Wege zusehends enger und bewachsener wurden, war Orry zunehmend sicherer, daß Madeline nicht auf ihn warten würde. Wahrscheinlich waren seine flüchtig geflüsterten Angaben zu ungenau gewesen, oder, was eher wahrscheinlich war, sie hatte den Weg für eine Frau allein zu gefährlich gefunden.
Vor fünf Jahren hatte die Kirche ihre Tore geschlossen. Als der zuständige Pastor, ein Methodistenprediger, während einer besonders bombastischen Predigt plötzlich tot umfiel, hatte man keinen Nachfolger finden können. Die Gemeinschaft der Gläubigen war ohnedies nie sehr groß gewesen: einige kleine Reisfarmer mit ihren Familien sowie einige freie Schwarze, denen es gestattet war, den Gottesdienst zu besuchen.
Die Weißen wanderten ab. Die Schwarzen blieben. Bald hatte die Kirche den Ruf eines illegalen Versammlungsortes für Schwarze, wo sie verbotene Themen wie allgemeine Befreiung, Rebellion, besprechen konnten. Eines Nachts wurde die Kirche niedergebrannt. Man wußte nicht, wer der oder die Täter gewesen waren. Einem Gerücht zufolge hatten die LaMotte-Brüder ihre Hände im Spiel. Die freien Neger waren nie mehr zurückgekehrt, die Kirche wurde von der Vegetation überwuchert…
Auf drei Seiten von Wald eingefaßt, war dies ein ausgezeichneter Platz für ein geheimes Rendez-vous. Von der vierten Seite aus hatte man einen atemberaubenden Blick über das sich über mehrere Meilen erstreckende Sumpfland. Als Orry die letzten vierhundert Meter hinter sich brachte, waren seine Gefühle in Aufruhr. Er hatte keine übermäßige Angst vor Justin LaMotte, aber er befürchtete, daß er Madeline einem unnötigen Risiko ausgesetzt hatte. Er rief sich in Erinnerung, daß sie ja wahrscheinlich nicht da sein würde. Doch wenn sie da sein sollte, was wollte er denn von ihr? Ehebruch? Sosehr auch ein Teil in ihm dies beschämt zugeben mußte, sagten ihm sein Gewissen und seine Sorge um ihr Wohlergehen doch, daß dies unmöglich sei.
Seine Gefühle waren durch die Ereignisse in Mont Royal noch mehr in Bewegung geraten. Orry schämte sich, daß George nun Zeuge jener Grausamkeiten geworden war, wegen denen die Nordstaaten den Süden verurteilten. Seine Verlegenheit trieb ihn seinem Freund gegenüber in eine Abwehrhaltung. Als er die letzten herunterhängenden Äste wegschob und sein Pferd zu der Kapelle lenkte, war er mehr als nervös. Die Überreste verkohlter Balken und Seitenwände waren schon seit geraumer Zeit auf das zertrümmerte Kalkfundament gestürzt. Stille lag über dem Sumpfland und der verlassenen Ruine. Auf Orrys Gesicht spiegelte sich Enttäuschung. Ein Pferd wieherte. Im Unterholz knisterte es. Madeline tauchte am Rande des Sumpfgebietes zu seiner Linken auf. Sie hatte hinter einigen Bäumen das sonnenbeschienene Ried und das glitzernde Wasser betrachtet.
Er sprang vom Pferd herunter, legte ihm die Zügel um den Hals und rannte ihr entgegen. Wie hübsch sie in ihrem eleganten Reitkostüm aussah! Er faßte sie an den Schultern, lehnte sich vor und zog sich dann plötzlich mit rotem Gesicht zurück.
»Ich habe nicht einmal daran gedacht, Sie zu fragen, ob es für Sie gefährlich sei, hierherzukommen.«
Sie lächelte befangen und zuckte die Achseln. »Nicht besonders. Zumindest heute nicht. Ich errege nie viel Aufmerksamkeit, wenn ich weggehe, um die Kranken zu besuchen. Das erwartet man von einer Frau. Ich habe meinen Hausboten gesagt, daß ich nach dem Besuch noch eine Weile für mich alleine reiten gehen wolle. Das verstehen sie. Sie wissen, daß Justin unerträglich sein kann. Abgesehen davon ist er bis morgen abend mit Francis in Charleston. Aber ich kann natürlich nicht ewig hierbleiben.«
Er streckte seine Hand aus, um die ihre zu ergreifen. Ihr Lächeln erlosch, sie schien plötzlich angespannt. »Ich bin sehr froh, daß Sie hier sind«, sagte er. »Würden Sie schlecht von mir denken, wenn ich Ihnen sagte« – er schluckte –, »wenn ich Ihnen sagte, daß ich Sie küssen möchte?«
Panik überflutete ihr Gesicht, doch sie hatte sich so blitzschnell wieder unter Kontrolle, daß er sich fragen mußte, ob er überhaupt richtig gesehen hatte. Hastig fügte er hinzu:
»Wenn Sie der Gedanke durcheinanderbringt, ziehe ich meine Frage zurück.« Ihre Augen erwärmten sich wieder, ihr Mund entspannte sich und machte einem herzlichen Lächeln Platz. »Das können Sie nicht, es ist zu spät. Abgesehen davon« – sie erwiderte den Druck seiner Finger – »möchte ich, daß Sie mich küssen. Ich habe bloß ein klein wenig Angst. Das ist alles.«