Mit ungeschicktem Ungestüm zog er sie in seine Arme. Ihr Mund war weich und kühl. Nie hatte er die Zunge einer Frau so gespürt wie die ihrige. Er schämte sich seiner Leidenschaft, aber es schien ihr nichts auszumachen, und sie preßte sich noch enger an ihn. Sie scherzten nicht mehr miteinander, sondern erlebten gemeinsam einen intensiven Moment des Zusammenseins mit wilden Küssen auf Augen, Wangen und Ohrläppchen und ließen ihren Gefühlen, ihren Sehnsüchten freien Lauf. Er mußte laut sagen: »Madeline, ich liebe dich. Ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt.«
Sie lachte und hatte Tränen in den Augen. Sie berührte sein Gesicht, und die Worte sprudelten nur so aus ihr hervor:
»Oh, mein lieber Orry. Mein Kavalier. Auch ich liebe dich, weißt du das nicht? Es wurde mir wie dir am Tag unsrer Begegnung klar, und ich habe seither versucht, es nicht wahrzuhaben.« Sie bedeckte sein Gesicht und seinen Mund erneut mit Küssen. Seine Hand legte sich ganz natürlich und ohne, daß er sich etwas dabei gedacht hätte, auf ihre Brust. Sie erschauerte und preßte sich fester an ihn. Dann zog sie sich zurück. Beide wußten, was geschehen würde, wenn sie sich jetzt von ihren Gefühlen überwältigen ließen.
Sie setzten sich auf das Fundament der ehemaligen Kapelle und beobachteten die weißen Reiher, die mit wunderschönen, anmutigen Kreisen aus dem Sumpf aufstiegen. Er legte den Arm um sie, und sie lehnte sich an ihn. Sie saßen in völligem Schweigen da, wie Gestalten auf einem Gemälde.
»Hat dein Ehemann«, er räusperte sich. »Hat er sich in irgendeiner Weise gerächt, als ihr nach Hause gekommen seid?«
»O nein. Die kleine Demütigung in Mont Royal reichte ihm.«
Orry sagte mit einem finsteren Blick: »Du mußt es mir sagen, wenn er dich jemals körperlich verletzen sollte!«
»So weit geht er nicht. Seine Grausamkeit ist subtiler und bedeutend wirksamer. Justin kennt zahllose Möglichkeiten, jemanden seelisch zu verletzen. Er weiß, wie man einem Menschen nur mit einem Lachen oder einem Blick jegliches Selbstwertgefühl nehmen kann. Ich finde, die Männer in diesem Staat sollten sich nicht vor einem Aufstand ihrer Sklaven, sondern vor einer Rebellion ihrer Frauen fürchten.«
Er lachte und berührte sie am Ärmel ihres Reitanzugs. »Mit weltlichen Gütern ist er offenbar nicht knauserig. Wieviel hat denn dies gekostet?«
»Zuviel. Du hast recht, er geizt mit nichts, außer mit Rücksichtnahme auf die Gefühle der andern. Sobald er glaubt, daß ich etwas brauche, kauft er es. Von ihm aus könnte ich tun und lassen, was ich wollte, solange ich eines nicht vergesse: daß ich eine LaMotte bin. Und eine Frau.«
»Die Dinge sähen anders aus, wenn du mit mir verheiratet wärst. Ich wollte, du wärst es.«
»Oh, ich auch. Sehr sogar.«
»Ich hätte dich nicht bitten sollen, mich einfach so zu treffen, aber« – er blickte sie an und versuchte seinen Kummer zu verbergen – »ich mußte dir einmal meine Gefühle mitteilen.«
»Ja.« Sie drückte ihm leicht die Hand auf die Wange. »Ich auch.« Er küßte sie lange und leidenschaftlich.
Als sie sich aus seiner Umarmung löste, hatte ihre Stimme plötzlich einen bitteren Klang. »Justin denkt langsam, daß ich als Frau nichts tauge.«
»Wieso?«
»Ich habe ihm keine Kinder geschenkt.«
»Ist es so, weil – ich meine…« Er unterbrach sich und wurde rot.
»An Bemühungen seinerseits fehlt es nicht«, sagte sie und errötete selbst leicht. »Seine Versuche, Vater zu werden, sind sogar sehr – heftig.«
Orry hatte ein Gefühl, als ob jemand ihm ein Messer in den Magen gerammt hätte. Er saß reglos da. Der Schmerz ließ nur langsam nach. Madeline fuhr fort: »Ich wage es, so offen zu sein, weil ich niemanden habe, mit dem ich über diese Dinge reden könnte. In Wirklichkeit«, – sie blickte ihn ernst an –, »bin ich davon überzeugt, daß es Justins Schuld ist, daß ich nicht schwanger geworden bin. Ich habe erfahren, daß seine erste Frau ebenfalls kinderlos geblieben ist.«
»Das stimmt«, sagte Orry.
»Ich darf natürlich nie sagen, daß er für diesen Zustand verantwortlich ist.«
»Er erlaubt dir solche Gedanken nicht, nicht wahr?«
»Er will überhaupt nicht, daß ich irgendwelche Ideen habe.«
Während der nächsten Stunde unterhielten sie sich über alles mögliche: über seinen Freund George, den Krieg, der sie beide wahrscheinlich nach Mexiko in den Kampf führen würde, über Priams Ungehorsam und seine Bestrafung sowie über den darauffolgenden Tumult in der Familie. Irgendwie schien das alles nicht wirklich. Für eine Weile gab es keine Außenwelt, nur diesen verborgenen Ort und keine andere Kraft als die Liebe. Schließlich ging jedoch die Sonne langsam unter, und Madeline stand auf.
»Ich muß gehen. Ich kann nicht mehr hierherkommen, lieber Orry. Küß mich zum Abschied.«
Sie umarmten und küßten einander und ließen während einigen Minuten zitternd ihre Gefühle sprechen. Dann half er ihr in den Sattel. Als sie, anmutig im Damensattel sitzend, das Pferd um die Ruine herumlenkte, blickte sie noch einmal zurück und hielt inne.
»Wenn du aus Mexiko zurück bist, werden wir einander bestimmt gelegentlich sehen. Auf Festen, auf Hochzeiten. Und wenn immer ich dich ansehe, wirst du genau wissen, was ich fühle. O Orry, ich liebe dich so sehr.«
Freude und Schmerz schwangen in diesen Worten. Sie verschwand aus seinem Blickfeld, und zwanzig Minuten später machte er sich auf den Heimweg. Fast wünschte er sich, daß das Treffen nie stattgefunden hätte. Es hatte eine tiefe Wunde, die bereits vernarbt gewesen war, noch tiefer aufgerissen. Jetzt würde sie nie mehr heilen.
11
Nach dem Abendessen schlenderten George und Orry zum Bootssteg hinunter. George schmauchte eine Zigarre. Orry hatte keinerlei Erklärung für seine Abwesenheit abgegeben und war offensichtlich nervös. Das und die Ereignisse vom Vortag versetzten George ebenfalls in eine gereizte Stimmung.
Sie saßen auf einem Baumstumpf und betrachteten die sich im Ashley spiegelnden Abendsterne. Plötzlich wurde im Haus eine Tür aufgerissen, und sie sahen, wie Clarissa den Weg hinunter zur Sklavensiedlung eilte.
»Sie sieht bestürzt aus«, sagte George.
»Ich vermute, daß es Priam schlecht geht. Brett hat mir gesagt, daß meine Mutter heute nachmittag zweimal in der Krankenstation gewesen ist.«
George blies den Rauch durch Mund und Nase. »Sie sorgt sich sehr um eure Sklaven, nicht wahr?«
»Mit Recht. Die wissen ja nicht, wie sie sich um sich selbst kümmern sollen; sie sind wie Kinder.«
»Vielleicht, weil man ihnen nicht erlaubt, etwas anderes zu sein.«
»Ach komm, wir wollen keine Diskussion anfangen.«
»Diskussion ist etwas für Politiker, ich habe lediglich meine Meinung zum Ausdruck gebracht.«
»Ich nehme an, du bist fertig damit«, schnappte Orry.
Aus Orrys Tonfall schloß George, daß es klüger wäre, nichts mehr zu sagen. Doch irgendwie konnte er das nicht. Sein Gewissen war plötzlich sehr laut geworden – was selten vorkam –, und er würde weder Ruhe noch Frieden finden, bevor er nicht gesagt hatte, was ihm auf dem Herzen lag. Er redete ruhig, aber bestimmt:
»Nein, ich bin noch nicht ganz fertig. Deine Familie ist wunderbar, Orry. Liebenswürdig, großzügig und in mancherlei Hinsicht sehr fortschrittlich. Dasselbe könnte man auch von den meisten Nachbarn sagen, zumindest von denen, die ich kenne. Doch was die Sklaverei anbelangt, nun – nun ja, da bin ich mit deinem Bruder einverstanden. Die Sklaverei ist ein offenkundiges Verbrechen.«
»Ich dachte, du würdest dir nie über solche Dinge Gedanken machen.«
»Hab’ ich auch nicht; bis gestern.« George klopfte die Asche von der Zigarre. »Was haben sie mit jenem Sklaven angestellt?«
Orry hob den Blick nicht von dem sternenübersäten Fluß. »Ich weiß es nicht; was auch immer es gewesen sein mag, es war notwendig.«