»Aber das ist gerade das, was mir nicht in den Kopf will. Es sollte nicht notwendig sein, daß ein Mensch den andern verletzt. Wenn ein System das verlangt oder befürwortet, dann ist dieses System falsch.«
Orry stand auf. Sein Gesicht glühte. George war über die Schärfe seiner Stimme verblüfft.
»Darf ich dir etwas über die Südstaatler sagen? Die Südstaatler sind es leid, dauernd von selbstgerechten Yankees für jede Kleinigkeit kritisiert zu werden. Cooper hat einiges über die schmutzigen Lebensbedingungen der Arbeiter der Hazardwerke erzählt. Ist denn wirtschaftliche Sklaverei weniger verwerflich als das hier?«
Auch George war jetzt aufgestanden. »Augenblick mal, diese Arbeiter – «
»Nein, ich bin noch nicht zu Ende. Der Norden sollte erst mal vor der eigenen Tür wischen, bevor er mit dem Finger auf andre zeigt. Wenn es im Süden Probleme gibt, dann werden die Südstaatler sie lösen.«
»Ich habe nicht den Eindruck, daß ihr irgendwelche Probleme löst, mein Freund. Und ihr werdet höchst selbstgefällig und gereizt, wenn euch jemand Beine machen will.«
»Wir sind gereizt, wenn die Yankees uns antreiben wollen. Wir werden stinkwütend. Seit dreißig Jahren mischt sich der Norden in unsere inneren Angelegenheiten ein. Wenn das so weitergeht, kann es nur eines bewirken.«
»Einen getrennten Staat, der Sklaverei betreibt? Deine Südstaatenbekannten in West Point haben schon immer diese Drohung ausgesprochen. Nun, macht weiter so! Spaltet euch ab!«
»Nein, das ist keine Drohung«, konterte Orry. »Aber ich verspreche dir, daß es Ärger geben wird, viel Ärger für jeden Außenseiter, der uns beibringen will, was wir zu denken und wie wir uns zu benehmen haben.«
»Meinst du mit Außenseiter auch mich?«
»Verdammt noch mal, ja«, sagte Orry und ging auf den Landungssteg hinaus.
An jenem Abend überlegte sich George, ob er packen und abreisen sollte. Aber er blieb. Er wußte, daß Orry schwere Sorgen hatte, und er vermutete, daß seine Sorgen nichts mit ihrer Diskussion zu tun hatten. Aber der Streit ließ ihm dennoch keine Ruhe. Er erkannte einen neuen, düsteren Aspekt des Sklavenproblems.
Er konnte verstehen, daß sich Bekannte oder politische Gegner wegen dieser Frage in die Haare gerieten, aber wenn sie sogar eine Freundschaft bedrohte, mußte sie wohl von enormer Bedeutung sein.
In den nächsten Tagen herrschten Spannung und erzwungene Höflichkeit. Die beiden Freunde machten ihren Streit erst am Abend, bevor sie nach Charleston reisen mußten, wieder gut. Nach mehreren Drinks ergriff Orry die Initiative.
»Schau, wir sollten gegen die Mexikaner und nicht gegeneinander kämpfen.«
»Da hast du völlig recht«, antwortete George mit großer Erleichterung. »Es tut mir leid, daß ich meine Nase in deine Angelegenheiten gesteckt habe.«
»Mir tut es leid, daß ich dich angegriffen habe.«
Sie erneuerten ihr Freundschaftsbündnis und stießen nochmals darauf an. Doch die Erinnerung an diesen Streit und an seine Ursache blieb beiden im Gedächtnis.
Der Küstendampfer fuhr um Florida herum in den Golf. Die See war bewegt. In den ersten Tagen hing George die meiste Zeit über der Reling. Als der Dampfer New Orleans anlief, um weitere Vorräte an Bord zu nehmen, war George sehr dankbar, daß er für wenige Stunden festen Boden unter den schwachen Beinen fühlen konnte.
Er und Orry schlenderten durch die Hafenanlagen und die Altstadt; dann tranken sie einen bitteren, schwarzen Kaffee. George hatte drei Zeitungen gekauft, und nach der zweiten Tasse Kaffee informierte er sich wieder einmal gründlich. General Taylor hatte gegen Ende September Monterrey belagert und eingenommen. Sein Ruhm wuchs. Politiker sagten, daß Taylor der nächste Präsidentschaftskandidat, Gegner der Demokraten, sein würde, es sei denn, sein Vorgesetzter, General Scott, würde ebenfalls kandidieren. Manchmal fiel es George schwer zu glauben, daß sein Land und Mexiko miteinander im Krieg standen; vor etwas mehr als zwanzig Jahren hatte die mexikanische Regierung die Yankees zur Kolonisierung des Staates Coahuila y Texas aufgefordert. Dies war in den letzten Tagen der spanischen Herrschaft in Mexiko gewesen. Bald darauf wurde Mexiko unabhängig, und damit schienen alle Schwierigkeiten ihren Anfang zu nehmen. Die Verfassung von 1824 wurde immer wieder durch Revolutionen gewaltsam geändert. Eine Regierung löste die andere mit atemberaubender Schnelligkeit ab.
Im Jahre 1836 entbrannte der kurze, blutige Kampf um die Unabhängigkeit von Texas. Anfang März desselben Jahres wurden die Texaner, die die Alamo-Mission verteidigten, niedergemetzelt. Kaum einen Monat später gingen die Männer von Sam Houston als Sieger aus dem Krieg hervor und begründeten in San Jacinto die freie Republik Texas. Seither waren die Ressentiments auf seiten der Mexikaner nie mehr erloschen.
George stellte fest, daß ein Name, der häufig im Zusammenhang mit den mexikanisch-amerikanischen Beziehungen der letzten zwanzig Jahre gefallen war, erneut in den Nachrichten auftauchte: General Antonio Lopez de Santa Anna war mit seinem Gefolge und seiner siebzehnjährigen Frau freiwillig aus seinem Exil in Kuba zurückgekehrt und würde wahrscheinlich wieder einmal das Kommando über die mexikanische Armee übernehmen. Der listige General, der jetzt eben zweiundfünfzig war, hatte bereits in so vielen verschiedenen Lagern gekämpft, daß man seine Laufbahn nur mit Hilfe einer Chronik verfolgen konnte. Erst hatte er als junger Armeeoffizier der spanischen Krone gedient, dann hatte er sich den rebellierenden Mexikanern angeschlossen und war militärischer Oberbefehlshaber, Präsident und schließlich Diktator Mexikos gewesen. Er hatte die blutige Schlacht von Alamo gewonnen und in San Jacinto eine Niederlage erlitten, wo er beim Versuch, verkleidet zu entfliehen, schmählich gefangengenommen wurde. Als er sein Land gegen einen Wiedereroberungsversuch der Spanier in Tampico verteidigte, hatte der kleine Napoleon des Westens ein Bein verloren, das in der Folge während seiner Herrschaft in Mexico City in einem Schrein ausgestellt und später, als sich sein Schicksal wendete, vom Pöbel durch die Straßen geschleppt wurde. Der Mann war ein gewiegter Taktiker, dachte George bei sich, er wußte sein Mäntelchen nach dem Wind zu hängen, wie sich dies bei den gegenwärtigen Grenzstreitigkeiten erneut bewies.
Nach seiner Niederlage hatte der General persönlich den Friedensvertrag von 1836 unterzeichnet, wonach der Rio Grande die Grenze zwischen Texas und Mexiko bildete. Nun aber gab er bekannt, daß zwar sein Name auf dem Dokument stehe, dies aber nicht bedeute, daß die Regierung unterschrieben habe. Folglich war die mexikanische Regierung durchaus berechtigt, den Vertrag zu widerrufen und um das umstrittene Gebiet zu kämpfen – selbstverständlich unter seinem Kommando.
Als George sich mit Orry darüber unterhalten wollte, mußte er feststellen, daß sein Freund keinerlei Interesse zeigte. Er war erstaunt – bis ihm wieder in den Sinn kam, daß Madeline LaMotte aus New Orleans stammte. Er stand auf und teilte Orry mit, daß er zurück an Bord gehe, um einen Brief nach Hause zu schreiben. Orry schloß sich ihm sofort an, und vom Augenblick an, da sie der Stadt den Rücken zuwandten, war er sichtlich besserer Laune.
Der Dampfer pflügte sich durch den Golf in Richtung Rio Grande. Plötzlich kam ein für diese Jahreszeit zwar nicht ungewöhnlicher, jedoch derart heftiger Sturm auf. daß das Schaufelrad auf der Backbordseite des Schiffs schwer beschädigt wurde und man vor Saint Joseph Island vor Anker gehen mußte. Alle Soldaten wurden mit Leichtern nach Corpus Christi gebracht.
Die Freunde trennten sich für einige Stunden. Orry war von der flachen Sandküste von Texas fasziniert. Als er durch die schmutzige Hauptstraße schlenderte, stellte er mit Erstaunen fest, daß hinter den heruntergekommenen Gebäuden Antilopen grasten. Ein Ladenbesitzer warnte ihn vor Taranteln, und er gab die Warnung an George weiter. George war jedoch an andern Aspekten der Natur interessiert; seine Informationen waren allerdings niederschmetternd.»Ich bin einer einzigen Frau begegnet. Häßlich wie die Nacht. Vielleicht habe ich heute abend mehr Glück.«